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Venedig in Zeiten von Corona

Normalerweise schreibt Petra Reski über die Mafia und macht sich damit keine Freunde. In Zeiten von Corona hat die in Venedig lebende Journalistin und Schriftstellerin ihre Wahlheimat (Petra ist mit einem waschechten Venezianer verheiratet) ganz neu kennen und lieben gelernt. Ich habe Petra über Christine Kruttschnitt (LA in Zeiten von Corona) kennen und schätzen gelernt. Ich erinnere mich an laue Film-Nächte und heiße Diskussionen auf dem Lido während der Filmfestspiele von Venedi. Petra zeigte uns ein Stück venezianische Lebensart, geheime „Pop up“ Restaurants im Schilf und Trattorien, wo sich kein Tourist hin traut. Erst im September haben wir uns wieder mal gesehen und einen oder waren es doch zwei Bellini in der legendären Harry’s Bar getrunken und uns über die fetten Kreuzfahrtschiffe beschwert, die die Lagunenstadt regelmäßig erzittern lassen. Wer hätte damals gedacht, wie rasant sich das Leben um 180 Grad dreht.

Was uns hier in Venedig am meisten beeindruckt, ist, wie sich unsere Wahrnehmung unter Einfluss des Virus völlig verändert hat. Alles sieht plötzlich anders aus und fühlt sich anders an. Das Licht, die Farben, die Geräusche. Möwen liegen zum Sonnenbaden mitten auf dem Markusplatz. Amseln werden nicht mehr von Motorbooten überstimmt. Keine Kreuzfahrtschiffe. Keine Ausflugsboote. Keine Wassertaxiflotten, die den Canal Grande durchflügen. Keine Heerscharen von Reisegruppen, die es schaffen, noch die breiteste Gasse zu versperren. Unsere Schritte hallen in den Gassen, so dass Jean-Paul Sartres Feststellung wieder stimmt, dass der Fußgänger hier noch König ist.

Wir staunen über Venedig. Über die spiegelglatten Kanäle, die zu Lebzeiten niemand so gesehen hat. Denn als hier die Pest wütete oder auch die Cholera - zu Zeiten von Thomas Manns „Tod in Venedig“ lebten noch mehr als 154 000 Venezianer in der Stadt – waren sicher trotz Ausgangssperre mehr Menschen in den Gassen zu sehen, als heute, wo nur noch knapp 52.000 Venezianer hier leben,Tendenz sinkend.

Im Grunde bewege ich mich nur im 200-Meter-Radius, wobei ich, falls ich einem pingeligen Gemeindepolizisten in die Hände fallen sollte (wir leben in einem Land byzantinischer Bürokratie), ein Dokument in der Tasche habe, dass ich Autorin bin und als solche unser ungewöhnliches Leben in diesem so fremdartigen Venedig dokumentiere.

Kurios finde ich, dass viele Freunde, denen ich meine Videos geschickt habe, dieses Venedig als “gespenstisch” empfinden. Was vermutlich daran liegt, dass sie alle mal „Wenn die Gondeln Trauer tragen gesehen haben.

Sicher, es sind dystopische Zeiten. Wir aber empfinden unsere Stadt zur Zeit als überraschend friedlich – vielleicht, weil die Vergewaltigung Venedigs vorübergehend ausgesetzt ist.

Eine der vielen ironischen Volten des Schicksals besteht derzeit darin, dass wir vor den Supermärkten nie Schlange müssen. Bis vor wenigen Jahren gab es in Venedig so gut wie keine Supermärkte, jahrzehntelang wurde uns versichert, dass sich Supermärkte nur auf dem Festland lohnten, weil hier ja niemand mehr wohnt. Dann explodierte Airbnb und für die Airbnb-Kunden war es eine zu große Herausforderung, das Brot beim Bäcker, das Fleisch beim Fleischer und das Gemüse beim Gemüsehändler zu kaufen. Praktisch über Nacht quoll aus jeder Mauerritze ein – überteuerter – Supermarkt. Die Gemüsehändler, Fleischer und Bäcker verschwanden.

Und jetzt sind die Airbnb-Kunden, für die diese Supermärkte eigentlich gedacht waren, verschwunden. Und wir werden an der Käsetheke nicht mehr auf Englisch oder Französisch angesprochen.

In den letzten drei Jahrzehnten haben die venezianischen Bürgermeister die touristische Monokultur als allein seligmachende Religion gepriesen – ihr Credo lautete „Venezianer raus – Touristen rein“: Venedig wurde nicht als Lebensraum betrachtet, sondern als „Brand“, das es zu verkaufen gilt. Oder genauer: Als Gans, die goldene Eier legt.

Erschwerend für das Schicksal Venedigs ist die Zwangsehe, in der sich die Stadt seit dem Faschismus befindet, als sie mit dem Festland vereinigt wurde. Zur „Stadt Venedig“ gehört auch das Festland, wo inzwischen die überwältigende Mehrheit lebt: in Venedig und auf den Inseln leben knapp 79 000 Einwohner, auf dem Festland 180 000 Einwohner – in einer komplett anderen Lebenswirklichkeit. Und die, allein durch ihre zahlenmäßige Übermacht, den Bürgermeister bestimmen.

