STAY AT HOME ROUTINE

Das einzig Beständige in meinem Leben im Moment ist das unerschütterliche Summen des Geschirrspülers. Zweimal täglich, denn wir sind zu Hause – und das 24/7. Wir, das ist ein Fünf-Personenhaushalt mitten in Hamburg Eppendorf. Meine Kinder schlagen sich tapfer durch das Homeschooling-Programm und ich versuche mittels Hangout, Zoom und Facetime unser kleines Unternehmen am Laufen zu halten. Als ungeduldiger Mensch, der gern in Bewegung ist, darf ich mich nun in „Couching“ und Demut üben. „Gerade für Dich, die so gern reist, muss diese Zeit doch furchtbar schwer sein“, fragte mich neulich eine Freundin. Ich dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass sich die Frage gar nicht stellt und mein Drang, die Welt zu erkunden von heute auf morgen zum Stillstand gekommen ist. Mein ganzes Sein, mein Körper, hat sich sofort den Umständen angepasst. Auch das ist eine Reise und will organisiert sein. Wie und wo kann ich jetzt den Kühlschrank füllen, wie organisiere ich die Kinder, meinen Job und schmeiße den Haushalt. Anfangs haben wir unsere selbstauferlegte Quarantäne (wir waren in Österreich zum Skilaufen) noch wie einen verlängerten Familienurlaub gefeiert; erst als meine große Tochter von ihrer Schule aus England zurück nach Hamburg geschickt wurde, war mir klar: Die Lage ist ernst und es ist nicht übermorgen vorbei. Meine Gedanken schalteten sofort auf Notbeleuchtung um, auf eine lange Zeit in den eigenen vier Wänden mit meinen Liebsten. Es gibt Schlimmeres möchte man meinen und doch will der Geist weiter, will anpacken, helfen, etwas tun.

Newsticker, Nachrichtenshows und social media propagieren: Stay at home und flaten the curve. Da wird geklatscht und gesungen, für die vielen Helfer, die an vorderster Front gegen ein Virus kämpfen, das unsere Gesellschaft vielleicht für immer verändern wird. Die Welt hält den Atem an, während die Pandemie, wie die vier apokalyptische Reiter über die Welt hereinbricht. Schon melden sich erste Verschwörungstheoretiker, das Virus sei von den Chinesen bewusst gestreut, um die westliche Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern und das Handelsembargo der USA zu durchbrechen. Wir hängen via Podcasts an den Lippen der Virologen und stehen still daneben, während unsere Wirtschaft fast ausnahmslos die Waffen streckt.

Es lag in der Luft: Die Feindseligkeit gegen die, die noch Fliegen, die weiter wegwollten, als es die Deutsche Bahn erlaubt. Die Welt war schon vor Corona am Abgrund: zu viele Fleischfresser, die Meere voller Plastik und die Arktis am Schmelzen. „Nature fights back“ höre ich die Zyniker rufen. Ja und plötzlich kehrt das globale schlechte Gewissen in meine vier Wände zurück. Ich blicke um mich herum und sehe, dass sich die Menschen verschieden schnell umgewöhnen - anpassen und schon fühlen sich einige, anderen moralisch überlegen. Wer jetzt keine Empathie gegenüber den Gefährdeten zeigt, ist asozial; wer nicht zu Hause bleibt, wird auffällig. Gegenwartsforscher Anthony Adler sagt: „Moral ist nur ein Versuch, der Realität zu entgehen. Sie gibt ein Gefühl von Macht. Aber es gibt Menschen, die andere Lebensrealitäten haben als man selbst – oder einfach nur einen sehr schweren Job. Wir müssen aushalten, dass es ein allgemein richtiges Verhalten für alle nicht gibt“. Ich klinke mich aus dem Wettstreit der Betroffenheit und habe keine Zeit, die Vereinzelung durch Covid-19 als schmerzhaft zu empfinden. Ich begreife sie als Chance, näher zusammenzurücken, den Menschen wieder interessiert ins Gesicht zu schauen und Freundlichkeit regieren zu lassen. So empfinde ich jedenfalls die ersten Wochen der Isolation.

Nach einer ersten Welle der tausend kreativen Projekte, die ich angehen wollte: virtuell Klavierspielen, endlich mal den Kleiderschrank ausmisten, den ganzen Tag lesen oder Pilates machen; habe ich schnell erkannt, dass ich nicht wie Phönix aus der Asche aus einer total aufgeräumten Küche selbstoptimiert aufsteigen werde und diese Krise als wahnsinnig große Chance romantisiere und begreifen werde.

Auch in der Quarantäne gibt es Regeln und Alltag und das verlängerte Wochenend-Gefühl dauerte genau eine Woche lang an, bis ich merkte, dass es eine feste Struktur braucht, den Laden am Laufen zu halten. Einer muss den Takt vorgeben, damit nicht alle bis in die Puppen schlafen, mein Sohn nicht jede Minute vor der PS4 hängt und die Teenager – Tochter sich nicht heimlich aus dem Haus schleicht, um sich mit Freunden an der Alster zu verabreden. Der persönliche Shut-down braucht Disziplin, geregelte Zeiten mit viel Improvisation, Geduld und Ruhe. Rituale helfen mir jetzt in die Gänge zu kommen: mein frühes Aufstehen, der Kaffee, Instagram und/oder Schreiben bilden den Auftakt – dann ab und zu eine Runde Laufen oder ein kleines Work out für den Kreislauf und die gute Laune. E-Mails checken und um 10 Uhr dann im Hangout mit meinem Team. Danach Mittagessen kochen, tausend Fragen beantworten und Wünsche erfüllen und immer wieder die Geschirrspülmaschine aus- und die Waschmaschine einräumen. Den Blog befüllen und die nächste Kollektion planen, ohne zu wissen, wie es weiter geht. Jeden Tag einen Fuß nach dem anderen setzen, dankbar sein für alles was da ist und langsam ein- und ausatmen. Lagerkoller Attacken werden mit einer Meditationseinheit oder Netflix kompensiert. Auch ein Buch „Angst ist nichts für Feiglinge“ von Suse Kaloff kam dieser Tage wie gerufen und hilft. Bei SoSUE nutzen wir unsere bescheidene Reichweite, um kleine Unternehmen zu unterstützen. „Wir sitzen alle im selben Boot“ ist eins meiner beliebtesten Hashtags oder „Einer für alle - alle für einen“, um es mit den vier Musketieren zu sagen. Alles was Gemeinschaft im Alleinsein schafft, inspiriert und beflügelt mich –  Egoshooter a la Asidas sind von gestern und Gesellschaftsspiele wie Monopoly, werden aus meiner Spielesammlung verbannt. Ich bin gespannt, ob diese zarten Triebe dieser erstarkten Solidarität die nächste Saison nach Corono überstehen. Ob uns diese Krise nachhaltig und positiv verändern wird, bleibt abzuwarten. Und auch da, ist jeder von uns eigenverantwortlich gefragt.

 

„Sei Du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt“  - Mahatma Gandhi 


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