Knuths Lost & Found Oktober 46

 

Die Ereignisse, die seit dem 7. Oktober die Welt erschütterten, gingen SoSUE Mann Knuth nicht mehr aus dem Kopf. In seinem Monatsrückblick hinterfragt er seinen Gemütszustand und fragt sich, wozu das alles? Weiter hat er ein paar Tipps für euch parat: den Netflix-Hit und deutsche Grusel-Crime-Serie „Liebes Kind“, lest über „Nagomi“ den japanischen Weg zu Harmonie und erfahrt, warum Igor Levits neues Album „Fantasia“ so gut ist.

#Niewieder

Oktober 2023 – Nichts als nackte Erde. Graue Wolken brechen das Sonnenlicht. Der Horizont sendet weiche Wellen an den Strand. Als würde die Natur ihn streicheln. Er braucht jetzt jede Art von Zuwendung, denn das vergangene Orkantief hat ganze Arbeit geleistet. Die Dünen sehen aus wie angeknabberte Kekse. Die aufgewühlte Brandung hat kräftig zugebissen und viel Sand verschluckt. Baumstämme, Europaletten und jede Menge angespültes Seegras liegt verlassen da, als sei ein Heer überstürzt geflohen. Keine Frage, hier tobte eine Schlacht. Raben begutachten bedächtig die Reste. Es ist die Ruhe nach dem Sturm.

Ich stehe an einem Kliff auf Rügen. Die Ostsee beruhigt mich. Einige Tage nach dem 7. Oktober, hatte ich das erste Mal Zeit, dass ich die Geschehnisse für mich einordnen konnte. Ich brauchte ein wenig, um die Realität anzunehmen. Dass meine Wut, Trauer, Sorge, Frustration, Fassungslosigkeit und Ohnmacht mich nicht komplett überwältigt haben, war mitunter eine anstrengte Prüfung.

Wut über den feigen Terror der Hamas-Terroristen, der junge Menschen auf einem Festival ermordet und entführt, Familien im Schlaf hinrichtet und Eltern die Kinder raubt. Und was meinen Zorn weiter steigerte, ist, dass der Hass der Hamas besonders Frauen traf. Misshandelt und gequält wurden sie als Geiseln wie Trophäen auf Social Media vorgeführt. Die Instrumente der Entmenschlichung beherrscht die Terrororganisation. Die Bilder des Pogroms auf Twitter oder Telegram schaue ich mir nicht an, den Gefallen werde ich der Hamas nicht machen. Was Zeitungen und Fernsehen berichten, reicht mir aus, um angewidert zu sein. Trauer über die vielen Opfer und das viele Leid, das jetzt auf beiden Seiten noch folgen wird. Sorge um das palästinische Volk, das für die Taten einen hohen Preis zahlen wird, weil es von der Hamas als Schutzschild missbraucht und als Volk unterdrückt wird. Frustration über Menschen, die sich jetzt offen zu einer antisemitischen Israel-Feindlichkeit bekennen oder leichtfertig antisemitische Stereotypen wiederholen und weiterverbreiten. Fassungslos musste ich erfahren, dass Juden und Jüdinnen in Deutschland wieder Angst haben müssen. Warum wirkt dieses Gift des Antisemitismus nach der Shoah immer noch? Es macht mich völlig ratlos. Ich weiß immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Wie soll ich mit solchen Menschen in Zukunft reden? Dazu kommt meine Ohnmacht, dass ich kaum etwas unternehmen kann, um mehr Unheil zu verhindern. So hilflos habe mich selten gefühlt. Aber wie bekomme ich mich angesichts vieler schlechter Nachrichten wieder in den Griff, um den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren?

