Monatsrückblick: Knuths Lost & Found September

 

In der Nacht ist es viel zu hell. Von Energiekrise keine Spur. Unser SoSUE Mann Knuth wundert sich über das viele Licht. Warum sind wir so süchtig danach, fragt er sich? Außerdem hat er im September wieder viel gelesen und gestreamt. Was ihn begeistert hat, erfahrt ihr in seinem neuen Monatsrückblick Lost and Found.

#Standby

September 2022 – Alles leuchtet. Die ganze Stadt ist trotz der Energiekrise erleuchtet, dabei ist noch nicht einmal Weihnachten. Einige Viertel in Hamburg würden es gar nicht bemerken, wenn die Straßenbeleuchtung ausfiele. Es ist reichlich Licht übrig, um stolperfrei nach Hause zu kommen. Gäbe es einen Stern, der das Restlicht in meiner Straße ernten könnte, wäre er der hellste Punkt am Firmament. Eine Läuferin mit Kopflampe rennt an mir vorbei und blendet mich. Meine Gedanken sind auf einmal weggeleuchtet. Nur langsam trauen sie sich wieder hervor.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan glaubte fest daran, dass wir Menschen erst unsere Werkzeuge formen und dann die Werkzeuge uns. Erst ließ uns künstliche Beleuchtung länger arbeiten, später eroberte es unsere Wohnungen bis in den letzten Winkel. Wenn jetzt im LED-Zeitalter die Sonne untergeht, dann bleibt das Licht überall präsent. Die nächtliche Dauerbeleuchtung prägt unser Leben mittlerweile so stark, dass es sogar Menschen gibt, die unter Lichtverschmutzung leiden. Das kann ich nachvollziehen. Wenn ich heute in einem Hotelzimmer übernachte, bin ich eine halbe Stunde damit beschäftigt, es dunkel zu kriegen. Die Stand-by-Lichter von Fernseher, Lichtschalter, Feuermelder, Klimaanlage, Türkartenhalter, Notbeleuchtung und Gäste-Tablet sind zusammen so hell, dass ich mich gleich unter einem Christbaum in voller Beleuchtung legen könnte.

Ich latsche weiter durch den Abend. Autos drängeln sich durch die Straßen. Ein endloser Lichtstrom zieht an mir vorbei. Ich frage mich, warum Menschen heute immer alles beleuchten wollen? Wer bestaunt die einsamen Helden auf den hellen Plätzen mitten in der Nacht? Bringen die vielen Werbelichttafeln, die Menschen im Schlaf wirklich zum Träumen? Werden Ministerien und Unternehmen mächtiger, wenn sie während der Nacht die ganze Zeit strahlen? Fühlen sich Nachtschwärmer, wie Igel und Waschbären, im Garten unter Lichterketten wohler? Müssen Schaufensterpuppen ständig im Rampenlicht stehen?

Seit unsere Vorfahren Feuer machen können, ist das Helle bei uns total angesagt. Wir freuen uns, wenn uns ein Licht aufgeht und mögen Leute, die besonders Helle im Kopf sind. Selbst der liebe Gott ertrug unsere finstere Erde nicht. Gleich am ersten Tag der Schöpfungsgeschichte knipste er das Licht an. Hell ist die Metapher für Fortschritt. Die Überwindung des Tag-Nacht-Zyklus sehen wir heute als Triumph über die Natur an. Meine Erkenntnis ist, obwohl die Nächte immer heller wurden, fingen wir gleichzeitig an, uns vor Finsternis immer mehr zu fürchten. Ganz egal, ob wir in den Keller steigen oder zu nachtschlafender Zeit durch einen Wald gehen. Mit der wachsenden Wattzahl der Glühbirnen sind die Dämonen der Dunkelheit immer größer geworden. Aber was für ein Fortschritt soll das sein, wenn wir uns ohne Licht nicht mehr in das Dunkle wagen?

In meinem Lieblingspark angekommen, schaue ich mich um. Die Wohnungen, die an dieser grünen Oase grenzen, sind taghell,  die Bewohner züchten wohl heimlich Marihuana in ihren Wohnzimmern, denke ich und muss grinsen. Hier herrscht bis zum nächsten Morgen immer ein Dämmerzustand, als hätte jemand ein Stadionflutlicht runter gedimmt. Nebenan auf der Wiese spielen Hunde in Leuchtwesten miteinander. Ihre Besitzer suchen den Boden mit Taschenlampen ab, um die Haufen einzusammeln. Ihren Nasen schenken sie anscheinend wenig vertrauen. Oben am Himmel ziehen Flugzeuge ihre Bahnen. Sie blinken mir freundlich zu. „Rabimmel, rabammel, rabumm, bumm, bumm“, singe ich leise.

