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Ich habe Alter

Alt werden gehört zum Leben, das ist oft leichter gesagt als getan.

Jedes Jahr im April, wenn ich Geburtstag habe, mache ich mir bewusst, dass ich älter werde. Ich bin jetzt „50-something“, wie meine Kinder mir liebevoll attestieren. Dabei fühle ich mich innerlich eher wie „35-Something“. Das jedenfalls ist meine Wahrnehmung bei guter Tagesform.

Und dennoch: Ich habe jetzt Alter.

Das ist nicht negativ gemeint. Mit Stolz kann ich sagen, dass ich eine fitte 50-jährige bin. Anscheinend habe ich in Drachenblut gebadet.

Ich habe drei Kinder zu Welt gebracht, mich durch eine Scheidung gekämpft, eine Firma mit meiner Schwester und einem tollen Team aus dem Stand gegründet und zwei Corona- Quarantänen überstanden ohne mich anzustecken.

Die Rushhour des Lebens hat sich durch die Trennung nahtlos in meine 50er verlängert, weil ich nochmal alles auf Anfang stellen musste. Ich bin zufrieden und dankbar. Und dennoch habe ich manchmal Muffensausen vorm Älterwerden. Ist es die Angst vor körperlichen Gebrechen oder nicht mehr gesehen zu werden? Es sind doch die gesellschaftlichen Normen, die wir Frauen mitspielen, über Jahrzehnte genährt und auch von der Evolution so vorgesehen: zieh dich zurück ans Feuer und bewache deine Enkel. Wir leben noch immer im Macker-System mit dem Narrativ das Frauen nur dann anziehend und wertvoll sind, wenn sie jung, schön und gebärfähig sind und es ist längst überfällig aus diesem Karussell auszusteigen.

Mir hat noch niemand einen Drink ausgegeben oder Komplimente gemacht, wenn ich in eine Bar gekommen bin. Typisch weiblichen Attribute: „großer Augenaufschlag mit noch größerem Busen“ war nie meins und doch spüre ich eine Veränderung in meiner nächsten Umgebung: „Mami, also das kurze Kleid solltest Du nicht mehr tragen“ oder „Mami, ich weiß jetzt woher Deine „Moodswings“ kommen, Du hast Mähnapause (Menopause Anmerkung der Redaktion)“. Nicht ganz, aber meine Vitalität lässt in Mikrodosierung nach, ich kann es meistens gut vor mir selbst und anderen kaschieren; die Östrogene verabschieden sich zusammen mit dem Collagen so langsam in den Ruhestand. Das gleiche ich aus. Das Gute am Älterwerden ist, dass wir irgendwann wissen, was wir uns selbst Wert sind. Wir brauchen nicht mehr die permanente Bestätigung der anderen, um uns gut zu fühlen. Aber ich würde lügen, wenn meine Selbstliebe nur durch innere Werte geprägt wäre.

Ich gebe sehr gern mein Geld dafür aus, meine grauen Haare zu färben. Wenn ich müde aussehe, obwohl ich mich nicht so fühle, gehe ich zum Beauty Doc – warum den Fortschritt nicht sanft erproben?  Ich genieße, dass Laufen um die Alster, wenn ich meine – noch – festen Pobacken spüre.

Ich laboriere in Maßen gegen den Alterungsprozess an, wohlwissend, dass ich ihn nicht aufhalten kann. Man mag mir deshalb Selbstoptimierung vorwerfen ­­– aber wo fängt die an und wo hört sie auf?

Als Best Ager bin ich jetzt gefragt.

Wir „alten Weiber“ sind jetzt wieder in den Fokus gerückt, weil sich die Wirtschaft plötzlich für uns interessiert, nicht zuletzt, weil wir zahlungskräftig und in der Mehrzahl sind. Medien und Beauty-Konzerne entdecken gerade „Erwachsenen Frauen“ als wichtige Zielgruppe. So feiert der aktuelle Titel der „Madame“ die 80-jährige Schauspielerin Senta Berger. Allerdings mit einem Foto, auf dem sie 20 ist!

Cover Madame

Die sozialen Netze gelten als Katalysator für diesen neuen „Ageless Beauty – Trend“ und so schrieb sogar der „alt“ ehrwürdige Stern über erfolgreiche Influencerinnen Ü-40 wie mich: „Da geht noch was“ (Ein guter Artikel mit einer jovialen Überschrift, der leider den Muff in den Köpfen nach vorne stellt).

Früher wurden Frauen mit dem Ergrauen ihrer Haare meist unsichtbar – heute sind solche äußerlichen Attribute des Alterns leicht gewandelt, graue Haare als modisches Statement sind Trend und der Anteil der über 50-jährigen, die sich nach eigenen Angaben bewusst unauffällig kleiden ist in den letzten 10 Jahre von 63 auf 49 Prozent gesunken. Social Media sei Dank. Aber eigentlich sind das zahlenmäßig kleine Schritte.

Aus meinem Netzwerk erreichen mich auch immer wieder kummervolle Nachrichten von verdeckter „Altersdiskriminierung“: in vielen Branchen wird offenbar gnadenlos altersbedingt ausgemustert. Auch da wirkt Corona als vorgeschobene Entschuldigung, viele Frauen Ü50 in den Vorruhestand auszumustern oder Aufhebungsverträge anzubieten: Zu teuer, zu unbequem, viel zu viel besserwisserische Erfahrung. So jedenfalls, wird mir berichtet.

Ich fand es bedauerlich, dass sich Leitfiguren wie Christiane Arp (langjährige Chefredakteurin der Vogue Deutschland) sowie Julia Jäkel (CEO Gruner + Jahr) von ihren Posten verabschiedet haben. Beide haben das selbstverständlich professionell und nachvollziehbar begründet. Bei beiden vermute ich, dass vielleicht auch signifikante Veränderungen in den jeweiligen Medien-Unternehmen dazu beigetragen haben. Ich hoffe sehr, dass beide bald mit ihrer Kompetenz und Erfahrung auf irgendein Feld zurückkehren. Wir brauchen Frauen ü50, die mitmischen.

In der Mode kennt Stil und Coolness glücklicherweise weder Verfallsdatum noch eine Altersbegrenzung. So lange ich neugierig bleibe, fühle ich mich jung. So einfach ist das. Fehlende Aufnahmebereitschaft von zu vielen neuen Informationen kompensiere ich mit viel Lebenserfahrung. Schnelligkeit tausche ich gegen Präzision ein – meine Ungeduld gegen Gelassenheit. Es ist erwiesen: Je positiver wir dem Älterwerden gegenüber eingestellt sind, umso jünger fühlen wir uns. Ich für meinen Teil freue mich schon eine fitte Omi zu werden. Mit Mitte 30 war ich eine spätgebärende Mutter. Für meine Enkel möchte ich später eine junge Omi sein. Und sollten sie ihre Oma ein wenig verrückt finden, ist es mir das egal, ich bin dann ja alt genug, um das Leben zu genießen. 

Bild: Pinterest

 

 


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