Die Pandemie, der Ukrainekrieg mit seinen Folgen und die Klimakrise haben meine Nerven nicht verschont. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen hat diesmal länger bei mir gebraucht. Aber mich der Wirklichkeit zu verweigern, sie aufzurüschen oder gar in Apathie zu fallen, ist für mich keine Option. Fast lächerlich kommen mir Tipps von Influencern jetzt vor, die empfehlen, mal ein paar Me-Time-Tage einzulegen, um dieses Grauen zu überwinden. Es ist in Ordnung, sich eine Auszeit von der Realität zu nehmen, das mache ich auch. Ich bin kein Trauerkloß mit Weltschmerz. Mein Eskapismus ist das Laufen, Lesen oder das Reisen, das brauche ich, um meinen Alltag zu bewältigen und ihn manchmal auch zu vergessen. Aber eine Weltenflucht als Dauerzustand zu propagieren, halte ich für wenig erwachsen und nicht für sehr produktiv. Terror-Organisationen wie die Hamas und Diktatoren wie Putin wird es leider immer wieder geben. Wir können diese Arschlöcher nicht wegatmen, wegchillen oder wegshoppen. Hier am Meer schwindet meine Resignation, weil ich das Schreckliche anerkenne und weiß, dass Sicherheit keine Konstante im Leben ist.

„Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!“, schrieb der Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl in seinem Buch „...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Ich - wir - müssen einen Weg finden, dass es eine bessere Zukunft gibt, die nicht nur in Talkshows und auf bunten Insta-Posts stattfindet. Frankl hat mehrere Jahre die größten Unmenschlichkeiten erlebt und kam zu dem Schluss, dass selbst in einem deutschen KZ möglich ist, einen Sinn im Leben zu sehen. Dafür hat er eine simple Formel entwickelt, die WIDEG-Frage: „Wofür ist das eine Gelegenheit?“ Die Shoah Überlebende fanden eine Antwort, sie gründeten den Staat Israel, um endlich frei in Frieden leben zu können. Ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Und trotz allen Elends und Schmerz könnte die aktuelle Situation die Gelegenheit sein, dass das viel beschworene „Nie wieder“ endlich beginnt. Lasst uns damit anfangen. Jetzt. Das Leben erwartet es von uns.

 


 

 

Liebes Kind

 

 

Falls du regelmäßig in einen dunklen Keller musst oder du gerne allein durch den Wald joggst, dann schau dir diese Serie bitte nicht an. Nachdem ich mir die Serie angeschaut habe, bildete ich mir ein, dass jedes bürgerliche Leben ein grausames Geheimnis birgt. Je ordentlicher, desto verdächtiger. Zur Serie: Eine Frau und ihre Tochter fliehen aus ihrer Gefangenschaft. Die Polizei und Betreuer stehen vor einem Rätsel. Der Kommissar Gerd Grüning (Hans Löw) und seine Kollegin Aida Kurt (Haley Louise Jones) kommen hinter das Geheimnis eines 13 Jahre alten ungelösten Vermisstenfall. Und je tiefer sie ermitteln, desto verstörender und spannender wird die Serie. Zurecht steht die Serie an der Spitze der Netflix-Charts. Ich bin begeistert, auch wenn ich mir Häuser, die einsam in der Landschaft rumstehen, jetzt genauer anschauen werde und um seltsame Kinder mache ich in Zukunft einen großen Bogen - ich glaube, ich sehe zu viel Serien.

Liebes Kind – Verfügbar auf Netflix

 


 

Nagomi

 

 

Das Buch hatte mich schon länger im Buchladen angeschaut und interessiert, weil ich mir ein paar Einblicke in die japanische Lebensart versprach, tatsächlich hat der Autor, der Hirnforscher Ken Mogi, der Nagomi wissenschaftlich betrachtet, meine Erwartung erfüllt. Anhand vieler Beispiele erläutert er, wie man sein persönliches Nagomi, also Harmonie für sich findet. Die japanische Kultur zeigt Wege zu einem stressfreien, ausgeglichenen und gesunden Leben auf. „..so gesehen ist Nagomi zutiefst kreativ: Selbstbehauptung und Selbstverneinung fließen ganz natürlich ineinander im Versuch, sich mit der Welt in eins zu setzen..“ Verstanden. In der Selbstverneinung bin ich schon Meister, ich werde es mal in den nächsten Monaten mit Selbstbehauptung versuchen. Mehr als schiefgehen kann es nicht.

