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Mein lieber Mann ... Teil 4: Verkehrswende

 

An dieser Stelle schreibt unsere Autorin Briefe an „ihren Mann“, den es zwar hoffentlich schon gibt, der aber noch nicht bei ihr geklingelt hat. Die Bilder zu der Serie sind von dem Fotografen Peer Kugler. Die beiden waren vor 30 Jahren ein Paar und haben die meiste Zeit ihrer verliebten 24 Monate im Kino verbracht. Beide wundern sich darüber, dass ihre Freundschaft schon so alt ist wie der Fall der Berliner Mauer. Auf einer gemeinsamen Reise nach Bukarest vor 24 Jahren schlug Stefanie Peer vor, eine Leica mitzunehmen, seither legt er die Kamera nur selten vom Körper ab.

Teil 4

Verkehrswende

 Spülmaschine einräumen, Wäsche aufhängen, Auto fahren. Eine willkommene Gelegenheit, die Beziehungsdynamik von Paaren zu studieren. Es soll ja Männer geben, die von den ersten beiden Situationen grundsätzlich Abstand nehmen. Ich lebte sieben Jahre lang mit einem Mann unter einem Dach, der „Angst vor dem Staubsauger“ hatte. Jetzt fragst Du dich vielleicht, warum das nicht die Hausangestellte erledigt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn Paare nebeneinander im Auto sitzen ist meistens die Fahrstrecke festgelegt. Das Gesprächsthema oszilliert zwischen Terminabsprachen und demonstrativem Schweigen und es kann es zu plötzlichem Druckabfall in der Kabine kommen. Dann ist es wichtig, sich zuerst mit Sauerstoff zu versorgen, bevor man Mitreisenden hilft. Ich glaube, die meisten Scheidungen werden im Auto beschlossen. Und wenn ich von den von mir häufig beobachteten, genervten Gesichtsausdrücken von Autoinsassen auf deren Partnerschaften schließe, möchte ich ihnen zurufen: „Hey, Susanne (Harry oder Sabine) – steig’ doch einfach an der nächsten Ampel aus! Finde dein Glück! Es sitzt nicht neben dir!“

Mein lieber Mann, ich möchte dir bei Rot einen Warte-Kuss geben oder dir mit meiner linken Hand den Nacken kraulen. Du fährst, denn ich lasse mich zu leicht ablenken. Vielleicht habe ich meine Füße auf dem Armaturenbrett und singe in schiefer Tonlage, aber textsicher einen Song mit. Heimlich bewundere ich deine Souveränität am Steuer. Das ist dermaßen „cheesy“ und gar nicht gendertauglich, aber ich vergöttere Männer mit gutem Fahrstil. Ich kann dafür super Staubsaugen.

Mein lieber Mann, mein erster Wagen war eine 2-CV in Grün. Ich lebte auf Sylt, fuhr mein Surfbrett überwiegend zum Angeben spazieren und schnippte Zigarettenstummel aus der Fensterklappe. Als Studentin besaß ich einen Peugeot 304 Cabrio, eine Badewanne. Danach einen Renault 4 in Weiß, dann übernahmen die Ehemänner das Steuer, und zuletzt fuhr mich ein alter Volvo-Kombi. Er starb auf dem Rückweg von einem Festival, meine erwachsene Tochter hatte versäumt, Getriebeöl nachzufüllen. Immerhin, sie hatte einen Traumfänger am Rückspiegel montiert. Des Weiteren waren eine leere Kiste Mate-Tee, Reste von Proviant und eine Matratze stumme Zeugen einer gelungenen Eskapade, ein würdiger Tot für einen Oldtimer. Ich weinte beim Abschied – seitdem fahre ich Rad. Ich mime die umweltbewusste Bürgerin und träume dabei vollkommen bigott von einer fetten Kiste. Und beobachte Paare in Pkws, ein Spleen, wie auch das Studieren von Todesanzeigen.

Wir sind alle so verletzlich.

Vor wenigen Monaten habe ich mir für eine Woche einen Leihwagen genommen, einen Mercedes GLE 350 d. Und geriet in einen Rausch. Ich fühlte mich absolut aufgewertet, unverwundbar, die Metamorphose zum leicht prolligen Luxusgeschöpf vollzog sich bereits während der ersten Kilometer. Es war lächerlich entlarvend und gleichzeitig vollkommen geil. Mein lieber Mann, warum nur stehen wir Europäer auf Panzer?  Am 16. Juni las ich, im Anschluss an die Todesanzeigen, den Auto-Teil der Süddeutschen Zeitung und blieb an folgenden Zeilen hängen: „Den Preis für die um sich greifende SUV-Manie zahlt freilich nicht der einzelne Nutzer, sondern die Allgemeinheit. Denn die Pseudo-Geländewagen sind energetisch ineffizienter, verkehrsflächenhungriger und im Crash-Test unerbittlicher als das Gros normaler Pkw. Und die nächste SUV-Generation heizt den Wettlauf der Superlative weiter an – mit noch mehr Leistung und Drehmoment und den Abmessungen eines Dinosauriers auf Rädern. Traurig, aber wahr: Das obere Segment des SUV-Booms hat mit der Verkehrswende und der Mobilität von morgen so gut wie nichts am Hut.“

Erwischt.

Nun denke ich wieder über eine Ente nach. Sie sind leider sehr selten geworden. Bis ich eine finde, fahre ich weiter Fahrrad, meine ganz persönliche Verkehrswende. Und in ferner oder naher Zukunft sage ich zu Dir: „Harry, hol schon mal den Wagen!

 


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