Knuths Lost & Found Januar

 

Wieder ein Monatsrückblick von Knuth. Diesmal beschäftigt ihn, dass heute hinter allem eine Leistung stehen muss. Einfach laufen oder essen geht heute nicht mehr. Am Ende müssen Kilometer und Nährwerte stimmen. Für alle, die einfach nur leben wollen. Dazu wieder viele Kulturtipps. Erfahrt, welche Bücher, Musik und Filme Knuth im Januar gefallen haben.

#PerformanceMarketing

Januar 2022 – Es ist kalt und dunkel. Ich machte meinen Morgenlauf und dachte darüber nach, was ich diesen Monat hier auf diesen Blog schreiben könnte. Plötzlich überholte mich ein Läufer, der regelmäßig auf seine Uhr schaute. Meine Schritte wurden langsamer. Da ging mir eine Geschichte durch den Kopf, die schon ein paar Jahre zurücklag.

Das Buffet war reichhaltig. Keine Frage, die Gastgeber hatten alles gegeben. Während ich mir den Teller auffüllte, kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Klassischer Partytalk. Mit unseren Tellern stellten wir uns an einen Tisch und quatschten weiter.

„Und was treibst du so für Sport?“, fragte er mich.

„Ich laufe ein wenig“, antwortete ich.

Er wollte es genauer wissen: „Wie viel Kilometer?“

„Keine Ahnung? Mal mehr mal weniger.“ Tatsächlich wusste ich es nicht.

In seinem Gesicht machte sich Enttäuschung breit. „Interessiert es dich nicht, wie viel Kilometer du so läufst?“ Die Frage klang eher nach einem Vorwurf.

Ich holte Luft, aber er wartete meine Antwort erst gar nicht ab und plapperte los. „Ich führe zum Beispiel eine App mit einem Lauftagebuch!“

Sein iPhone tanzte jetzt vor meiner Nase. Auf dem Screen waren bunte Tabellen und Grafiken zu sehen. „Das sind alle meine Leistungsdaten, damit kann ich genau analysieren, wie ich performe.“ Beim Blick auf die App vergrößerten sich seine Pupillen. Er lächelte zufrieden. Der Vortrag endete mit vielen Trainingstipps. Es sei wichtig, dass ich mehr Kilometer schaffe. Denn Laufen, wäre Medizin und das sei wissenschaftlich erwiesen, betonte er. Es hätte nicht nur Vorteile für meine Gesundheit, ich wäre auch im Leben erfolgreicher. Ich nickte. Er schwieg und gönnte uns beiden eine Stärkung.

Während mein Gaumen damit beschäftigt war, die Gewürze im Grünkohl-Dim-Sum zu enträtseln, stellte ich mir die Frage: Warum muss hinter allem heute eine Leistung stehen? Mir war aufgefallen, dass immer mehr Menschen das Leistungsprinzip in fast alle Lebensbereiche ausgedehnt haben. Überall muss am Ende ein messbarer und sichtbarer Erfolg stehen. Einfach nur Laufen reicht anscheinend nicht mehr aus.

Ich bin halt ein Fiat

Leistung bedeutet heute alles: Ein Foto auf Instagram braucht heute viele Likes sonst ist es nichts wert. Deine Waage im Bad ist erst mit dir zufrieden, wenn du außer deinem Idealgewicht auch die perfekte Verteilung der Muskelmasse erreicht hast. Du musst mindestens fünfmal kommen, damit guter Sex auch wirklich als guter Sex gewertet werden darf. Kindergeburtstage müssen die Qualität von Großevents a la Disney World haben, erst dann sind Eltern und Kinder zufrieden. Wissenschaftler müssen so viele Arbeiten wie möglich veröffentlichen, wenn sie relevant bleiben wollen. Ob ihre Arbeiten nun wichtig sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Ein Nahrungsmittel, das bloß nur satt macht, ist heute ungefähr so schlimm, wie nackt im kalten Regen zu stehen. Es muss unbedingt ein Superfood sein, dass noch viele zusätzliche Vorteile bietet.

