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Mein lieber Mann ... Teil 10: Serviervorschlag

An dieser Stelle schreibt unsere Autorin Briefe an „ihren Mann“, den es zwar hoffentlich schon gibt, der aber noch nicht bei ihr geklingelt hat. Die Bilder zu der Serie sind von dem Fotografen Peer Kugler. Die beiden waren vor 30 Jahren ein Paar und haben die meiste Zeit ihrer verliebten 24 Monate im Kino verbracht. Beide wundern sich darüber, dass ihre Freundschaft schon so alt ist wie der Fall der Berliner Mauer. Auf einer gemeinsamen Reise nach Bukarest vor 24 Jahren schlug Stefanie Peer vor, eine Leica mitzunehmen, seither legt er die Kamera nur selten vom Körper ab.

 

Serviervorschlag

Mein lieber Mann, ich hoffe, du bist vor 1968 geboren und hast eine kleine Wampe. Bei auffallend dünnen Männern habe ich nämlich Angst, sie würden frieren, hungrig sein oder gleich beim ersten Kennenlernen mit ihrer Fitness angeben. Außerdem lamentieren dünne Männer auffallend oft und meist unaufgefordert übers Essen oder besser gesagt über ihr Ernährungskonzept. Heutzutage ist ja eine einfache Nahrungsaufnahme gar nicht mehr möglich. Jeder, der etwas auf sich hält, hat ein Konzept.

Ich hoffe jedenfalls du bist satt – auch emotional.

Ich kann noch die Zeiten vor dem Einsetzen der Essstörungen beider Geschlechter erinnern. Es muss kurz nach MTV und kurz vor Facebook gewesen sein. Da haben sich Männer noch über Frauen mokiert, die beim Abendessen nur einen Salat bestellten um ihn dann mit der Gabel von rechts nach links auf dem Teller zu schieben. Es gab sogar eine Kategorie in der Werbefotografie, die hieß „lachende Frau mit Salat“. Ist das jetzt post-faktisch? Ich weiß es nicht! Gefühlt hat sich das auf jeden Fall vermengt, denn jetzt lausche ich Männern, die sich intensiv-unbefangen über ihre Darmflora und Intervallfasten-Zeitfenster unterhalten. Und zwar so selbstverständlich wie über Kopfhörerpartys oder Termine in der Kinderwunschpraxis.

Jedenfalls haben nicht mehr nur schlankheitsbewusste Frauen Angst vor der modernen Trinität des Grauens: Gluten, Zucker, Fett. Sondern auch bemerkenswert viele Männer. Immerhin, bei Gehältern und der Quote in Führungsetagen ist die Gleichstellung nur in klitzekleinen Schritten voranzutreiben. Bei den gesellschaftlich offenbar ebenso relevanten Punkten wie Ernährungskonzept- und juvenilem Optimierungswahn liegen die Geschlechter bald gleichauf. Das ist doch schon mal was!  

Die Kerle, die noch vor gut fünf Jahren an Weber-Grills so groß wie Kühlerhauben brieftaschendicke Steaks wendeten, und dabei literweise Bier aus regionalen Manufakturen tranken, sind heute aus Angst vor dem Fortschreiten des körperlichen Verfalls grundsaniert-missioniert und führen Fachgespräche über kostspielige Getreidemühlen. Und Mondwasserabfüllungen. Für mich hat das fast so viel Sexappeal wie verklärt wippende Fusselbart-Väter mit Baby im Tragetuch bei meiner Brotapotheke „Zeit für Brot“. Ich nenne es „Brot für Zeit“ und bezahle freiwillig 3,10 Euro für ein Baguette, auch weil ich dort beim Warten so gut unterhalten werde. In diesem Schmelztiegel der Coolness und unerzogener Kleinkinder bin ich immer froh, dass meine Töchter hier bereits arbeiten könnten - sie bräuchten allerdings ein Tattoo. Und ich nicht mit diesen ambitionierten Eltern im Stuhlkreis gewaltfreie Kommunikation und Ernährungskonzepte diskutieren muss. Manchmal ist es richtig geil schon älter zu sein!

Mein lieber Mann, ich möchte unter gar keinen Umständen etwas über sichtbare Erfolge deiner Hydro-Colon-Therapie erfahren. Oder dir beim Frühstück den Zuckeranteil auf einer Nahrungsmittelpackung vorlesen um dich anschließend über den Klee - oder soll ich sagen übers Weizengras - zu loben weil du auf das süße Teufelszeug verzichtest. Ebenso wenig möchte dir vorbeten, dass Gluten vermutlich Ohrenjucken und andere gefährliche Zivilisationskrankheiten verursacht.

Kann mir mal jemand erklären, warum das Thema zu einer Ersatzreligion geworden ist? Für eine Auskunft spendiere ich eine Pasta nach 20 Uhr.

Du bist was du isst. Davon bin ich überzeugt! Clean Food? Da esse ich alles mit! Aber wehe, mir würde jemand mein tägliches Franzbrötchen oder die dick belegte Käsestulle wegnehmen! Es gibt kulinarische Vorlieben, die gehören einfach zu einem Menschen dazu. Egal welche Spleens die Gesellschaft gerade durchläuft. Vor elf Jahren durchlitt ich selbst eine streng vegane Phase. Da war ich noch eine exotische Pionierin mit meinen Pasten, die ich zu jeder Einladung mitbrachte. Ich befand mich auf einer Mission! Die neugierigen Fragen der anderen waren mein Futter; wohl auch weil meine Beziehung mich nicht mehr satt machte.

Wenn Menschen ihren Essensplan radikal umstellen, plötzlich Verzicht üben, bestimmte Speisen dämonisieren, läuft oft zeitgleich eine signifikante Veränderung in ihrem Leben ab. Es kann der Ausdruck von Lebensbejahung sein, aber ebenso von Einsamkeit und Furcht vor dem körperlichen Verfall. Auch ich fürchte mich vor Hängefleisch über meinen bislang bildschönen Knien. Aber noch mehr fürchte ich mich vor dem Franzbrötchen-Entzug und vor Frauen, die sich eine halbe Stunde lang über ihre persönlichen Körperphänomene bei Brotverzicht unterhalten. Als ich neulich eben diese intime Konversation unfreiwillig belauschte, wurde mir eine Offenbarung zuteil.

Ich schreibe ein Kochbuch, es wird ein Bestseller! Ich nenne es die „Maria-Magdalena-Diät“, Slogan: So jung wie die Zeitrechnung, ein Werk für spirituelle Trendsetter. Die einzigen Zutaten: Oliven, Olivenöl, Feigen, Mandeln, Tomaten, Brot, Ziegenkäse, Kräuter, Wein. Der Oktopus darf weiter schwimmen, die Ziege weiter meckern.

Leben und leben lassen. 


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  • Toll!

    Wieder sehr schön, liebe Steffi, diesmal extra schön. Muss immer noch lachen über die „lachende Frau mit Salat“, bin allerdings gerade die „lachende Frau mit Haferflocken“. Ich wünsche Dir so sehr einen netten Mann mit Wampe, aber wenn Du ihn hast, hörst Du womöglich auf, über ihn zu schreiben! Also bitte geh weiterhin zu den Fusselbärten in der Brotboutique und verpasse ihn knapp.