Die Zentrale der Zuständigkeiten

Die Corona Pandemie mit ihren Lockdowns war für viele Frauen ein Ausnahmezustand. Neben der Berufstätigkeit mussten sie noch das Familienleben aufrechterhalten. Ungleichheiten zwischen Mann und Frau wurden deutlich sichtbar. Die Philosophin Rebekka Reinhard nahm die Krise zum Anlass, um ein Buch zu schreiben, wie Frauen aus einem Leben zwischen Selbstoptimierung, Erziehung, Karriere, Selbstaufopferung und Leistung herauskommen.

Von Rebekka Reinhard

2020 erfasste Corona Deutschland. Es gab endlose Lockdowns. Kitas und Schulen wurden über Monate geschlossen, das Wort „Heimarbeit“ bekam eine ganz neue Bedeutung. Ein Traum! Eltern und Kinder hatten endlich Abstand zu den lästigen Großeltern. „Huhu, wie läufts mit Homeschooling?“, fragten die Großmütter via Skype. „Super!“, sagten die Töchter sarkastisch. „Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Die Waltons und TED-Talk! Die Kleine loggt sich problemlos ins Lernportal ein und paukt intrinsisch motiviert Latein. Und ich schüttle mein frisch gewaschenes Haar, lächele dem tiefenentspannten Mann an meiner Seite zu und widme mich hochkonzentriert dem Schreibtisch.“ Ha! Die Wirklichkeit glich einer Kernschmelze. Die meisten Familien gingen auf dem Zahnfleisch. Vor allem die Mütter…

Zu dieser Zeit bekam ich eine irre Wut. Ich spürte, wie mein Hirn und mein Herz gleichzeitig anfingen zu beben. Neben Zoom-Calls hatte ich nicht viel zu tun. Weil ich keine Familie habe, sondern „nur“ Philosophin bin. Das Covid-19-bedingte zusätzliche Planen, Organisieren, Koordinieren, Waschen, Putzen, Kochen, Schleppen, Zur-Ordnung-Rufen, Streitschlichten betraf mich nicht. 2020 kapierte ich, dass meine Wut nicht nur meine eigene Wut war. Es war vor allem auch die Wut aller Frauen, die nicht dazu kommen, wütend zu sein. Weil sie nämlich noch bügeln müssen. Und noch schnell zum Supermarkt und Hemdenabholen. Also beschloss ich, mich nützlich zu machen – und mit diesem Buch unser aller Wut, unser aller Stimmen nach außen zu tragen.

Wer willst du sein? Was du für dich bist und sein willst, ist meist nicht das, was du für die anderen bist. Für die Gesellschaft, fürs „System“ bist du zunächst und immer schon: eine Frau. Und weil du wie ich und alle Frauen Frau bist, bist du auch wie wir alle für alles zuständig. Denn du kannst ja alles. Leisten und Liebsein, Geldverdienen und Gutaussehen, Säubern und Sorgen.

Wie willst du leben? Vielleicht wünschst du dir einfach ein weniger anstrengendes Leben. Eins, in dem es selbstverständlich ist, Privilegien und Pflichten flexibel und fair zu tauschen; im Job, im Haushalt, bei der „Care“-Arbeit. Wie und ob das gelingen kann, ist nie nur Privatsache. Denn die ganze Gesellschaft steckt ihre Nase in die „Frau“. Meist leider nicht die Nase der Vernunft. Du bist gut ausgebildet, ergatterst einen Top-Job, ziehst mit deinem Typen zusammen – schon bindet Dir das System eine Schürze um den Laptop. Kaum überlegst du mal ganz in Ruhe, was du selbst willst und wofür du lebst, schallt es aus allen Ecken: Frauen können, sollen, müssen alles haben! Klingt gut. Nur leider ist es sehr schwer, dieses multimedial verbreitete Versprechen in die Realität zu übersetzen – egal, wie alt man ist. Das weiß jede Studentin, die glaubte, man schätzte ausschließlich ihren Geist. Jede Singlefrau, die ihre Nächte mit den pflegebedürftigen Eltern verbringt. Jede Gründerin, die nach einem hektischen Arbeitstag dem vollautomatisierten Drang erliegt, schnell noch die Bügelwäsche zu erledigen, Nudeln zu kochen und die Toilette zu säubern.