Wann konnte ich das letzte Mal meine Hand vor Augen nicht sehen? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

 


 

Elvis

 

 

Meine Mutter besaß gerade mal eine Handvoll Schallplatten. Als Kind gefiel mir nur eine davon. Es war eine Doppel-LP mit den größten Hits von Elvis. Manchmal durfte ich sie auf einen Plattenspieler, in dessen Abdeckung der Lautsprecher verbaut war, spielen. Ich mochte das, was der Kerl da sang. Seitdem bin ich ein Elvis-Fan. Und so konnte ich es kaum erwarten, den neuen Elvis Film zu streamen. Es ist ein knallbuntes und schnelles Rock‘n Roll Märchen geworden, dass wie ein Hiphop-Video inszeniert wurde und aus der Sicht von Elvis Manager Colonel Parker (Genial Tom Hanks) erzählt wird. Beim Zuschauen wurde mir wieder einmal klar, wie geil Popkultur ist und wie viel Elvis dazu beigetragen hat. John Lennon hatte recht, als er sagte: „Vor Elvis war nichts.“

Elvis  – Verfügbar auf Amazon Prime, Sky und Apple TV

 


 

Zeit Zuflucht

 

Der Ich-Erzähler trifft den Überlebenskünstler Gaustín, der eine Klinik für die Vergangenheit gründet. Alzheimer-Kranke sollen hier Trost finden. Die Stationen sind in unterschiedliche historische Epochen gestaltet. Ob 50er oder 80er die Patienten freuen sich, wenn sie wieder etwas Entdecken und sich erinnern. Diese Kliniken werden ein Renner auf der ganzen Welt. Sie lösen eine Art „Damals-Bewegung“ aus, denn auch die Gesunden finden Gefallen an der Vergangenheit. Ganze Staaten beschließen, in ihre „gute alte Zeit“ zurückzukehren. Der Deutschlandfunk nannte es „das Buch der Stunde“. Es stimmt noch nie war Nostalgie so hoch im Kurs wie heute. Eine Geschichte voller Herz, Weisheit und guten Witz.

Zeit Zuflucht – Georgi Gospodinov, Aufbau Verlag, 342 Seiten

 


 

Keep On Keepin’ On

 

 

Ist das nicht seltsam, dass bestimmte Musik dich immer wieder daran erinnert, wo du mal als junger Mensch deine Nächte um die Ohren geschlagen hast. Als ich Shirley Davis hörte, musste ich an meine Nächte im Mojo Club auf St. Pauli denken. Lässiger klassischer Soul, der das Gemüt lockert. Davis ist Australiens Soul-Queen und ihre jamaikanischen Wurzeln lassen sich nicht verleugnen, die Blechbläser klingen, als hätten sie vorher in einer Ska-Band gespielt. Großartiger Neo-Soul. Bitte anhören. Und tanzen.

Keep On Keepin’ On – Shirley Davis & The Silverbacks Apple Music und Spotify

 


 

Borgen Gefährliche Seilschaften

 

 

„Etwas ist faul im Staate Dänemark." Die beiden Nachtwächter in Shakespeares Hamlet wussten schon, dass es in ihrer Heimat nicht besonders Hygge zugeht. In der Politikdrama-Serie „Borgen" geht es um Macht, Intrigen und viele Eitelkeiten. Im Fokus stehen die ambitionierte Politikerin Birgitte Nyborg und die TV-Journalistin Katrine Fønsmark. Die Serie kann ich nur empfehlen, weil sie sehr spannend erzählt, unter welchen Bedingungen Politiker und Politikerin arbeiten müssen und was sie antreibt. Ständig stehen sie unter Beobachtung und müssen Wahlen gewinnen, da kann es schon mal passieren, dass sie dumme Sachen machen und das kann sehr unterhaltsam sein. Die neue 3. Staffel gibt es jetzt im Free-TV auf ARTE. Aber Vorsicht, sie macht süchtig.

 

Borgen Gefährliche Seilschaften  –  jetzt alle drei Staffeln verfügbar in der ARTE Mediathek

 


 

Die souveräne Leserin

 

 

Die Queen war für mich eine alte Dame mit Prinzipien, die gerne jagte, Hunde mit Hängebauch liebte, bunte Kleider trug und eine bekloppte Familie hatte. Das Letztere beruhigte mich immer ein wenig. Es ist das einzige Buch, das ich über „Lizzy“ gelesen habe und ich muss sagen, dass ich sehr „amused“ war. Bei einem Spaziergang fallen die royalen Kläffer der Queen über den öffentlichen Bücherbus her. Aus Höflichkeit leiht sich „Ma’am“, eine leidenschaftliche Nichtleserin, ein Buch aus und wird zu einer leidenschaftlichen Leserin. Für alle, die im September nicht genug royales Futter bekommen haben und immer noch ein wenig Trost brauchen.

Die souveräne Leserin – Alan Bennett, Wagenbach, 120 Seiten

 

***

So ein Monat geht immer schnell rum. Danke, dass du dir ein wenig Zeit genommen hast. Wir sehen uns im November wieder. Ich freue mich. Mach es gut und bist bald.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 


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