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Selbstliebe in Zeiten der Cholerona

Seit die Autorin und Kolumnistin Karina Lübke (Myself, Barbara, Brigitte) für das Zeitgeist Magazin Tempo geschrieben hat, verfolge ich Ihre wirklich witzigen, ja teilweise sehr sarkastischen Beobachtungen über das Leben und die Liebe. Sie ist für mich die „Königin des ersten Satzes“ - und der ist wichtig für mich, wenn nicht sogar entscheidend, für das Weiterlesen eines Textes. In ihren Kolumnen für die Zeitschrift Barbara wird mir immer liebevoll ein Spiegel vorgehalten und ich kann mich darin spiegeln. Darüber hinaus habe ich das große Glück, sie in den letzten Jahren näher kennengelernt zu haben und wir sind fast zeitgleich von Harvestehude nach Eppendorf umgezogen. Sie ist mir eine wichtige Ratgeberin und Zuhörerin geworden – dafür an dieser Stelle lieben Dank.

Als ich Karina fragte, ob sie etwas für die Coronalogie schreiben möchte, hatte sie mir spontan etwas geappt – doch dann gab es plötzlich viel mehr zu sagen und es ist dieser großartige Bericht entstanden.


Ich fange mit dem Positiven an: Ich bin bisher gesund geblieben, meine Mutter und meine zwei Kinder sind es auch. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Ansonsten versuche ich seit Wochen, in dem ganzen anderen Wahnsinn nicht irre zu werden. Es ist wie bei „Stranger Things“, Staffel 4-100: Das Böse lauert da draußen, der Riss zur Unterwelt ist offen, Auch die Sonne in diesem Aprilsommer scheint irgendwie künstlich, während alles andere trügerisch normal wirkt.

Szenen einer Pandemie: Es war vor zwei Wochen in meiner pittoresken Kopfsteinpflasterstrasse in Hamburg-Eppendorf, die als Kulisse auch immer gerne für Dreharbeiten genutzt wird. Die netten Anwohner saßen samstagmorgens auf ihren hübsch bepflanzten Jugendstilbalkonen und frühstückten einträchtig sozial distanziert, als ein Rettungswagen vorfuhr, hielt, und zwei Figuren in weißen Ganzkörperkatastrophenschutzanzügen mit Kapuzen aussteigen, sich das Gesicht vollmaskierten, EKG -Koffer und das mobile Sauerstoffgerät umhängten und ins Nachbarhaus stapften. Irgendwann kamen sie mit einer Frau mittleren Alters in ihrer Mitte wieder heraus, verfrachteten sie in den Wagen und fuhren ab. Nein, diesmal waren es keine Dreharbeiten: Da ist er wieder, dieser Riss in der Matrix. Das Gefühl, in einem Katastrophenfilm festzusitzen, für den ich keine Eintrittskarte gekauft habe. Der so ein bescheuertes, unglaubwürdiges Drehbuch hat, dass Hamburger noch nicht über die Grenze nach Schleswig-Holstein dürften, geschweige dann an Nord- oder Ostsee. Und von dem noch keiner weiß, wie endlos der noch dauern wird und wer ihn alles nicht überdauern wird - körperlich, seelisch, finanziell.

Für mich als Autorin - wie auch für viele Freunde und Kolleginnen, die freiberuflich kreativ arbeiten - ist die Katastrophe mittlerweile Alltag. Außer unseren Nerven haben wir auch sonst viel zu verlieren: Buchverlage und Veranstaltungen liegen abwartend im künstlichen Koma, verkaufsreife Projekte sind on hold, Erscheinungstermine wurden verschoben. Der Buchmarkt ist im März im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Lesungen sind nicht möglich, Buchmessen abgesagt. Auch die großen Zeitschriften-Verlage vergeben die nächsten drei Monate keine neuen Aufträge an freie Autoren. Ich weiß, schlimmer geht´s immer, ich will erst gar nicht von den ganzen Schauspielern, Sängern etc. anfangen, die für ihre Kunst ein Live-Publikum und Auftritte brauchen. Der gesamte Kulturbereich wird gerade platt gemacht, Solo-Selbstständige, einst zur “Ich-AG“ hochgejazzt, rutschen durch fast alle Rettungsnetze. Wer jetzt nicht bereits längst zur Selbstisolation auf ein dickes finanzielles Polster zurückziehen kann, hat echte Existenzängste: Künstler sind die andere Art von Risikogruppe.

Es scheint ein Schrecken ohne Ende zu werden. Wer weiß, was im Herbst 2020 sein wird? Wie lange man das noch aushalten muss, bis alles wieder gutwerden kann?  Gestern las ich folgenden Internet-Witz: „Wenn wir später zurückblicken auf Corona, werden wir uns lachend in den Armen liegen und sagen, das waren vielleicht verrückte 12 Jahre!“. Diese Unsicherheit und die sich dauernd widersprechenden Anweisungen, die auch noch von Bundesland zu Bundesland verschieden sind, machen einen total verrückt. „An Tagen wie diesen“, wie „Fettes Brot“ sie in ihrem genialen Video besingen, hangelt man sich von einer kognitiven Dissonanz zur nächsten.

Ja, etliche Menschen sind im großstädtischen Miteinander rücksichtsvoll und solidarisch - aber viele auch genau die asozialen, rücksichtlosen Arschlöcher, die man immer in ihnen vermutet hatte. Die Zeiten von Cholerona werden sich nach meiner Einschätzung noch hinziehen, bei den ersten Lockerungen werden alle ins Freie strömen, an die Sonnenplätze der Stadt, und die Vorsichtsmaßnahmen verdrängen. Endlich wieder Auslauf, Sehnsucht nach Normalität, ich kann es ja gut verstehen. Es hat eine Gewöhnung an die alltäglichen Katastrophenmeldungen eingesetzt. Die Ausgangserleichterungen kommen nicht aus medizinischem, sondern gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichem Kalkül. Und bald danach wahrscheinlich die zweite Welle an Neuinfektionen, fürchte ich.