Das Leben ist ein Autokarten-Quartett geworden. Als Kinder haben wir es gespielt. Die Karten mit den höchsten Leistungswerten gewannen. Die Ferrari-Karte war der Supertrumpf. Wer die hatte, wurde Sieger. Heute will jeder ein Ferrari sein. Ein Fiat zu sein reicht nicht mehr aus. Wer im Wettbewerb bestehen möchte, der muss sich und seine Welt vermessen und kontrollieren lassen. Wir starren auf unsere Fitnessarmbänder, zählen Schritte und Tiefschlafphasen. Und wem das nicht genug ist, der nimmt sich zusätzlich noch einen Coach. Einen, der dafür sorgt, dass wir ein Sixpack bekommen und einen, der unsere Seele auf das nächste Level hebt, um beispielsweise resilienter zu werden. So aufgerüstet müssten wir es doch auf das Siegertreppchen schaffen. Weit gefehlt, die Karotte, wird jedes Mal ein Stückchen höher gehängt. Immer bleibt das Gefühl, dass du Letzter bist. Deine Leistung wird nie ausreichen.

Ich schluckte den Grünkohl-Dim-Sum runter. Er schmeckte mir. Ich fragte die Gastgeberin, wie sie denn auf die Idee mit der Grünkohlfüllung gekommen sei? „Ach weiß du Knuth, immer nur mit Bratkartoffeln und Kochwürstchen war mir zu simple und zu fett. Aber Grünkohl geht auch besser! Er ist eine super Antioxidantien-Bombe. Ich mache mir sogar Smothies daraus. Wenn du ihn regelmäßig trinkst, wirst du es an deiner Haut merken!“ Dann empfahl sie mir einen Rotwein, den ich unbedingt probieren sollte, weil er bei allen Weinführern die höchste Punktzahl erreicht hatte.

Damals dachte ich, einfach nur genießen geht tatsächlich wohl nicht mehr. Der Wind blies mir ins Gesicht. Es fing an zu dämmern. Langsam trottete ich weiter. Weitere Läufer und Läuferinnen rannten an mir vorbei. Ich bin halt ein Fiat.

 

***

Seltsamer Januar. Endlos lang. Endlos grau. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass alle darauf warten, endlich genesen zu sein, damit sie mit der Seuche durch sind. Sie wollen für sich diese Ausnahmesituation beenden. Damit ist die Hoffnung verbunden, wieder das Normale zu bekommen. Kann ich verstehen, finde aber, dass es eine riskante Einstellung ist. Aber es soll ja besser werden. Im Februar beginnt das chinesische Neujahrsfest. Vielleicht bringt dir das Tigerjahr viel Glück. Ich würde mich freuen. Hier habe ich noch ein paar Tipps für dich. Viel Spaß.

 


 

The Power of the Dog

 

Liebe Benedict Cumberbatch Fans, ihr müsst jetzt ganz tapfer sein. In „The Power oft The Dog“ spielt der englische Schauspieler den eigenbrötlerischen Phil und ist richtig fies drauf. Zusammen mit seinem Bruder George (Jesse Plemons) führen sie in der endlosen Prärie eine Rinderranch. Phils heile und harte Männerwelt gerät ins Wanken, als sein Bruder Rose (Kirsten Dunst) heiratet. Besonders fasziniert ist Phil von ihrem schüchternen Sohn Peter, gespielt von Kodi Smit-McPhee – by the way, warum das Modevolk den noch nicht entdeckt hat und in Wow-Starre verfallen ist, ist mir ein Rätsel, der Typ hat in dem Film einen richtig coolen Style. Was für ein Drama von Jan Campion (Das Piano) und Mr. Cumberbatch als Miesepeter sollte endlich einen Oscar bekommen.

The Power of the Dog , verfügbar auf Netflix

 


 

Tenderbar

 

Viele Nachmittage meiner Kindheit verbrachte ich in Chinarestaurants. Mein Vater war Koch. Daher war es für mich nicht ungewöhnlich, wenn ich am Tresen saß und meine Hausaufgaben machte. Ich liebte es. Meine öden Schultage wurden gerettet, wenn die Freunde meines Vaters auftauchten. Es waren Jungs in fetten Karren, die immer was am Laufen hatten. An diese Zeit muss ich immer denken, wenn ich das Buch „Tenderbar“ von J. R. Moehringer aus meinem Regal nehme. Er beschreibt dort seine Kindheit, die besonders durchs „Dickens“ geprägt war. Dort in der Bar traf er jede Menge schräge Typen. „Jedes Mal, wenn die Männer vorbeirannten, hinterließen sie eine Duftwolke. Bier. Aftershave. Leder. Tabak. Haarwasser. Ich atmete tief ein, prägte mir das Aroma tief ein...“ Mir ging es ähnlich. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, muss ich noch einmal ein paar Kapitel daraus lesen. Das Buch wurde gerade von George Clooney mit Ben Affleck verfilmt. Den Film habe ich nicht gesehen, aber das Buch geht runter wie ein guter Whiskey und es wärmt von innen. Cheers.

