Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 2

 

Seit zehn Jahren beherbergt Stefanie Wilke regelmäßig Untermieterinnen und Untermieter. Nicht etwa aus Barmherzigkeit: „Pas du tout!“. Als unfreiwillig Alleinerziehende braucht sie das Geld. Denn leider haben die Eltern ihr kein Friesenhaus auf Sylt vermacht – der Papa hat die Kohle beim Black Jack verballert. Als Vermieterin teilt sie mit Höflingen, blinden Passagieren, Gespenstern und Pionieren die Küche und das Bad. Das Erlebte hat sie kurz und bündig für SoSUE als Serie aufgeschrieben.

 


 

 

Elbe 15

Eine Art Heimaterzählung 

Von Stefanie Wilke

 

 

Kapitel 2

 

Chelsea Hotel

Das grüne Zimmer musste dringend ein bisschen durchatmen. Ich schrubbte die Gästetoilette, die mit zum Zimmerdeal gehörte. Putzen war nicht unbedingt die Stärke meiner ersten Untermieter gewesen. Da kam es mir zugute, dass ich als junge Erwachsene in meiner Heimat Sylt gelernt hatte, im Akkord Gästeappartements zu reinigen. Das Team hatte damals aus meiner Schwester, unserer Freundin Susu und mir bestanden. Wir wurden von ihrer Mutter mit dem Auto zu den jeweiligen Ferienhäusern in Keitum oder Kampen gefahren und legten los, sobald die Touristen abgereist waren. „Wechsel“ hieß der Tag, den alle Vermieter auf Sylt fürchteten, denn dann muss innerhalb weniger Stunden alles wieder auf Hochglanz gebracht werden, bis die neuen Gäste vom Autozug in Westerland runterrollten, um erst einmal im Stau zu stehen.

Wir verdienten gutes Geld, mussten dafür aber auch die Klos schrubben, verbrannte Töpfe scheuern und bemerkenswert schmutzige Laken wechseln. Lautstark ekelten wir uns vor den Hinterlassenschaften und bekamen so manches Mal die dunkle Seite der vornehmen Leute zu sehen. Immerhin ließen sie die Klatschzeitschriften liegen, die wir einkassierten. Manchmal lag Trinkgeld auf dem Tisch – oder hatten sie die Scheinchen einfach vergessen? Wir fuhrwerkten zu Radio-RSH-Sommerhits oder hörten Udo-Lindenberg-Kassetten und benutzten absichtlich ein und denselben Lappen für Klo und Küche. Die Rache des heimischen Proletariats. Dreißig Jahre später hörte ich noch immer Udo beim Putzen. Ich war textsicher bis zur letzten Strophe.

 

Wer hat den Tisch nicht abgeräumt?!

 

 

Im Sommer hatte meine Älteste - mittlerweile war sie siebzehn - in Wedel am Strand Simon kennengelernt. Simon suchte also ein Zimmer. Der junge Reisende war gerade aus Lateinamerika nach Hamburg zurückgekehrt. Seine Augen hatten die Farbe des Ozeans an einem sonnigen Tag. Simon wirkte schüchtern und freute sich über meine Zusage. Er bezog nun das rosa Zimmer mit den Fenstern zum Hof mit einer Matratze, nur einem einzigen Laken und einigen Kartons voller Spraydosen. Es blieb bei diesem Inventar. Simon lehnte Konsum ab und organisierte seine vegane Kost im Lebensmitteleinzelhandel. Ich sah ihn nicht ein einziges Mal in unserer Wohnküche mit einem Topf oder mit Essen hantieren. Als ich ihn einmal bat, für ein Wochenende unsere Meerschweinchen zu füttern, musste ich ihm detailliert erklären, was zu tun war. Hatte er etwa Angst davor, Salat zu den Nagern in den Käfig zu werfen? Er wusste auch nicht, wie eine Trinkflasche für die vier Tiere aufzufüllen war. Vor meiner Abreise stopfte ich extra viel Heu in die Raufen, weil ich befürchtete, die verfressene Herde würde hungern müssen. Bei meiner Rückkehr waren alle wohlauf. Das Grünzeug war verfüttert – vielleicht hatten sie mit Simon geteilt.

Zu dem schönen Geheimnisvollen gesellte sich nun regelmäßig eine blond gelockte Frau namens Mavie, sie hätte locker als Fotomodell eine große Karriere machen können. Wie immer wurde mir von meiner Faszination für Menschen ein Bein gestellt. Mavie nahm sehr wenig Raum ein, ich schwieg verständnisvoll. Denn eigentlich war abgemacht gewesen, dass Simon das rosa Zimmer alleine bewohnen sollte. Die Nummer mit Rosenkranz und Güldenstern war ja noch nicht allzu lange her. Hier ging es zu wie im Chelsea Hotel in New York.

Mavie und Simon lebten wie kleine Gespenster, ich bemerkte sie kaum. Gingen sie duschen? Wuschen sie Wäsche? Geisterten sie nachts durch die Küche? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Simon zahlte pünktlich in kleinen Scheinen, ich stellte keine Fragen. Ich mochte die beiden. Mich rührte ihre konsequente Lebensform, der Verzicht auf Besitz und Konsum – in ihrer Kargheit verströmten sie etwas Solitäres. Ich fragte mich ernsthaft, wie lange sie das körperlich durchhalten würden.

So leise sie in die Elbchaussee eingezogen waren, so leise verschwanden sie auch wieder. Simon zog nach Wedel zurück. Tatsächlich begann er Monate später damit, in einem Geschäft für Ballettmode zu arbeiten. Die Vorstellung, ihn im Verkaufsgespräch mit Balletttänzerinnen zu erleben fand ich poetisch – der schöne Anarchist und die ausgezehrten zähen Tänzerinnen und Tänzer.

 

Kapitel 3 demnächst hier auf dem Blog. Nicht verpassen.

 


 

 

Stefanie Wilke wächst auf Sylt am Strand unter Piraten und FKK-Fans auf. Schon als Kind sah sie an der Buhne 16 Prominente „wie Gott sie schuf“. Diese Impressionen trugen möglicherweise dazu bei, dass sie mit Mitte zwanzig als Redakteurin bei der GALA anheuerte, und dort auch Knuth kennenlernte. Seit etwa zehn Jahren schreibt sie Kolumnen über Liebeskummer und Lebenskummer. Immer wieder auch für Sue, die sie bereits kannte, als Sue noch als TV-Reporterin Hollywood-Stars in Cannes interviewte.


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