Auch den Hausarrest als Quality-Time zur Selbstoptimierung zu sehen fällt immer schwerer. Klar, theoretisch könnte ich nach Monaten im Kokon der Selbstquarantäne dem Sommer als Schmetterling entfliegen. Der Beachbody wäre durch online gestreamte und auf dem Teppich nachgeturnte Yoga- und HITkurse herausgemeißelt - aber was nutzt das, wenn man nicht an den Strand fahren darf? Meine Hosen schütteln da nur lachend die Knöpfe. Ich habe das Gefühl, auch ohne Jogginghose die Kontrolle über mein Leben und meine Selbstwirksamkeit verloren zu haben. Meine Sorgen lassen sich schlecht wegmeditieren, am schnellsten mit Essen und Lakritze etwas kleinkauen. Wenn ich abends noch ein Bier darauf trinke, schlafe ich besser ein. Zum Glück im Unglück habe ich zuhause keinen dysfunktionalen Beziehungspartner hocken und auch keine kleinen Kinder mehr, die ich nebenbei homeschoolen müsste. Ich habe tiefes Mitgefühl mit allen Eltern!

Gibt es euch tatsächlich da draußen, die es in dieser Zeit auch noch schaffen, sich selbstzuoptimieren? Wenn ja, bewundere und gratuliere ich euch, wirklich. Aber ich bin einfach oft zu traurig, um fröhlich produktiv zu sein. Zornig und fassungslos, wie dieses Virus sich trotz Ansage aus Wuhan weltweit so schnell ausweiten konnte. Warum der Rest der Welt so schlecht darauf vorbereitet war, obwohl der Flugverkehr munter weiterging. Wenn sogar mein braves Bürger-Ich im Dezember bei den Bildern aus Wuhan schon dachte, verdammt, das wird nicht in China bleiben - wieso dann nicht der Gesundheitsminister, der es nicht mal hinbekommt sich seinen Gesichtsschutz richtig herum aufzusetzen und sich im Krankenhaus mit in den vollbesetzten Fahrstuhl drängelt? Social Media darf man sich deswegen auch nur in minimalen Dosen aussetzen. Ich entfreunde sofort alle, die jubeln dass Mutter Erde sich jetzt von alleine reinigt und gerechterweise ja nur die Älteren an diesem genialen Virus sterben würden, „die diesen Planeten ja schließlich an die Wand gefahren haben“. Gerne wird dazu ein Foto gephotoshoppter Delfine in der Lagune von Venedig gepostet. Wenn ich nicht brav körperliche Distanz halten müsste, möchte ich dem Nächsten, der Helmut Schmidt/Gandhi/einen Glückskeks mit „In der Krise zeigt sich der Charakter“ zitierte, eine runterhauen. Obwohl es prinzipiell stimmt.

Ehrlich - ich bewundere Menschen, die in jeder Krise eine Chance sehen, die sich ihre Heimknasttage gut durchstrukturieren (was einem im echten Knast wenigstens abgenommen wird). Ich selber werde dem Corona-Kokon irgendwann wohl mit ein paar Kilos mehr und ein paar Muskeln weniger entsteigen; zudem mit einem rekordverdächtigen Haaransatz. Aber hoffentlich gesund, glücklich und mit großer Dankbarkeit: Ich bin vielleicht nicht vorangekommen, aber durchgekommen. Ich bin geschafft, aber wir haben es geschafft. I have a dream: Endlich auf der Straße nicht mehr anderen Menschen wie in einem billigen Videospiel panisch meterweit ausweichen zu müssen, als wären sie Zombies oder Kontaktgift! Ich will endlich wieder meine 87jährige Mutter besuchen, die einsam und alleine in ihrem Häuschen am Steinhuder Meer lebt. Und ich wusste bisher gar nicht, wie wahnsinnig gerne ich meine Freunde umarme und drücke und herze. Ich kann es kaum erwarten, bis das wieder legal sein wird.


Über die Autorin:

Karina Lübke studierte erst an der Folkwangschule Design, machte ein Diplom in Mode und absolvierte dann bei Wolf Schneider die Hamburger Journalistenschule. Sie wurde anschliessend Redakteurin und Kolumnistin bei TEMPO und schrieb dann freiberuflich u.a. für das SZ-Magazin, die ZEIT, emotion, SALON, Myself, Brigitte MOM. Lübke veröffentlichte diverse Kurzgeschichten in Thriller-Anthologien und wurde dafür mit dem „Marlowe“ ausgezeichnet. Ihr erster Roman „Bei aller Liebe“  wurde 2007 veröffentlicht. Ihre monatliche Kolumne "Bitte recht feindlich" in der Zeitschrift BARBARA hat eine große Fangemeinde und wird Anfang nächsten Jahres als Buch erscheinen, ebenso wie ihr nächster Roman. Zwischendurch heiratete sie, zog eine Tochter und einen Sohn groß und ließ sich scheiden.  


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  • Genauso isses

    Genau richtig. Ich warte auch darauf, dass all das, was mir manchmal zu viel wird – Besuch und Besprechungen und "gesellig" sein – wieder "legal" ist und mir wieder zum Hals raus hängt, wär' das schön ?. -- Zur Nach-Corona-Kondition: habe mir vorgestern kühn die Haare geschnitten und heute pfuschig gefärbt, geht alles irgendwie; muss aber nicht.