Körper verweigert Traumkörper

 

SoSUE Mann Knuth glaubt, dass sein Körper sich nicht für ihn interessiert und sein eigenes Ding macht. Über eine Notgemeinschaft ohne Muskeln.

Es war reiner Zufall. Die Liebe meiner Eltern und fünf Minuten Vergnügen haben uns beide zusammengeführt. Mein Körper und mein Bewusstsein wurden zu Knuth.

Wir sind jetzt seit 54 Jahren ein Paar und ich kann von mir behaupten, dass es keine Liebe auf den ersten Blick war. Es ist eher eine pragmatische Beziehung, um den Alltag zu bewältigen. Ich will mich nicht beklagen, er erfüllt seine Aufgaben. Aber leider ist es ihm egal, wie ich mich dabei in seiner Haut fühle. Er könnte sich ein wenig mehr für mich begeistern. Ich denke, es ist eher ein Nebeneinander statt ein Miteinander. Mein Körper macht einfach was er will.

Wenn ich mich im Spiegel betrachte, ahne ich, dass Gott Humor hat. Er gab mir einen Körper, dessen Figur eher an eine kompakte Ming Vase mit Bauch erinnert. Dabei wollte ich immer so gerne den Traumkörper von Bruce Lee haben. Der Kung-Fu-Star bestand nur aus Muskeln und konnte sich wie eine Katze bewegen. Eine Kampfmaschine aus Hong Kong. Genauso wollte ich sein. Ich besuchte sogar eine Kung Fu Schule, die ich wieder verließ, weil mein Körper das Training als zu hart empfand. Selbst einfache Dinge, wie sich aus dem Schneidersitz zu erheben, strengten ihn an. Mein Wunsch, aus mir ein Alphatier zu machen, bestrafte mein Körper mit Muskelkater und Zerrungen. Wie heißt es doch im Markus Evangelium: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ 

Um meine Ming Vasen Figur zu behalten, treibe ich viel Sport. Ich muss mich bewegen, weil mein Körper leider alles mag, was aus Fett und Zucker besteht. Wenn er nur in die Nähe von einem Imbiss kommt, wird er zu einer Bestie, die ich schwer bändigen kann. Dann sind selbst die Pommes auf den Kindertellern meiner Nichten und Neffen nicht sicher vor mir. Ohne Laufen und Hanteltraining würde ich bald, wie ein dicker Buddha aussehen.

Mein Körper verfolgt eben andere Ideen, wenn es um meine Figur geht, das habe ich begriffen. Was ich aber nicht begreife, ist dieses Körperding alles mit sich selbst auszumachen. Natürlich beobachte ich meinen Körper und horche in ihn hinein und versuche die Signale zu deuten. Ich bilde mir aber ein, dass es für unsere Beziehung von Vorteil wäre, wenn er mehr über sich erzählen würde. Ich mag nicht mehr rumrätseln, was denn die Ursache für eine plötzlich auftretende Lebensmittelunverträglichkeit oder Erkältung ist. Es ist doch nicht zu viel verlangt, ein Wehwehchen vorher anzukündigen und zu erklären, woher es kommt. Es würde mir Wartezimmerstunden und Gesundheitsforen ersparen.

Ein Beispiel für seine Launen: Eines Nachts weckte er mich auf. Mein kleiner Zeh war wild am Pochen. Er sah wie eine Tomate aus. Gleich nach dem Aufstehen humpelte ich in eine Arztpraxis. Die Untersuchung ergab, dass mein Zeh in Ordnung sei, obwohl er dick und rot war. Die Ärztin hatte auch keine Erklärung. Mein Körper schwieg die ganze Zeit dazu. Ein paar Quarkwickel später war der Spuk vorbei. Bis heute weiß ich nicht, was los war.

Ich verstehe, dass mein Körper den Zwängen von Biologie und Evolution unterliegt. Dazu ist seine Arbeit eine komplexe Angelegenheit, die viel Ressourcen in Anspruch nimmt. Da hat er natürlich kaum Zeit, sich mit meinen Wünschen und Bedürfnissen zu beschäftigen. Mein Körper ist eben ein Macher, der sein Ding durchzieht.

Dieser Zellhaufen bleibt für mich ein Rätsel und wird weiter für Irritationen sorgen. Ein Herrenschneider brachte es bei einer Anprobe mal auf den Punkt: „Herr Stein ihre Orthopädie ist sehr merkwürdig! Da stimmt doch was nicht!“ Wie recht der Mann damals hatte.

 


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