Vom Ende der Zickigkeit

Es gibt nicht sehr viel, was ich mir wirklich für die nächste Dekade vorgenommen habe, aber ich habe beschlossen „netter zu sein“ – kein grauenvolles Wetter, Alpträume oder Stress mit den Pubertierenden werden künftig als Entschuldigung für meine herunterhängenden Mundwinkel dienen: Ich werde mich im „Nettsein“ trainieren.

Ich erinnere mich noch gut, dass es früher verpönt war, als nett bezeichnet zu werden. „Nett“ war gleichbedeutend mit belanglos – nicht gerade ein Prädikat im Zeitalter der Individualisten, wo es galt deutliche Charakter-Spuren im ersten Eindruck auf eine Person zu hinterlassen. Im Guten, wie im Schlechten, habe ich das sicherlich in der Vergangenheit ausgiebig praktiziert und selten ein Fettnäpfchen ausgelassen, habe Bekannte nicht ordentlich gegrüßt oder mich nicht ausreichend über kleine Gesten der Freundlichkeit bedankt. Meistens steht mir im Gesicht geschrieben, ob die Flagge heute nur auf Halbmast steht und ich bin es leid und müde, mich meinen Launen oder persönlichen Befindlichkeiten zu unterwerfen. Und auch wenn es sicherlich mal tausend Gründe gibt, warum es mir schlecht gehen dürfte, ist das sicherlich sehr relativ und es gibt keinen Grund, meinen Mitmenschen damit auf die Nerven zu gehen. Aber woher der plötzliche Sinneswandel? Initialzündung war sicherlich jüngst mein Trip nach Rio und die ungebrochene Lebensfreude der Brasilianer; ihrer freundlichen Gelassenheit – auch wenn die Welt um sie herum zusammenbricht. Dieser Wille dem Leben immer vergnügt und positiv die Stirn zu bieten und innerlich alle Sorgen und Hormonschübe mit Samba weg zu tanzen hat mich beeindruckt.

Neuesten Studien zur Folge soll „nett sein“ unser Gehirn verändern. Besonders wirksam sind sogenannte „Acts of Kindness“ – zufällige Gesten der Freundlichkeit ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Zum Beispiel Pfadfinder-Aufgaben wie, einer älteren Dame die schweren Einkäufe tragen, Müttern beim Kinderwagen schleppen zu helfen oder Menschen mit wenig Einkäufen im Supermarkt an der Kasse vorzulassen, den Kaffee des Nachbarn mitbezahlen. Einfach so. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Berkeley berichtete ein Großteil der Teilnehmer, mehr Energie zu haben, nachdem sie anderen geholfen haben oder nett waren, obwohl eine andere Reaktion erwartet wurde. „Killing with kindness“ war schon immer eine gute Methode, übellaunigen Widersachern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wir müssen es nur wollen. Aber können wir Nettigkeit wirklich trainieren wie einen Muskel, der über die Jahre einfach erlahmt ist? Muss „Nettigkeit“ nicht im Charakter verankert sein und vom Herzen kommen? Ein Freund sagte mir und meinen Kindern jüngst mit einem Augenzwinkern: „Höflichkeit und gutes Benehmen sind wichtiger als ein guter Charakter“. Wir starrten ihn ungläubig an und baten natürlich um eine Erklärung. Die kam prompt mit einer Gegenfrage: Was habe ich von Deinem tollen Charakter, wenn Du Dich ansonsten aber unaufmerksam oder ignorant Deiner Umwelt gegenüber bist? Das war ein Argument und ich erkannte dabei, dass ein guter Charakter nicht unweigerlich mit Freundlichkeit und gutem Benehmen einhergeht. Von daher ja, können wir Freundlichkeit und „nett sein“ trainieren und mit Glück wirkt es sich positiv auf unseren Charakter aus.

Laut der Berekely Studie reduziert Freundlichkeit Leiden, macht glücklich, optimistischer und stimmt uns moralisch positiv. Es soll unser Selbstbild verbessern und uns zum Strahlen bringen. Eine Harvard Studie belegte, dass Menschen, die Gutes tun – zum Beispiel Geld spenden oder sich sozial engagieren – glücklicher sind als andere. Sie hätten weniger Sorgen, Schmerzen und Panikattacken und anscheinend sogar weniger Depressionen. In einem Experiment der University of British Columbia sollte eine Gruppe von Menschen mit starken sozialen Ängsten einmal täglich eine Kleinigkeit für andere tun. Ein paar Euro spenden, Türaufhalten und so weiter. Die Teilnehmer waren schon nach 4 Wochen drastisch positiver, Vermeidungsverhalten baute sich ab – im Gehirn bildete sich das Bindungshormon Oxytocin und das Stresshormon Cortisol verringerte sich um ganze 23 Prozent.

Wir können also sagen, dass die Freundlichkeit sehr freundlich zu uns ist.

Sicherlich lässt sich argumentieren, ob diese trainierte „neue Nettigkeit“ nicht ausschließlich dem Selbstzweck, sprich die Selbstoptimierung fördert? Aber die wenigsten Menschen sind Altruisten und haben eine angeborene Herzenswärme.

Je regelmäßiger wir Nettigkeit praktizieren, desto mehr baut sich unser Gehirn entsprechend um (der lebenslangen Veränderbarkeit der Nervenbahnen sei Dank).

Die gute Nachricht: Jeder von uns kann Nettigkeit und Güte nachweislich wie einen Muskel trainieren.

Meine Omi hat mir mal mit auf den Weg gegeben: behandle jeden Menschen so, wie Du selbst behandelt werden willst. Ich ertappe mich heute, wie ich das auch meinen Kindern vorbete. Und noch ein altes Sprichwort sagt sehr viel über ein freundliches Miteinander aus: „Wie es in den Wald schallt – so schallt es auch wieder heraus“. Ich habe das wohl ein paar Millionenmal im Leben bestätigt bekommen und bin immer wieder über mich selbst erstaunt, wie schwer es ist negative Muster abzustreifen. Aber wenn das so leicht wäre, wie sich einen neuen Pulli überzustreifen, wäre die Welt schon längst ein besserer Ort – ein Paradies gar und keine Utopie mehr. Der Forscher Dr. David R. Hamilton schreibt in seinem Buch „The Five Side Effekts Of Random Kindness“ das Freundlichkeit und „nett sein“ einen Domino-Effekt auslösen und sich auf andere Personen überträgt und diese selbst netter handeln. Also im Prinzip können wir mit kleinen Gesten ganz groß (artig) die Welt verändern. Wenn das mal keine Motivation ist, gleich morgen mit anderen Augen aufzustehen und einfach Mal nett zu sein.

Auf ein Nettes (neues Jahrzehnt) und ganz viel Austausch darüber – hier auf SoSUE.

Stay Tuned

Eure Sue

 


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