Knuths Lost & Fond 50 - Final

 

SoSUE Mann Knuths Lost & Found Finale. Jeden Monat hat er geschrieben, was ihn begeistert oder nachdenklich macht. Dazu gab es unzählige Kulturtipps. In dieser letzten Ausgabe schreibt er über seine Gedanken, als er den höchsten natürlichen Punkt Hamburgs hochläuft. Seine inspirierenden Empfehlungen sind: Eine Doku über den größten Abend in der Popgeschichte, warum es nicht erstrebenswert ist, ein Boss-Girl zu werden und coole Sounds aus Südafrika. Viel Spaß.

 

#gipfelstürmer

 

Februar 2024 - Die ersten zwei Monate im Jahr fühlen sich an wie ein Monat. Es sind eineiige Zwillinge. Keinem Menschen würde es auffallen, wenn das Jahr mit dem Februar beginnen würde. Sechzig Tage einer wie der andere, denke ich, während ich die 116 Meter zum Hasselbrack hochlaufe. Es ist die höchste natürliche Erhebung Hamburgs. Für Norddeutsche ist das ein Berg. Berggewöhnte Österreicher lachen über solche alpine Lächerlichkeit. Sie würden darauf hinweisen, dass der tiefste Punkt Österreichs bei 114 Metern liegt und ein Teich im Burgenland ist. So etwas ignoriert die Hansestadt, das Tor zur Welt und macht aus jedem geologischen Auf und Ab gleich eine Schweiz.

„Alle Nebel lagen unten, und oben herrschte herrliche Klarheit“, notierte Goethe, als er 1777 den Brocken bestiegen hatte. Vor ein paar Jahren an einem Apriltag bin ich dort auch hochgestiegen. Über Schneefelder und durch die Wälder war es ein schöner Aufstieg, aber das Plateau war enttäuschend. Auf dem Brocken gab es keine Mystik mehr. Museumszüge, Sendemasten und eine Kantinenhalle habe ich in Erinnerung. Komischerweise macht der Hasselbrack fast mehr Eindruck auf mich. Vielleicht, weil mich die Umgebung so freundlich überrascht hat. Hier oben begrüßt mich der Hasselbrack mit einem Felsen, es ist ein Markierungsstein. Ein grauer Parkwächter, der sich wichtigmacht.

Hier oben gibt es keine Aussicht. Mächtige Tannen und Kiefern schauen gnädig auf uns Läufer herab. Seltsamerweise sind hier die Verhältnisse umgekehrt als bei Goethe, die herrliche Klarheit ist unten und alle Nebel liegen über uns. Meine Laufgruppe, die Snail Runners finden, das sei Anlass für ein kurzes Waldbad. Es werden Fotos gemacht und wir fühlen uns feierlich wie auf einer Expedition. Nach acht Kilometern Crosslauf bin ich dankbar für eine kurze Pause, denn ich spüre meine Beine. Es ist keine Müdigkeit. Mein Beingefühl möchte mehr Abenteuer und hat Lust auf mehr Berge. Wenn ich doch nur weiter hochlaufen könnte. Direkt in den Nebel hinein. Einfach im Tagesgrau verschwinden. Ein letzter Blick zurück, dann trabe ich den anderen Läufern hinterher.

Warum immer auf den Füßen laufen? Warum nicht auf den Kopf, wie Georg Büchners Lenz es sich wünschte, der im „Jänner“ durchs Gebirge ging? "Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Durch die hohen Farne, den Matsch und das feuchte Laub direkt vor der Nase orientierungslos, sich in vergessenen Sommer zurückwühlen. Gerne würde ich mehr Zeit in diese Idee investieren, aber meine Konzentration drängelt sich in meine Gedanken. Beim Runterlaufen versperren frisch geschlagene Tannen meinen Weg. Ich muss auf die vielen Äste am Boden achten, die nach meinen Füßen greifen. Harz tritt aus den Wunden der liegenden Bäume aus. Sie füllen die Luft mit Tannenduft. Es ist eine warme Kopfnote, die mich weiter träumen lässt.