 

Tenderbar  – J.R Moehringer, 464 Seiten, Fischer 

 


 

Get Back

 

Ringo Star und George Harrison gähnen. Müde schauen sie zu, wie Paul McCartney auf der Gitarre die ersten Takte von „Get Back“ spielt. John Lennon kommt später dazu. Er hat verpennt. Es ist Anfang 1969 und wir werden Augenzeugen, wie das Album „Let it be“ der Beatles produziert wird. Ein Filmteam hatte die Fab Four hinter den Kulissen beobachtet. Für viele Fans ist die Platte ein Dokument des Scheiterns, denn die vier hatten einander satt. Jeder ging mittlerweile seinen eigenen künstlerischen Weg. Das Album selbst erschien erst ein Jahr später. Der Regisseur Peter Jackson (Der Hobbit) hat das teilweise unveröffentlichte Material gesichtet und zu einer Dokuserie zusammengeschnitten. Ich war gefesselt. Doku und Platte kann ich nur empfehlen. Seitdem dudelt bei mir in der Küche immer „I‘ got a Feeling“.

Get Back – verfügbar auf Disney Plus, Let it Be auf Apple Music und Spotify

 


 

Vigil

 

TV-Krimi in Deutschland so: Stararchitekten-Ehemann hat Affäre mit Au-pair und bringt sie um. Yoga-Start-up-Ehefrau hat Zweifel. Kommissar mit viel Selbsthass verliebt sich in Ehefrau. Viele Kamerafahrten in Bungalows mit weißer Einrichtung. Dazu lange verschwitze Dialoge. Letzte Szene, der Täter heult in seinem SUV, dreht eine Udo Lindenberg Song laut auf und fährt über eine Klippe. Ehefrau fällt Kommissar in die Arme. Schnitt. TV-Krimi in England so: Eine traumatisierte Polizistin soll einen Mord auf einem Atom-U-Boot der Royal Navy aufklären. Sie muss dazu unter die hohe See, weil das Boot auf geheimer Mission unterwegs ist. Das Mordopfer ist ein Whistleblower. Mannschaft und Offiziere hassten den Mann. Mannschaft und Offiziere hassen auch die Polizistin. Keine Kooperation. Jeder gegen jeden. Lügen. Geheimnisse. Drogen. Dazu ein kaputter Reaktor. Und alles verdammt eng. Mannschaft, Offiziere, Admiralität, Russen, Amerikaner, Friedensaktivisten, Lokalpolitiker, Downing Street alle haben ein Motiv. Mehr verrate ich über Vigil nicht. Sehr spannend. Over und aus.

 

Vigil  - ARTE Mediathek nur noch bis zum 18.02 online. Zweimal auf „Tatort“ verzichten – lohnt sich.

 


 

Heaven

 

„Solange keine Schule war, musste ich weder jemanden Blicke ertragen; mein Leben glich dem stillen Dasein eines Möbelstücks. Sich in niemandes Augen zu spiegeln war ungeheuer beruhigend“, sagt der Ich-Erzähler, der froh ist, wenn er nicht zur Schule muss, weil er dort von seinen Mitschülern gequält wird. Dann freundet er sich mit seiner Klassenkameradin Kojima an, die auch gemobbt wird, weil sie aufgehört hat sich zu waschen. Eine Geschichte über eine Gesellschaft, die Außenseiter nicht erträgt. Ich kam mir vor, als hätte ich ein Tagebuch gefunden, in dem ich heimlich las. Sehr intim und einfühlsam. Besonders irritierend für mich, wie beiläufig und unaufgeregt der Ich-Erzähler seine Geschichte erzählt.

Heaven – Mieko Kawakami, 192 Seiten Dumont

 

***

Danke, dass du dir etwas Zeit genommen und meinen Beitrag gelesen hast. Ich hoffe, dass ich dich auf andere Gedanken bringen konnte. Bleib gesund! Wir sehen uns im März wieder. Vielleicht ist dann schon etwas mehr Frühling da. Bis bald!

 


 

Knuth Kung Shing Stein ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken als PR Berater und Content Curator. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 


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    Benedict Cumberbatch was superb in The Power of the Dog. Very unexpected but I was hooked. I guess I can call myself a Cumberbitch now.
    Thanks for the book recommendation. I’ll check it out.
    Now off to go on my jog to “keep up with the Joneses”?

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