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Mein lieber Mann ... Teil 12: Gründel-Zeit

An dieser Stelle schreibt unsere Autorin Briefe an „ihren Mann“, den es zwar hoffentlich schon gibt, der aber noch nicht bei ihr geklingelt hat. Die Bilder zu der Serie sind von dem Fotografen Peer Kugler. Die beiden waren vor 30 Jahren ein Paar und haben die meiste Zeit ihrer verliebten 24 Monate im Kino verbracht. Beide wundern sich darüber, dass ihre Freundschaft schon so alt ist wie der Fall der Berliner Mauer. Auf einer gemeinsamen Reise nach Bukarest vor 24 Jahren schlug Stefanie Peer vor, eine Leica mitzunehmen, seither legt er die Kamera nur selten vom Körper ab.

Teil 12

Gründel-Zeit

Mein lieber Mann, momentan fühle ich mich wie eine Schlange, die ein sehr großes Tier verdauen muss.  Wenn wir lesen, lernen wir etwas über die Welt und über uns selbst. Ich habe zwei Romane gelesen, direkt hintereinander. Ich lese permanent, aber diese Geschichten muss ich jetzt eine Weile auf mich wirken lassen.

Zuerst las ich „Sand“ von Wolfgang Herrndorf und gleich im Anschluss „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Beide Bücher las ich wie im Rausch. Und wenn ich Zeit hätte, würde ich sie gleich noch ein zweites Mal lesen.

„Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden.“ Schreibt Benedict Wells in „Vom Ende der Einsamkeit“. Einer von zahlreichen Schlüsselsätzen. Mein lieber Mann, wenn Du da wärst, würde ich dir daraus vorlesen. Vorlesen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Zweimal habe ich alle sieben Bände von Harry Potter meinen Töchtern vorgelesen.

Ich war mal eine Weile mit einem Mann zusammen, der wunderbar vorlesen konnte. Eigentlich war er ein Schuft und unsere Liebe füllten wir mit ewigen Streitereien aus, bis wir sie letztendlich zwischen Wörter zerrieben. Ich blieb bestimmt länger  bei ihm, weil er einen sehr guten Literaturgeschmack hatte, die verschiedenen Übersetzungen von Moby Dick waren sein Spezialgebiet, aber ich schweife ab.

Bevor ich selbst für eine Weile zum Nachdenken abtauche möchte ich dir noch erzählen was mir vor einigen Tagen passiert ist. Ich hatte die Aufgabe übertragen bekommen, für meinen verstorbenen Vater eine Gedenkanzeige in der Sylter Rundschau sowie im Tagesspiegel zu schalten. Dazu musst du wissen, dass  mein Vater im November 1969 gestorben ist. Da war ich fünf Jahre alt und das ist 50 Jahre her. Wenn man jemanden vermisst, klingt das länger als es sich anfühlt. Meine Erinnerungen an ihn sind einige Filmschnipsel, die sich mein Gedächtnis zurechtgelegt hat. Unter anderem die Fernsehübertragung der Mondlandung, die ich damals staunend auf dem Schoss meines Vaters anschaute. Mein Vater war Berliner, Jahrgang 1924, und somit Zeitzeuge einer Ära, die vermutlich seine Neigung zu Hochprozentigem erklären. Zum Schluss verdiente er bemerkenswert viel Geld als Barbesitzer und gab einen Großteil davon am Spieltisch wieder aus. Mein Bild von ihm hatte immer etwas von Roger Moore und Tony Curtis aus der Serie „Die Zwei“. Meine Phantasiebegabung und auch die mir angeborene Toleranz, selbst bei realistischer Betrachtung immer ein Auge zuzudrücken, haben meinen Vater posthum gut aussehen lassen. Die kritischen Erzählungen meiner Mutter ließ ich bei dieser subjektiven Retrospektive außen vor. Erinnerungen folgen der Dramaturgie von Emotionen. Walter Benjamin sagt, Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten.

Eine halbe Ewigkeit vermisste ich meinen Vater – jedoch ohne es zugeben zu können. Nur langsam setze ich das Puzzle zusammen, betrachte Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg, die Zeit des Wirtschaftswunders, das Spießertum Ende der Fünfziger Jahre und seine Biografie, die mit 45 zu Ende war. In diesem Alter gründen Väter heute oftmals ihre zweiten Familien.

Jedenfalls entwarf ich die Anzeige und fand dafür ein Zitat aus „Rocketman“ von Elton John passend:

I miss the earth so much

I  miss my wife.

It’s lonely out in space

On such a timeless flight

Elton John schrieb den Song auf dem  Höhepunkt seiner Karriere und dem Tiefpunkt seiner Drogensucht. Etwas an der Melancholie und dem biografischen Bezug von „Rocketman“ überzeugte mich spontan davon, dass es meinem Vater gefallen hätte, wenn wir ihm auf diese Weise gedenken würden.

Jemand aus meiner Familie war da absolut anderer Meinung.

Wir können dem scharfen Urteil von Menschen, die wir lieben, manchmal nicht entrinnen. Aber wir können zusehen, dass wir mit unseren Ideen dabei nicht verloren gehen. Selbst wenn es kindliche Ideen sein sollten oder alberne oder utopische. 

An dieser Stelle erlaube ich mir, ein Zitat von einer Website zum Gedenken an den Maler und Schriftsteller Wolfgang Herrndorf zu verwenden.

„Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“


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