Budapest

Ich lande in einem Wintermärchen. Die Bäume sind mit Raureif bedeckt und Budapest ist unter einer puderzuckerzarten Nebelschicht begraben. Ich war das letzte Mal vor 25 Jahren in Budapest, als Freunde hier Medizin studiert haben. Ich erinnere mich an einen Hügel, an dicke Sahneschnitten, Partys in dunklen Hinterhöfen mit Attila und Miloš, und die dicke, breite Donau, die die Stadt in Buda und Pest teilt.

Auf dem Weg zum Hotel fliegen graue Bauten an mir vorbei: traurige Lagerhallen und zerfallene Einfamilienhäuser. Der Kommunismus und die Verstaatlichung der Gebäude zeigen noch immer ihr hässliches Gesicht: nur auf der großen Prachtstraße Andrassy erstrahlen schon fast alle Häuser, Villen und Paläste in ihrem alten Glanz. Das Hotel Parisi Udvar liegt im Zentrum der Stadt und als ich die schwere Glastür aufstoße, fühle ich mich wieder Räuberhauptmann Alibaba , der gerade „Sesam öffne Dich“ gesagt hat: goldbemalte Stilelemente in gotisch, arabisch und maurischem Design und eine Kuppel aus bunten Mosaikfenstern versetzen mich in märchenhaftes Staunen. Das Hotel wurde 1817 für einen Baron gebaut und wurde so schön, dass er aus dem 2. Stock des jugendstil-Gebäudes nie wieder auszog. Unten waren luxuriöse Shops und im Café sehe ich vor meinem geistigen Auge Literaten und die ungarische Hautevolee Cremeschnittchen essen. Wie durch ein Wunder wurde das Hotel im 2. Weltkrieg nicht zerstört und galt jahrelang als romantischer Treffpunkt für das berühmte, erste Date. 

Ich möchte mich sofort hier eingraben und eine Zeitreise starten. Aber es ist Freitagnachmittag und ich möchte mich in die aufgewühlte Budapester Feierabend-Stimmung schmeißen, möchte die Auslagen der Shops um mich herum scannen und die Menschen in den unzähligen Cafés der Stadt beobachten. So bekomme ich einen guten, ersten Querschnitt über die Struktur der City, bestehend aus einer Melange aus traditionellen Geschäften im Stil der 60iger Jahre, modernen Boutiquen und Green Smoothie-Bars. Selbst vertikale Ketten, wie Cos und Co. wirken hier ein wenig angestaubt. Seit neustem gibt es hier aber auch einen Gucci Shop und ein Restaurant der Nobu-Kette. Das gilt in Budapest als echte Sensation. Natürlich ist hier viel Geld – soviel, dass viele gar nicht wissen, wohin damit. Aber daneben gibt es auch viel Armut. Wie soll ein Lehrer mit 600 Euro netto eine Familie ernähren? Die Intelligencia der Stadt sucht Jobs im Ausland oder wird an den günstigen Stadtrand verdrängt. Für die oberen Zehntausend und ausländische Investoren herrscht Goldgräberstimmung und Immobilien-Spekulanten fallen wie Heuschrecken über die schönen Gebäude der der Donau-Metropole herein: noch steht Verfall neben Restauriert – aber schon bald wird es keine Unterschiede mehr geben. Budapest setzt auf Tourismus und was in Hamburg die Elphi ist, wird hier in 2022 oder später der Nachbau des Karpatenbeckens in der Urzeit unter einer riesigen Kuppellandschaft, gleich hinter dem Gundel, dem sagenumwobenen und ältesten Restaurant der Stadt.

