Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 7

Seit zehn Jahren beherbergt Stefanie Wilke regelmäßig Untermieterinnen und Untermieter. Nicht etwa aus Barmherzigkeit: „Pas du tout!“. Als unfreiwillig Alleinerziehende braucht sie das Geld. Denn leider haben die Eltern ihr kein Friesenhaus auf Sylt vermacht – der Papa hat die Kohle beim Black Jack verballert. Als Vermieterin teilt sie mit Höflingen, blinden Passagieren, Gespenstern und Pionieren die Küche und das Bad. Das Erlebte hat sie kurz und bündig für SoSUE als Serie aufgeschrieben.

 


 

 

Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 

 

Kapitel 7

Von Stefanie Wilke

 

 

Villa Kunterbunt überbucht

Einige Monate später ergab sich während einem unserer Küchengespräche, dass seine Freundin Paula auf Zimmersuche war. Langfristig wollten die beiden zusammenziehen und waren bereits auf der Suche nach einer Wohnung. Ich bot Paula an, übergangsweise das grüne Zimmer zu übernehmen.

Der Plan war, Torsten und Paula in Ruhe nach einem geeigneten Objekt suchen zu lassen und währenddessen nach einem Nachfolger für Torsten Ausschau zu halten. Ich hatte beschlossen, diesmal einen gleichaltrigen Untermieter zu finden, und mir extra dafür eine Liste geschrieben, welche Eigenschaften er mitbringen sollte. Meine Stichpunkte waren: Jahrgang Generation X, tierlieb, kreativ. Kaum war die Tinte trocken, begegnete ich Sven im „Ahoi“ am Elbstrand. Er bewunderte meine Hunde, wir kamen ins Gespräch. Sven befand sich aktuell auf der Suche nach einer Bleibe. Der einzige Haken an der Begegnung war das Timing,  ich hatte gerade Paula das grüne Zimmer zugesagt.

Im rosa Zimmer hing Fabian unter der Decke. Im grünen Zimmer dagegen türmten sich in drei Reihen jeweils zehn Umzugskartons in die Höhe. Den Kubus hatte meine Erstgeborene ihrer Zimmer-Nachfolgerin hinterlassen. „Mama, die Kartons hole ich irgendwann ab.“ Es kam mir so vor, als wolle sie eine Markierung in ihrem Mutterhaus hinterlassen. Zwar sehnte sie den Abschied von dem grünen Zimmer herbei, aber dann machte sich doch ein undefinierter Unmut bemerkbar. Sie war auf dem Weg nach Kiel wo sie einen Platz an der Kunsthochschule bekommen hatte. Veränderungen waren ihr von Geburt an schwergefallen. Sie schien zunächst wütende Energie bündeln zu müssen, um sich anschließend mit dramatischer Geste und Konsequenz in den nächsten Abschnitt zu katapultieren. Unser Alphatier musste nun ihr Territorium verlassen. Da schadete es nicht, noch ein wenig zu stänkern und die öden neuen Bewohner herauszufordern. Paula wohnte also mit einer Wand aus Kartons. Der herablassende Vorschlag meiner Tochter war, sie einfach vor der Schiebetür zu platzieren: „Dann hat sie Schallschutz zu Sven.“

 

 Wäscheständer stehen in Wohngemeinschaften immer im Weg

 

Zweifelsohne sah meine Tochter die Wohngemeinschaft auf eine schwierige Periode zusteuern und mich unter diesen Umständen in keiner komfortablen Lage. Wir waren überbucht, da gab es nicht zu beschönigen. In jedem Zimmer wohnte nun ein Mensch, denn Sven war interimsweise ins Wohnzimmer gezogen. Die Welpen waren ja längst weg, es lebten nur noch zwei Hunde in der Elbchaussee. Torsten und Paula würden sicher bald mit der Wohnungssuche beginnen, für die Torsten eigens eine App programmierte. Da er alles mit Bedacht ausführte, stellte ich mich auf einige Monate ein, wir hatten Oktober. Die Magnolie warf ihre Blätter ab. Zum ersten Advent schritten sie wie Maria und Josef zu ihrer dritten Besichtigung. Meine Jüngste lebte jetzt wie auf einer Klassenfahrt: Schlange stehen für das Badezimmer, Waschmaschine und Geschirrspüler liefen konstant, am Küchentisch saß immer jemand, vier Wäscheständer reihten sich im Flur auf, der Kühlschrank quoll über, denn jede Partei beanspruchte ein Fach für sich. Die drei Gefrierschubladen waren für das Hundefutter reserviert, mein Projekt der artgerechten Rohfütterung namens BARF strapazierte alle bis auf die begeisterten Hunde. Neben Küchenvorräten von drei Wohnparteien taute bei uns der Pansen. Es herrschten Zustände wie in einer italienischen Neorealismus-Komödie. Ich empfand den WG-Zustand als strapaziös, aber ich wusste ja, dass Maria und Josef irgendwann eine Herberge finden würden.

