Ausgesucht schön: Klarheit statt Krams

 

Redakteur Knuth fasste 2017 den Vorsatz, weniger Klamotten zu kaufen und seine überflüssige Kleidung wegzugeben. Die Versuchungen waren groß, aber er hielt durch.

Mein Schrank spuckte mir meinen Pullover direkt vor meine Füße. Er war vollgestopft, es passte nichts mehr rein. In den Regalen ganz vorne meine Lieblingsteile, weiter hinten Altes und Vergessenes. An meinen Kleiderstangen herrschte ein ähnliches Bild, hier hing alles dicht gedrängt zusammen. Ich war genervt, meine Klamottendiäten wirkten offenbar nicht. Es schien mir sogar mehr als sonst.

Das war vor einem Jahr. Damals fasste ich den Entschluss, weniger Klamotten zu kaufen und vieles, was ich nicht mehr trage zu spenden oder wegzugeben.

Ich bin ein gekleideter Mann. Ich mag Mode und Stil in fast jeder Spielart. Ich bin nicht der Typ, der alles mitmacht was gerade „in“ oder „it“ ist. Ich muss mich nicht für jedes Selfie neu erfinden. Trotzdem hatte sich auch bei mir viel angesammelt. Wann hatte ich das letzte Mal meine Maßanzüge getragen? Warum bewahrte ich eigentlich noch den Smoking auf, der mir nicht mehr passte? Was sollte ich mit den Unmengen Hemden anfangen? Wieso brauchte ich so viele Polohemden? Wem wollte ich beeindrucken? Ein Blick auf den Wäscheständer bestätigte mich, ich trage immer nur das Gleiche. Vieles was ich habe, habe ich nur noch wegen des Habens. Ein anderer Grund waren Erinnerungen, die ich mittlerweile in meinen Klamotten mit eingewebt hatte. Lauter Lieblingsteile, die mir Platz raubten.

Eines wollte ich von Anfang an vermeiden: Ich wollte kein Minimalismus-Romantiker und kein Konsumverweigerer werden, weil mich das an die Bilderstürmer erinnerte und protestantische Spaßbremsen waren mir immer schon fremd. Ich gönne jedem seine Lust. Außerdem liebe ich den Genuss und das Vergnügen. Keine Frage, es war eine - und es ist eine - verzwickte und widersprüchliche Situation. Aber im Grunde mag ich keine schmucklosen Welten, das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich einen Hang zum Ornament habe.

Wenn mein Vorhaben klappen sollte, musste ich es in meinem Tempo machen. Für radikale Umbrüche im Leben bin ich zu faul und wenn ich mir zu viel vornehme, wird es meistens nichts und das Gegenteil tritt ein. Ich entschied mich für meine Marathontaktik. Meine Ausdauer habe ich damals Schritt für Schritt langsam aufgebaut. Das bedeutet für mich, dass ich mir meine „Konfektionsabteilungen“ nach und nach vornahm und aussortierte. Aktuell bin ich bei den Socken und Kurzwaren angelangt.

Foto: Kung Shing - Mein Weg zum Eimsbüttler Tauschtisch, hier kann ich meine Sachen hinbringen, die ich nicht mehr brauche. Jeder im Stadtteil kann sich hier kostenlos bedienen. Vielleicht gefallen jemanden die Klamotten, ich würde mich freuen.

Ein weiterer Ansatz war, dass ich Kleidung, die ich länger als zwei Jahre nicht getragen habe, weggab oder spendete. Dieser Prozess hält noch an, weil ich manchmal noch einmal überlege und dann doch zögerlich bin. Aber langsam werden die Sachen weniger. Selbst die mit Erinnerungswert verschwinden. Da war meine kastanienbraune Cordjacke mit den Blasebalgtaschen, die ich in Florenz in einem Reitgeschäft gekauft hatte und trotz Affenhitze stolz getragen hatte. Sie war mir jahrelang heilig und landete in einem Altkleidercontainer.

Es sind Dinge, die mich nur angezogen haben. Sie sind jetzt weg, aber meine Erinnerungen sind geblieben. Ich vermisse sie nicht.

Das Reduzieren ist das eine, aber wie schaffe ich es, weniger zu kaufen? Beim Kauf von Pullis, Hosen, Hemden und Schuhen konnte ich mich bisher kaum zurückhalten. Für meine Maßanzüge habe ich sogar Miese gemacht. Von den Glückshormonen, die ausströmten, als ich die Sachen das erste Mal trug, ist mein Hirn heute immer noch ganz beseelt.

Der nächste Schritt war, meinen Kaufimpuls nicht immer zu folgen. Das Abwägen war und bleibt die schwerste Übung. Täglich werde ich geprüft, denn die Verführungen lauern überall, weil ich stündlich mit coolem Scheiß bombardiert werde, den ich gern besitzen möchte. Überall und zu jeder Zeit kann ich shoppen. „Kauf das! Das ist mega-nice!“, brüllt es in meiner Echokammer. Interessant dabei ist, dass es nicht mehr die Echos von den Modelabels, Influencern oder Freunden sind, es ist meine eigene Stimme, die ich da ständig höre und die mich auffordert zu kaufen. Damit mein strategischer Einkauf klappt, nahm ich mir vor, von jedem Neukauf ein Foto zu machen. Ich wollte unter 25 Aufnahmen bleiben. Am Ende waren es 18 Bilder mit meinen Einkäufen. Mein Ziel hatte ich erreicht.

Einen Teil von meinen 18 Klamottenkäufe vom letzten Jahr

Meine selbst verordnete Zurückhaltung hat einigermaßen geklappt, ich habe tatsächlich weniger eingekauft. Nicht immer blieb ich standhaft, wenn Rabatte winkten, wurde ich schwach. Ich denke dabei an meinen Hoodie mit den Goldfischstickereien. Den brauchte ich nicht wirklich, weil ich genügend Kapuzenpullis habe, aber ich konnte das Alsterhaus ohne ihn nicht verlassen. Er war einfach zu schön. Vielleicht sollte ich in Zukunft nur noch Dinge kaufen, wenn sie mir zufällig vor die Füße fallen. Aber welchen Wert hat der Zufall heute noch, wenn Algorithmen meinen Lebenswandel und Geschmack kennen?

Mittlerweile specke ich auch in anderen Lebensbereichen ab. Ich habe alle DVDs und CDs verschenkt, teilweise alle Platten wegegeben, löschte viele Apps, über 15 Umzugskartons mit Fotos wanderten in den Müll und ich löste meine Zeitschriftensammlung auf. Fast scheint es so, als wollte ich das 20. Jahrhundert entsorgen.

Ich werde auch in Zukunft weniger Klamotten kaufen. Das Beste was ich für mich als gekleideter Mann wiederentdeckt habe ist meine Mühelosigkeit im Umgang mit der Mode, und diese Klarheit finde ich sehr anziehend.



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