In einem Buch über die Entdeckung der Natur habe ich mich in die Geschichte von Maurice Wilson verliebt. Der Engländer hatte als Offizier knapp die Hölle des Ersten Weltkriegs überlebt, als er in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts beschloss, im Alleingang den Mount Everest zu besteigen. Tatsächlich hatte er keine Ahnung vom Bergsteigen. Er kaufte sich ein altes Flugzeug, nahm ein paar Flugstunden und flog nach Indien. Von dort aus machte er sich auf den Weg in den Himalaya. Unter sehr abenteuerlichen Umständen gelang ihm der Aufstieg bis auf 7000 Meter Höhe. Dort starb er. Noch heute finden Bergsteiger Knochenreste von Wilson. Für einen Moment kann ich Wilson verstehen. Die Berge haben eine Magie, die einem den Verstand rauben kann.

Die letzten Schritte bis zum Ziel sind ein lang gezogener Anstieg. Ich mag keine lang gezogenen Anstiege, denn sie sind für mich doppelt anstrengend. Früher, als ich regelmäßig Marathons lief, konnte ich beim Hansemarathon Läufer und Läuferinnen beobachten, die etwa zwei Kilometer vor dem Ziel von einem lang gezogenen Anstieg demoralisiert wurden. Sie wirkten regelrecht geschockt und hielten für einen Moment inne. Nicht der kommende mühevolle Anstieg war es, der sie ausbremste, sondern die Ungewissheit, was danach folgt. Wenn das Ende nicht absehbar ist, macht das mutlos. Ich persönlich bevorzuge lieber Gipfel, die von Felsen und Klüften bewacht sind und nur über Umwege zu erreichen sind. Da wissen Kopf und Beine, was zu tun ist.

 

 ***

In eigener Sache: Das ist mein fünfzigster Lost & Found. Ursprünglich war mein Monatsrückblick nur für Lockdowns gedacht, aber es ging weiter. Jetzt, nach 50 Musiktipps, 100 Bücher- und 100 Serien- und Filmempfehlungen höre ich auf. Das ist das letzte Mal. Ich werde aber weiterhin hier ab und zu schreiben. Außerdem widme ich mich meinem neuen privaten Textprojekt "Ponysülze". Es steckt noch in den Kinderschuhen, aber ich werde es langsam mit Leben füllen. Vielen Dank für deine Zeit und Geduld mit mir. Es hat mir viel Spaß gemacht.

 


 

 Loudermilk

 

 

Sam Loudermilk (Ron Livingstone) ist ein echter Griesgram. Ein ehemaliger Musikkritiker, geschieden und ein Ex-Alki, der den Menschen lieber aus dem Weg geht, weil sie ihn nerven. Nur seine Mitbewohner Sam und Claire kommen mit ihm klar. Aber ausgerechnet dieser Miesepeter hat ein Herz aus Gold und betreut eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke. Lauter gescheiterte Existenzen und Loser, deren letzte Hoffnung Loudermilk ist. Ein Haufen bizarrer Charaktere, die einmal oder mehrmals im Leben falsch abgebogen sind. Eine weise Serie, die mir wieder klar gemacht hat, dass es immer einen Weg aus einem Schlamassel gibt, manchmal braucht es nur gute Musik und einen Kaffee.

Loudermilk – Verfügbar auf Netflix

 


 

 Der Teufel in Frankreich

 

 

Der von den Nazis ausgebürgerte Schriftsteller Lion Feuchtwanger sitzt in Frankreich in der Falle. Er glaubte, in seinem neuen Zuhause sei er und seine Frau sicher. Aber die Deutschen haben Frankreich überfallen und rücken näher. Die französische Regierung beschließt, alle Exilanten zu internieren. "Liberté, Egalité, Fraternité" stand riesig über dem Portal des Bürgermeisteramtes. Man hatte uns gefeiert, als wir vor Jahren gekommen waren. Die Zeitungen hatten herrliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, und der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein." Als die AfD Deportationspläne bekannt wurden, erinnerte ich mich an den Roman. Er passt in die Zeit. Ich hoffe, dass es soweit nicht kommt und die Menschen wach werden und es auch bleiben.