Sven verstand sich ebenso gut mit Torsten, der es offensichtlich genoss, mit einem erwachsenen Mann zu kommunizieren. Während das Ingwerwasser köchelte, unterhielten sich die beiden über die Erderwärmung, Ernährungsgewohnheiten, Suchtverhalten oder den Wohnungsmarkt. Jedes Marktforschungsinstitut hätte seine Freude an uns gehabt. Ich weiß nur nicht, wie sie unseren Cluster kategorisiert hätten: gebildet, durchgeknallt, progressiv im Verzicht geübt sowie austherapiert.

Die Wohngemeinschaft vollbrachte eine erwachsene Meisterleistung. Bis zum Auszug von Paula und Torsten kam es zu keinem einzigen Streit. Wir alle waren damit beschäftigt, unsere kleinen Ruhezonen zu bewahren. Dem jungen Paar schien die Überfüllung am wenigsten auszumachen, die Zimmertüren der beiden standen permanent offen und ich vermutete, dass das Aufwachsen in Großfamilien sowie das Couchsurfing die beiden für unsere aktuellen Umstände anpassungsfähig gemacht hatten. Torsten hatte uns sogar zu gemeinsamen Kochabenden motiviert.

Gemeinsam mit Sven zelebrierte er das Konzept vom Lieferservice „Chris’ Kochtüte“ bei dem man die Zutaten für komplette Gerichte in umweltfreundlicher Verpackung einkaufen konnte. Den Erfinder der Kochtüte hatte Torsten am U-Bahnhof Hoheluft kennengelernt. Baupläne jeglicher Art hatten es dem jungen Ingenieur angetan, er hatte schließlich auch die App zur Wohnungssuche zum Laufen gebracht. Ich war mir sicher, ein Genie zu verabschieden, als Torsten mit Kombucha, Hängehöhle und Körnerbehältern auszog. Er und Paula zählten für mich zu der Generation, die für den Fortbestand des Planeten bahnbrechende Ideen ausbrüten und sie auch durchziehen würde. Ihre Beharrlichkeit innerhalb der Behaglichkeit faszinierte mich, und einmal mehr war ich überzeugt, dass meine Wohnsituation mir mehr als Mieteinnahmen und ambivalente Erfahrungen bescheren würde. Zwar war ich streckenweise genervt davon, das renovierungsbedürftige Badezimmer mit anderen teilen zu müssen, und beneidete meine Freundinnen, die sich in ihren Eigentumswohnungen an Fliesen- und Waschbeckengestaltung festsaugen konnten und nur ihre eigenen Haare aus dem Abfluss fischen mussten. Wenn das nicht sogar das Personal erledigte. Es lag eine Lebendigkeit im Umstand der Notwendigkeit des Teilens die ich im Zuge meiner Laufbahn als Vermieterin zu schätzen gelernt hatte.

Paula hatte bei ihrem Auszug eine von Hand gezeichnete Karte für mich im Zimmer zurückgelassen auf der sie nur einen Satz geschrieben hatte. Ich bewundere dich. Das Kompliment der jungen Frau bedeutete mir viel. Die modernen Nomaden zogen weiter. Wir würden uns nicht willentlich wiedersehen und trotzdem verbunden bleiben, weil wir miteinander die persönlichen Grenzen erprobt hatten. Sven blieb ein weiteres Jahr und zog dann in eine eigene Wohnung. Auch weil er einen eigenen Hund wollte, selbstredend sollte es ein besonders großes Exemplar sein. Einen dritten Hund wollte ich aber unseren Holzdielen und der toleranten Nachbarschaft nicht zumuten. War ich doch noch immer erleichtert darüber, in der Welpen-Phase keine Kündigung von der Hausverwaltung im Briefkasten vorgefunden zu haben.

 Kapitel 8 demnächst hier auf dem Blog. Nicht verpassen.


 

 

Stefanie Wilke wächst auf Sylt am Strand unter Piraten und FKK-Fans auf. Schon als Kind sah sie an der Buhne 16 Prominente „wie Gott sie schuf“. Diese Impressionen trugen möglicherweise dazu bei, dass sie mit Mitte zwanzig als Redakteurin bei der GALA anheuerte, und dort auch Knuth kennenlernte. Seit etwa zehn Jahren schreibt sie Kolumnen über Liebeskummer und Lebenskummer. Immer wieder auch für Sue, die sie bereits kannte, als Sue noch als TV-Reporterin Hollywood-Stars in Cannes interviewte.

 


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