Knuths Lost & Found Dezember 48

 

Drei Sekunden markieren den flüchtigen Übergang von der Gegenwart zur Vergangenheit. Doch was hält die Zukunft für uns bereit? Diese Frage beschäftigt den SoSUE-Mann Knuth in seinem Monatsrückblick. Dabei entdeckt er ein interessantes Phänomen: Viele Deutsche scheinen ein Gefühl der Unsicherheit gegenüber der Zukunft zu empfinden und zeigen Anzeichen von Veränderungsmüdigkeit. Außerdem teilt Knuth seine persönlichen Highlights aus dem Jahr 2023 mit euch – von Büchern bis hin zu Serien, die ihn beeindruckt haben.

#nofuture

Dezember 2023 - Eins. Zwei. Drei. Noch mal: Eins. Zwei. Drei. Das sind drei Sekunden. Irgendwo habe ich letztes Jahr gelesen, dass die Gegenwart etwa drei Sekunden dauert, bis sie sich in Vergangenheit verwandelt. Doch leider verschwieg der Artikel, wie lange es braucht, bis einem die Zukunft erreicht oder sie andauert. Jetzt im neuen Jahr würde ich sehr gerne wissen, was mich in den nächsten Monaten erwartet. Ein bisschen Vorhersehbarkeit wäre schön. Meine Erfahrung ist, dass die Zukunft sich meistens im Kleinen bemerkbar macht und sich eher ins Leben hereinschleicht.

Mich hatte die Zukunft beispielsweise in einem Redaktionssekretariat in den 90er-Jahren im letzten Jahrhundert eingeholt und sie brauchte länger als ein paar Sekunden. In meinem überquellenden Postfach gefüllt mit Briefen, Tageszeitungen, Faxe und Päckchen fand ich eine Ankündigung meines Verlages, dass bald jeder Mitarbeiter seine eigene E-Mail bekommen sollte. Es vergingen noch ein paar Wochen, bis alle Rechner startklar waren. Dann ging es los und die schöne neue Welt empfing mich mit offenen Armen.

Die erste Mail - meine erste Mail im Leben überhaupt - die ich in meinem neuen digitalen Postfach öffnete, weil sie ganz oben an erster Stelle stand, war die Ankündigung einer mir unbekannten Kollegin, die den gesamten Verlag informierte, dass sie am Nachmittag einen Arzttermin hatte. Es waren viele Mails. Erstaunt stellte ich fest, dass die Zukunft bei meinen Kollegen und Kolleginnen viel schneller angekommen war als bei mir. Ich hinkte schon wieder Minuten hinterher. Vielleicht liegt es an meiner inneren Einstellung; gerne schau ich den Pionieren beim Ausprobieren zu, um später aus ihren Fehlern zu lernen. Mich interessieren nicht die erfolgreichen Menschen wie Steve Jobs oder Elon Musk, mich machen Schicksale neugierig, die mit den gleichen Ideen davor gescheitert sind. Von ihnen kann ich am meisten lernen.

Wie ungeduldige Kinder, die als erste ihre Spuren im frischgefallen Schnee reintrampeln wollen, wollten viele die allerersten Mailschreiber sein. Das Mitteilungsergebnis war enorm. Jeder hatte etwas zu sagen und schrieben es an alle anderen im Verlag. Alle glaubten, ihre Stimme findet jetzt endlich Gehör. Ein Aberglaube, den Social-Media-Unternehmen heute noch skrupellos für sich ausnutzen. Nach der Abwesenheitsmail folgte ein Redakteur, der sein gebrauchtes Ikea-Sofa anbot, in der nächsten E-Mail regte sich jemand über den vielen Schmutz in unseren Teeküchen auf, wieder andere suchten günstige Ferienwohnungen, es folgten viele euphorische Hallo-Welt-Mails, Scherzkekse machten sich über andere Teilnehmer lustig und nicht zu vergessen die vielen Dicken-Eier-Hurra-Mails von Geschäftsführern, Ressortleitern und Chefredaktionen. Danach folgten unzählige Reaktionen auf die ersten Mails. Viele empörten sich, dass doch bitte nicht immer alle an alle schreiben sollten, wenn sie ein Anliegen hätten oder nicht im Büro wären. Ein paar Fortschrittsnörgler ließen uns wissen, dass sie auch weiterhin mit uns telefonieren werden, weil das persönliche Gespräch immer noch besser sei, als geschriebene Mails und dem ganzen Unterfangen keine Chance gaben. Zu der Zeit gab es noch keine Netiquette und alle wollten ihren Senf dazugeben.

Kaum hatte sich die Zukunft in meinem Büro breitgemacht, war ich schon müde, irritiert und auch ein wenig genervt. Schließlich überflog ich die meisten Mails nur noch. Ich war selbst schuld an der Situation, weil ich aus Höflichkeit und Unerfahrenheit viele Mails gelesen hatte. In jener Zeit ahnte ich schon, dass ein Mehr an Kommunikation nicht unbedingt heißt, dass sich alle untereinander besser verstehen werden, sondern es komplizierter wird.