Nicht weit davon entfernt steht mein Dornröschen Schloss mit einem wunderschönen Eislaufpark davor. Hier wohnten Franz und Sissi, wenn sie zu Besuch kamen und keine Lust hatten, im grobklotzigen Palast zu residieren. Überhaupt schwelgt die Stadt gern in sentimentalen Erinnerungen an die K&K Monarchie, und Kaiserin Elisabeth ist sehr beliebt (auch weil sie die ungarischen Cremeschnittchen so sehr liebte) und viele dichten ihr eine Affäre mit dem Grafen Andrassy an, was bei dem Habsburger Protokoll und Franz Josefs Geheimpolizei schwierig gewesen wäre. Aber die Menschen schreiben ihre eigene Geschichte und die werden zu weitergereichten Mythen. Von denen gibt es hier so viel, wie Wasser die Donau herunterfliesst. Apropos Donau – kein Budapest ohne Dampferfahrt. Die Gelegenheit bietet sich gleich am ersten Abend, auf der Pannónina – einem kleinen Gastro-Dampfer. Bei einem 6 Gänge Menü erblicke ich das hell erleuchtete, pompöse Parlament (es ist das zweitgrößte Regierungsgebäude der Welt), den Königspalast und die ungarische Freiheitstatue hoch oben in Buda. Was ich nachts nicht sehe, ist das Mahnmal der zurückgelassenen Schuhe der Juden am Ufer. Schon absurd, wie sich tagsüber die Touristen davor tummeln und Fotos machen. Der nächste Morgen beginnt mit einer Städte-Tour am Heldenplatz. Ich treffe die Gründungsväter Ungarns, die geradewegs aus den Karpaten kriegerisch auf mich zugeritten kommen – so scheint es jedenfalls, wenn ich hinauf zum überlebensgroßen Denkmal schaue. Danach muss ich wenigstens einen Blick in das Innere des Széchenyi-Bads werfen – zu gerne würde ich mich jetzt massieren lassen und in Thermalwasser baden. Aber es gibt noch so viel zu entdecken und wir wollen rauf zur Freiheitsstaue nach Buda. Schade, dass es immer noch neblig ist, sonst würde ich hier einen herrlichen Blick über die ganze Stadt genießen können.

Ich werde hungrig und möchte in die Fischerbastei – auch so ein märchenhafter Platz. Hier gibt es ungarische Nouvelle Cuisine in einem Burg-Gemäuer unter gotischen Deckengewölben und einen Ausblick auf Pest (gesprochen Pescht). Auch wenn der Januar und der Februar in Budapest als touristenarme Monate gelten (ich reise also antizyklisch), tummeln sich hier ganze Horden von asiatischen Reise-Gruppen mit Selfie-Stangen an der Burgmauer. Die Toiletten-Schlangen kringeln sich um die Ecken, und für die Franziskus Kirche wird jetzt ein Ticket verlangt.

Schon wieder ist mir nach kurzer Zeit kalt und ich trinke einen Glühwein, den gibt es hier aus riesigen Wok-Pfannen und wer besonders gesegnet ist, besitzt ein Familienrezept, dass von Generation zu Generation weitergereicht wird: serviere mir Deinen Glühwein und ich sage Dir, aus welcher Familie Du kommst. Meiner ist ganz ordinär aus der Wok-Pfanne und erfüllt seinen Zweck. Mir wird wieder warm und ich marschiere über die Brücke zurück Richtung Pest. Schließlich bin ich nicht nur zum Vergnügen hier. Es gibt reich bestückte Vintage Shops mit moderaten Preisen und mir hat ein Vögelchen gezwitschert, dass hier viele Teams namhafter Designer durch die gebrauchten Klamotten des Ostens gewühlt haben. Ich liebe das auch und lasse mich für die nächsten SoSUE – Kollektion inspirieren, mache viele Fotos und genieße den geschäftigen Samstagnachmittag in der Stadt. Die Stadt ist in jeder Hinsicht pulsierend und es kommt viel neues Design und Innovation aus der sehr konservativ regierten Stadt. Zum Beispiel Omorviza – eine sehr cleane, auf heilendem Thermalwasser basierende Beautymarke oder das neue it-Label Nanushka, die es beide auf die internationalen Plattformen (net-a-porter, niche beauty), die die Welt bedeuten, geschafft haben.

Ich wühle noch ein wenig in Ponchos aus Peru, als ich plötzlich merke, wie spät es schon ist. Jetzt aber schnell ins Hotel und umziehen fürs Ballett. Was passt besser zu dieser mystisch-melancholischen Stimmung, als eine Aufführung des Balletts Giselle? Im Erkel, einem schmucklosen kommunistischem Zweck-Bau, erwarten mich auf der Bühne ein Märchenwald und wieder viel Nebel, als die Wilas (junge Frauen, die vor ihrer Hochzeit gestorben sind) versuchen, den Prinzen Albrecht zu Tode zu tanzen. Aber Giselles Liebe rettet ihn bekanntlich. Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass Giselle jetzt eine Asiatin ist und meine Bilderbucherinnerungen im Zeitalter der Diversität aus meinem Kopf und meiner Erinnerung verscheucht werden. Das Ballett korrespondiert mit meinem allgemeinen Gefühl an diesem Wochenende und ich möchte nur noch in mein Märchenschloss-Hotel und schlafen. Warum auch wieder versuchen, in eine der hippen Bars reinzukommen und abgewiesen zu werden? Angeblich geht das nämlich nur mit Reservierung, aber unangeblich bin ich wohl einfach nicht aufreizend genug gekleidet oder schlichtweg zu alt für die Budapester Szene. Macht nix, ich habe ja noch Folgen von Downton Abbey im Gepäck und so viel zum Nachdenken und Schreiben….

So long Buda-Pescht.

  


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