Nun schreiben wir das Jahr 2022. Ich glaube, jetzt ist der perfekte Moment, Widerstand zu leisten. Gegen den anhaltenden neoliberalen Leistungszwang, der eine perfide Allianz mit der weiblichen Selbstaufopferung vergangener Jahrhunderte eingeht; gegen ein Frauenbild, das so verlogen ist wie das gleißend blonde, dauerlächelnde, Marmelade einkochende Rollenideal in der Hollywoodkomödie der 1950er und 60er Jahre. Gegen den Dauermodus der Schnappatmung – und für ein Leben, das nicht nur andere glücklich macht, sondern auch uns selbst. Dass unser Körper unter Dauerbeobachtung steht, dass man uns trotz gegenteiliger Behauptungen auf die dienende Position festnagelt, dass wir an schlechtem Gewissen leiden, EGAL, ob wir arbeitende Mütter, alleinerziehende Mütter, Nur-Mütter oder gar keine Mütter sind – all das ist ein riesiger gesellschaftlicher Skandal. Keine von uns ist identisch mit dem Label „Frau“, einer bestimmten weiblichen „Norm“ oder „Natur“. Wir alle sind sehr viel mehr. Liebes- und gestaltungsfähige Lebewesen mit unendlich vielen verschiedenen Fantasien, Wünschen und Träumen. Wir brauchen mehr Wut. Mehr Mut. Eine Emanzipation, die totaloptimierte, aber dauergestresste Super Women am laufenden Band produziert, widerspricht sich selbst. Sie ist markt- und markenkonform, aber alles andere als „fortschrittlich“. Wahre Freiheit hat gar nicht so viel mit Autonomie zu tun. Wahre Freiheit gibt es nur miteinander, nicht gegeneinander. Gemeinsam mit Frauen, Männern und allen Geschlechtern, nie allein. Der tiefere Sinn von Freiheit ist Zugehörigkeit. Weil es ohne Zugehörigkeit keine positiv erlebte Freiheit geben kann.

Wer bist du? Du bist Vieles. Und du bist einzigartig. Wir alle sind singulär-plurale Wundertüten. Wer versucht, uns in das Kästchen Frau zu zwingen, der muss verstehen: WIR WERDEN ENTKOMMEN. An welchem Punkt deines Lebens auch immer du dich befinden magst. „Die Zentrale der Zuständigkeiten“ liefert dir Überlebensstrategien für die Herausforderungen deines Hardcore-Alltags und ermutigt dich zur Verwirklichung deiner Träume. Bist du wütend? Wünschst du dir mehr Leichtigkeit? Hast du große Lust, dich endlich mehr selbst zu respektieren und zu lieben? Wenn du Hirn und Herz verbindest, wird das Schwere plötzlich leicht. Du realisierst, dass du nicht allein bist. Du erlebst die Magie von Mut und Macht. Den Zauber des #NOBULLSHITFEMINISMIUS.

 


 

Über Rebekka Reinhard:

Rebekka Reinhard promovierte über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Sie ist Speakerin zu Themen wie Führung und Women Power, stv. Chefredakteurin der Philosophie-Zeitschrift HOHE LUFT und hostet den Podcast „Was sagen Sie dazu?“. Rebekka ist Spiegel-Bestseller-Autorin von Titeln wie „Die Sinn-Diät“, „Würde Platon Prada tragen?“ und „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“. „Die Zentrale der Zuständigkeiten: 20 Überlebensstrategien für Frauen zwischen Wollen, Sollen und Müssen“ ist ihr achtes Buch und ist bei Penguin Random House erschienen. Es hat 240 Seiten und kostet 18,00 Euro.

 Foto: Sung Hee


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