Die Apathie, die mich am Ende beim Lesen meiner vielen Mails heimsuchte, war das erste Symptom von „Change-Fatigue“. Diese Veränderungsmüdigkeit kann zu Resignation führen, wenn neue Veränderungen oder Prozesse in unser Leben treten und uns überfordern. Meine Veränderungsmüdigkeit war bei mir eher ein Sekundenschlaf. Mit der Zeit erlernten wir den Umgang mit E-Mails, führten Regeln ein und begannen, die Vorteile zu schätzen. Die Aufregung legte sich. Keiner hatte mehr Probleme damit. Die Zukunft war kaum da und schon wurde sie zur Gegenwart. E-Mails wurden eine Selbstverständlichkeit für uns.

Wenn ich auf das vergangene Jahr 2023 zurückblicke, bemerke ich eine zunehmende Veränderungsmüdigkeit bei den Menschen. Es ist nicht nur der massive technologische Wandel, der unser Leben gewaltig durcheinanderbringt, sondern dazu kommen auch die vielen Krisen und Katastrophen, die uns in den letzten Monaten heimsuchten. Oft sind es die Folgen vieler verlorener Wetten auf die Zukunft. Wir hätten es vor Jahren besser machen können.

Was bei mir noch ein Sekundenschlaf war, ist heute ein kollektives Wachkoma: eine gesamtgesellschaftliche Apathie. Es ist nicht so, dass dieser Zustand unbemerkt geblieben ist. Statt sich der neuen Zeit zu stellen, reagieren wir mit Hypereskapismus oder wir verfallen in Nostalgie. Besonders letzteres macht uns zu schaffen. Wir schauen lieber zurück. „Damals war alles besser“, heißt es überall. Ich glaube, wenn sich die Deutschen eine Lieblingszeit aussuchen könnten, wäre es der Sommer 2014, als Deutschland Fußballweltmeister wurde. Keine Inflation, keine Flüchtlingskrise, kein Krieg, keine fiesen Viren, keine Dürresommer mit Waldbränden, kein Gendern, viel billige Energie, das gelobte Land hieß China und Putin galt als doof, aber irgendwie ok. In den Merkel-Jahren war das Buffet reich gedeckt. All-you-can-eat hieß es. Eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung herrschte im ganzen Land.

Schrieb ich oben noch, dass die Zukunft meist leise kommt, erscheint sie diesmal mit lautem Getöse. Kein Wunder, dass wir uns überlastet fühlen und manch einer bei einem alltäglichen App-Update schon die Fassung verliert. Und vielleicht ist das der Grund, warum die Deutschen die Zukunft im Moment nicht so mögen, weil sie uns einschüchtert. Die Konsequenz? Es wird Sicherheit statt Experimente gefordert. Der Hinweis, dass andere Länder Experimente längst gewagt haben und jetzt führend in der Digitalisierung oder E-Mobilität sind, verpufft regelmäßig. Angst isst Ideen auf.

No-Future grölten die Punks dem Establishment vor Jahrzehnten entgegen und seltsamer Weise haben ausgerechnet wir Deutschen den Anarcho-Slogan verinnerlicht. Verweigerungskonzepte gegenüber der Zukunft haben noch nie Früchte getragen. Am Ende hat immer die Zukunft gesiegt, weil sie die beste aller Zeiten ist. Außerdem muss es nicht unbedingt Verlust oder Verzicht bedeuten. Schritt für Schritt können wir die neuen Herausforderungen meistern. Unsere Herzen sollten stets nach vorne gerichtet sein, egal wie gut oder schlecht die kommenden Zeiten werden.

 

 


 

 

Hier sind meine persönlichen Highlights aus Lost & Found 2023

 

Wednesday

 

 

Gott stellt mir die Frage: „Knuth möchtest du mit Wednesday Adams oder mit Emily aus Paris auf einer einsamen Insel leben wollen?“ Ich würde mich sofort für Wednesday Adams entscheiden. Warum? Weil die Frau Bücher liest, Cello spielt, Gedichte schreibt, wortkarg ist, muffig guckt, intelligent ist, Insekten sammelt und eine große Portion Sarkasmus besitzt. Außerdem hat sie einen Style, der den Begriff Mode auch wirklich verdient. Empowerment, was willst du mehr. So eine neo-liberale iPhone-Göre wie Emily würde mich auf die Palme bringen. Es liegt daran, dass ich Griesgrame in Filmen mag. Wer dafür auch ein Herz hat, darf die Serie nicht verpassen.