Der Teufel in Frankreich, Erlebnisse 1940 – Lion Feuchtwanger, 335 Seiten, Aufbau Verlag

 


 

Tyla

 

 

Auf den 22. März 2024 freue ich mich schon, weil dann das Debütalbum von Tyla veröffentlicht wird. Ein paar Titel sind bereits verfügbar. Mein Liebling ist die Auskoppelung ihres Sommer-Hits „Water“ mit Travis Scott. Ihr voller Name ist Tyla Laura Seethal. Sie wurde in Johannesburg, Südafrika, geboren und wuchs dort auf. Ihre Liebe zur Musik entdeckte sie während ihrer Schulzeit und wechselte ihren Karriereweg vom Bergbauingenieurwesen zum Gesang. Ein Glück für uns. Vor ein paar Wochen gewann sie in der neuen Sparte „Beste afrikanische Musikdarbietung“ den Grammy. Den gönne ich ihr von Herzen.

Tyla – Tyla, verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

The Greatest Night in Pop

 

 

Check your Ego at the Door stand auf einem handgeschriebenen Zettel, den Quincy Jones, der bekannteste Musikproduzent seiner Zeit, über den Studioeingang klebte. Die Musiker sollten ihr Ego bei den Aufnahmen im Zaum halten. Die größten US-Musiker sind für eine Nacht zusammengekommen, um den Charity-Song „We are the World“ aufzunehmen. Im Studio waren unter anderem Michel Jackson, Stevie Wonder, Diana Ross, Bruce Springsteen, Cyndie Lauper und Bob Dylan. Diese temporeiche Doku ist voller Anekdoten und Witz. Meine Lieblingsszenen sind, wie Stevie Wonder den verunsicherten Dylan am Klavier hilft, ein betrunkener Al Jarreau kaum noch singen kann und Huey Lewis vor Lampenfieber fast umkommt. Als die Sonne aufging, war die Aufnahme fertig. Diana Ross heulte, weil sie es so schön fand, sie wollte, dass es immer weitergeht. Das hätte ich mir auch gewünscht. Von mir aus hätte der Film noch eine Stunde länger gehen können. Bitte anschauen.

The Greatest Night in Pop - Verfügbar auf Netflix

 


 

Not Your Business Babe

 

 

Frauen haben es heute nicht einfach: Sie müssen im Job, in der Familie, im Bett, in der Erziehung, in der Freizeit und im Grunde überall performen. Damit sie den Druck beispielsweise als Business-Babe oder Mom standhalten können, wird alles von der Seele bis zum Körper durchoptimiert. Und jede für sich steht allein da, denn alle Gemeinheiten, die sich der Kapitalismus ausgedacht hat, werden heute den Einzelnen aufgebürdet, und Frauen bekommen doppelt so viele ab. Mit Retreats und Saftkuren empowern sie sich durch die Arbeitswelt. Statt die ausbeuterischen Strukturen zu verändern, benehmen sie sich wie Boomer-Kerle vom "Stamme Nimm". Verena Bogners Buch sollten alle Frauen und Männer lesen. Was nützt dir Selfcare und Lifestyle-Feminismus, wenn du weniger verdienst, kaum Karriere machst und immer noch wie eine Idiotin behandelt wirst?

Not your Business Babe – Verena Bogner, 224 Seiten, KiWi-Taschenbuch

 

 

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Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als kreativer PR-Berater noch weitere Marken und Agenturen. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. In seiner Freizeit widmet er sich seinem privaten Newsletter-Projekt „Ponysülze“ Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.


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