Nagomi – Ken Mogi, 176 Seiten, Dumont

 


 

Fantasia

 

 

Ich bin froh, dass es Kunst gibt, sie ist ein Balsam für die Seele. Es spielt dann keine Rolle bei mir, ob es ein Bild, Film oder Musik ist. Aber diesmal war ich sehr froh, dass Igor Levit mit seinem neuen Album am Start ist, um mal im Musikjournalisten-Deutsch zu bleiben. Während ich an diesem Monatsrückblick schrieb, hat mich seine Klaviermusik begleitet. Das Liszt Stück gefällt mir, weil es die Kraft von einer sentimentalen Altherrn-Punkband hat, die einen rührt und gleichzeitig irritiert. Zeit-Online schrieb „Mach doch mal langsam, du musst nicht schon wieder springen. Aber, und auch das erzählt dieses Album: Er muss. Denn Fantasia ist, wie eigentlich immer bei ihm, auch das Resultat seines Ringens mit der Gegenwart, sein Reim auf die Welt.“ Ist das nicht bei jedem Künstler so, darum wird der Mensch Künstler, weil die Gegenwart so schwer erträglich ist? Was soll ich sagen, mit dem Album wird sie auf Fälle erträglicher, also Igor hau weiter in die Tasten – merci.

Fantasia – Igor levit mit Werken u. a. von Bach und Liszt, verfügbar auf Spotify und Apple Music

 


 

Ahsoka

 

 

Es ist Zeit, dass ich mich bekenne: Ich stehe auf alle Filme, in der die Gravitation überhaupt kein Problem mehr ist. Das Star Wars Universum mit seinen vielen Filmen und Serien sind meine absoluten Favoriten. Neu dazugekommen ist Ahsoka. Das Imperium scheint besiegt zu sein, bis die ehemalige Schülerin von Anakin Skywalker und Jedi Ritterin Ahsoka Tano (Rosario Dawson) herausbekommt, dass in einer fernen Galaxie noch fiese Imperiums-Left-Overs befinden, die von Großadmiral Thrawn (Lars Mikkelsen) angeführt werden. Ahsoka macht sich auf die Jagd, um sein Versteck zu finden. Wären da nicht ein paar fiese Hexen, wäre dieser Zickenkrieg nur zwei Folgen lang. Die Weltraumoperette hat von allem etwas: Hamlet, Jason und die Argonauten, Robin Hood, Kung Fu, Waltons, Macbeth, Beowulf, Odyssee, Nibelungensage, Artus Sage, Tim und Struppi, Lassie, die Glorreichen Sieben und Yoga. Vielleicht die beste Achtsamkeitsserie ohne Energieprobleme. Einfach anschauen. Möge die Macht mit euch sein.

Ashoka – Verfügbar auf Disney

 


 

Die Netanjahus

 

 

Anfang der 60er-Jahre lehrt der Historiker Ruben Blum und einzige Jude an einem Provinz-College. Alles läuft friedlich, die Kollegen sind freundlich, seine Frau arbeitet in der Bibliothek, Eltern und Schwiegereltern lassen sich selten blicken, nur seine pubertierende Tochter nervt manchmal. Alles könnte so weitergehen, hätte ihn sein Dekan nicht dazu verpflichtet, sich um seinen neuen Kollegen Ben-Zion Netanjahu zu kümmern, der eine neue Stelle bekommen soll. Er als Jude wüsste am besten, wie man mit dem Gast aus Israel umgeht. Die Netanjahus mit ihren drei verzogenen Söhnen fallen in das Haus der Blums ein wie eine biblische Plage. Blum sieht seine mühsam errungene Akzeptanz in Gefahr. Der Campus Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Mit viel Komik und Slapstick nimmt Joshua Cohen die jüdische Selbstfindung auf den Arm. Vorlage für den fiktionalen Roman war tatsächlich Benjamin Nethanjahus Vater Ben-Zion. Cohen hat großen Spaß, das Leben der berühmten Politikerfamilie durch den Kakao zu ziehen. Zurecht, wie ich finde. Ich musste sehr lachen.

Die Nethanjahus – Joshua Cohen, 288 Seiten, Schöffling & Co

 

*** 

Vielen Dank für deine Zeit. Ich hoffe, dir geht es gut und du genießt den Herbst. Wir sehen uns im Dezember wieder. Dann geht es schon auf Weihnachten zu.

Bis bald und liebe Grüße Knuth

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope


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