Wednesday – Verfügbar auf Netflix

 


 

 

Das glückliche Geheimnis

 

 

Es ist eine Weile her, da fand ich an einem Altpapiercontainer Kontoauszüge von einer jungen Frau. Sie hatte sie achtlos entsorgt und sie fielen mir praktisch vor die Füße. Aus Neugier recherchierte ich im Netz. Schnell wurde ich fündig. Sportliche junge Frau, die gerne reist, gebildet ist und als Managerin bei einer großen Kosmetikfirma arbeitet. Sie verdiente gut, aber sie lebte ein wenig über ihre Verhältnisse. Seltsamerweise war diese leichtfertige Frau mir plötzlich vertrauter als eine Romanheldin. Dem Schriftsteller Arno Geiger ging es ähnlich. Jahrelang hat er Altpapiercontainer durchforstet. Immer auf der Suche nach Büchern, Zeitschriften und Postkarten, die er dann auf Flohmärkten verkaufte. Manches von dem, was er fand, beispielsweise Tagebücher oder Briefe, machten ihn nachdenklich. Das Altpapier-Flanieren hat ihn glücklich gemacht. Ich kann es verstehen.

Das glückliche Geheimnis – Arno Geiger, 240 Seiten, Hanser Verlag

 


  

Fantasia

 

 

Ich bin froh, dass es Kunst gibt, sie ist ein Balsam für die Seele. Es spielt dann keine Rolle bei mir, ob es ein Bild, Film oder Musik ist. Aber diesmal war ich sehr froh, dass Igor Levit mit seinem neuen Album am Start ist, um mal im Musikjournalisten-Deutsch zu bleiben. Während ich an diesem Monatsrückblick schrieb, hat mich seine Klaviermusik begleitet. Das Liszt Stück gefällt mir, weil es die Kraft von einer sentimentalen Altherrn-Punkband hat, die einen rührt und gleichzeitig irritiert. Zeit-Online schrieb „Mach doch mal langsam, du musst nicht schon wieder springen. Aber, und auch das erzählt dieses Album: Er muss. Denn Fantasia ist, wie eigentlich immer bei ihm, auch das Resultat seines Ringens mit der Gegenwart, sein Reim auf die Welt.“ Ist das nicht bei jedem Künstler so, darum wird der Mensch Künstler, weil die Gegenwart so schwer erträglich ist? Was soll ich sagen, mit dem Album wird sie auf Fälle erträglicher, also Igor hau weiter in die Tasten – merci.

Fantasia – Igor levit mit Werken u. a. von Bach und Liszt, verfügbar auf Spotify und Apple Music

 


 

The Banshees of Inisherin

 

 

Stell dir vor, deine beste Freundin oder bester Freund kündigt dir seine Freundschaft auf. Ohne Grund. Ohne Erklärung. Einfach so. Wahrscheinlich würdest du grübeln, ob du etwas Falsches gesagt oder getan hast. Jeder würde die Schuld erst einmal bei sich selbst suchen. Genau das widerfährt Pádraic Súilleabháin (Colin Farrell) auf der irischen Insel Inisherin, sein bester Kumpel Colm Doherty (Brendan Gleeson) hat kein Bock mehr auf Pádraic. Er ist ratlos und versucht alles, um Colm als Freund zu behalten. Es endet in einem schrägen Fiasko. Bis heute weiß ich nicht, ob der Film eine Tragödie oder Komödie ist. Die Figuren sind wunderbar, als hätte Charles Dickens sich jeden Charakter ausgedacht. Und Colin Farrell als Pádraic ist bemitleidenswert, dass ich ihm am liebsten auf den Schoß genommen hätte, um ihn zu trösten.

The Banshees of Inisherin – Verfügbar auf Apple TV , Disney und Amazon Prime

 


 

 

Der junge Mann

 

 

„Manchmal bemerkte ich, wie Frauen in meinem Alter seinen Blick einfangen wollten, die Logik dahinter, so dachte ich, war simpel: Wenn sie ihm gefällt, bevorzugt er ältere Frauen, warum also nicht auch mich? Sie kannten ihren Platz auf dem Partnermarkt, und dass eine Gleichaltrige dessen Regeln brach, machte ihnen Hoffnung und Mut.“ Die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux schreibt über ihre Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann. Eine Fünfzigjährige mit einem jugendlichen Liebhaber war damals wie heute ein Skandal und wird immer wieder von Männern und Frauen mit bösen Kommentaren bedacht. Warum nicht, denke ich mir, was ist das Problem? Fesselnd sind Ernauxs Beobachtungen. Sie erkennt in dem jungen Mann ihre eigenen prekären Wurzeln wieder. Als soziale Aufsteigerin genießt sie in dieser Beziehung auch ein wenig ihre wirtschaftliche und intellektuelle Macht.

Der junge Mann – Annie Ernaux, 48 Seiten, Suhrkamp

 

***

 

Vielen Dank, dass du dir einen Moment Zeit genommen hast. Ich hoffe, du hattest schöne Festtage und wünsche dir ein frohes und gesundes 2024. Es kann nur besser werden.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als kreativer Kommunikations-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 


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