Was ich natürlich besonders bedauere, bei diesem unfassbar schönen Wetter und der Lagune, die da liegt wie ein Silbertablett, ist, dass ich nicht mit meinem Boot fahren darf. Offenbar hat es sich noch nicht bis auf das Festland herumgesprochen, von dem wir ja leider regiert werden, dass es in Venedig keine Straßen, sondern Kanäle gibt. Und dass die Venezianer keine diportisti, also Freizeitkapitäne, sind: Das Wort ist eine Beleidigung für die Venezianer, für die ein Boot kein Freizeitvergnügen ist, sondern eine Lebensform und das seit Jahrhunderten.

Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Freund, der seiner Mutter gestern die Einkäufe im Kanu gebracht hat, eine Geldstrafe über 500 Euro erhalten hat.

Als ich gestern mal wieder Freigang hatte, stand ich vor dem Markusdom und wurde von den goldenen Mosaiken geblendet. So nah wie jetzt konnte ich den Markusdom sonst höchstens nachts kommen, weil sich immer eine lindwurmartige Schlange um ihn gewunden hat. Ich staunte über die feinziselierten Blattkränze der Kapitelle, die geflügelten Herolde und den venezianischen Löwen – und dachte an den Satz: „Die Schönheit wird die Welt erretten”.

Genau genommen ist das ein Satz aus Dostojewskis „Der Idiot“. Er besuchte Venedig im Jahr 1869, auf dem Weg nach Triest und wir können nur ahnen, wie die Stadt damals aussah, sicher aber ist, dass Dostojewskis Venedig nichts mit dem Venedig vor dem Lockdown zu tun hat, jener täglich vergewaltigten Stadt, durch die wir uns permesso, permesso rufend quälten.

In der heutigen Stille haben Dostojewskis Worte eine ganz besondere Bedeutung. Sie drücken unsere Hoffnung aus, dass das Venedig des Nach-Corona nicht übergangslos an das des Vor-Corona anschließen möge.


Über die Autorin:

Petra Reski ist Schriftstellerin und Journalistin und lebt seit 1991 in Venedig, nachdem sich ihr ein Venezianer in den Weg geworfen hat. Da kam sie gerade aus Palermo und hatte sich fest vorgenommen, Venedig für überschätzt zu halten. Hat nicht ganz geklappt.

Seitdem schreibt sie über Italien: von den letzten Venezianern bis zum nächsten Ausbruch des Vesuvs. Vor allem aber schreibt sie immer wieder über die Mafia, besonders über die in Deutschland, obwohl sie sich damit erwiesenermaßen keine Freunde gemacht hat. Immerhin hat ihr diese Beschäftigung so viel Material eingebracht, dass daraus bereits drei Romane und zwei Romanhelden hervorgegangen sind: die sizilianische Antimafia-Staatsanwältin Serena Vitale und der Investigativreporter Wolfgang W. Wieneke.

Ihr Leben vor Venedig fand im Ruhrgebiet statt, wo sie als Tochter eines Ostpreußen und einer Schlesierin geboren wurde und aufwuchs – weshalb sowohl das Ruhrgebiet als auch ihre Herkunft als Tochter von Flüchtlingen in ihrer Biografie und in ihren Büchern eine große Rolle spielen.

Nach dem Ruhrgebiet kam Trier, Münster und vor allem Paris, wo sie Romanistik und Sozialwissenschaften studierte und die Absicht hatte, dort ihr Leben zu verbringen. Hat auch nicht geklappt.

Auf jeden Fall hat sie die Henri-Nannen-Schule in Hamburg besucht, wo Wolf Schneider sie mit seinen Maximen auf Linie brachte: “Qualität kommt von Qual”und “Gründe sind die Pest”. Danach begann sie ihre journalistische Arbeit im Auslandsressort des Stern, die ihr viel Inspiration lieferte (Unvergessen der Spiralflug im Südsudan).

Sie ist Mitglied im P.E.N., dem sie eine schöne Solidaritätsadresse verdankt, liebt Spaghetti mit Tomatensoße und Basilikum und betreibt nahezu täglich anthropologische Feldforschung.

Foto: © Paul Schirnhofer

 


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  • Wie schön

    Was für wunderschöne Bilder. Natürlich ist das alles mehr als traurig, aber Venedig in seiner wahren Schönheit zu sehen, empfinde ich als schön. Es zeigt den Charme der Stadt. Ich war vor dreißig Jahren dort und da gab es schon viele Touristen (u.a. mich), aber unter dem Einfluss der vielen Kreuzfahrtschiffe kann ich mir vorstellen, dass die venezianer das genießen. Bei allem, was es an Einbußen mit sich bringt. Danke für diese Liebeserklärung, liebe Petra

  • Brava!

    Liebe Petra, sehr schöne "anthropologische Feldforschung" aus Deiner Stadt, der mit Corona ja wohl ihr "branding" abhanden gekommen ist, die aber zu sich selbst gefunden hat – was für ein Glück im Unglück. Ich hoffe, Du kannst bald wieder Boot fahren!!! Und auf einen Prosecco in der Abendsonne auf dem Lido... ach. ich träume, Venedig ist schön in der Erinnerung, aber ja wohl tausend Mal schöner so, wie wir, die Touristen, es noch nie zu Gesicht bekommen haben und leider wohl auch nie wieder werden.