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Knuths Lost & Found Juni

 

Der warme Juni in Hamburg passte perfekt zum Ferienbeginn in der Stadt. Nach dem schier endlosen Lockdown wollten die Menschen bloß raus. Mal was anderes erleben. Ging Knuth auch so. In seinem Monatsrückblick fragt er sich , warum das Ferien-Kopfkino immer anders ist als unsere Erinnerungsfotos. Wieder dabei sind seine Buch- , Streaming- und Hörtipps. Viel Spaß.

#Holidaycheck

Juni 2021 – Apple war so freundlich und hatte mir meine Urlaubsfotos als Rückblicke in Form von kleinen Videos zusammengestellt. Es waren Trailer, untermalt mit Hymnen, die jeden Moment meiner Ferientage noch großartiger machen sollten: ich mit meiner Frau in Venedig beim Abklappern von Postkartenmotiven. Ich als Eroberer über Gipfeln in Caspar-David-Friedrich-Posen. Ich sturmgeprüft und sandgestrahlt an einem Strand. So ging das die ganze Zeit weiter.

Als ich mich durch meine Videorückblicke gesuchtet hatte, fragte ich mich, was bleibt von einem Urlaub eigentlich im Kopf hängen? Meine Erinnerungen sind eher Trailer voller unscharfer Szenen.

Eine dieser Szene spielte sich in einem Hotel in Südtirol ab, wo ich ein altes italienisches Ehepaar an der Bar kennenlernte. Sie passten nicht wirklich zu den vielen Touristen, die in dem Hotel abgestiegen waren. Ihre noble Kleidung entsprach einer Zeit als die Berge noch Sommerfrische versprachen und Wandern noch keine Perfomance war. Im Hotel bewegten sie sich wie ein Königspaar, das sein Volk besuchte. Hier ein mildes Lächeln, dort ein interessiertes Kopfnicken. Mein Espresso war noch ganz heiß, als ich plötzlich eine Audienz erhielt.

Die Königin stand vor mir. Sie beugte sich ganz aristokratisch zu mir rüber, wobei ihre Handtasche mit Monogramm für genügend Distanz sorgte. Ich erinnere mich noch an ihr fruchtiges Parfüm, das schwere goldene Armband, ihre feinen Klavierhände, die gut gecremte Zornesfalte auf der Stirn, die verblichenen Posamente an ihrer Kostümjacke und ihre Haare, die mit viel Haarspray Haltung zeigten.

Wir kamen ins Gespräch, es stellte sich heraus, dass sie gut Deutsch sprach. Nachdem ich artig ihr Verhör überstanden hatte, vertraute sie mir an, dass sie während des Zweiten Weltkrieges die Geliebte eines deutschen Offiziers war, der aber in Wahrheit für die Alliierten spionierte. Er sei ein toller Mann gewesen, mit dem sie viel erlebt hatte. Der Krieg, versicherte sie mir, war für sie gar nicht so schlimm. Das glaubte ich ihr sofort. So einen Auftritt beherrschen nur Menschen, die immer auf der richtigen Seite des Lebens standen, egal wie die Umstände waren. Ich nahm einen Schluck vom lauwarmen Espresso. Am Tresen öffnete sich eine Gasse zwischen den Gästen. Sie nutze die Gelegenheit und verschwand.

Noch seltsamer empfinde ich es, dass ich mich mehr an Menschen oder Landschaften erinnere, die mir unterwegs begegnet sind, als an die Orte, wo ich später meinen Urlaub verbracht habe. Im Zug saß ich mal neben einem Mann, der die ganze Zeit nur geradeaus guckte, er schaute weder nach links noch nach rechts. Er schien unter Hypnose zu stehen und strahlte eine tiefe Zufriedenheit aus, die ich nur von den fetten Buddhas aus den Chinarestaurants her kannte. Sein Nirwana unterbrach er nur ab und zu, um aus einer Colaflasche zu trinken. Auf seinem Schoß war eine vollgepackte Reisetasche. Er umklammerte sie mit beiden Händen, als müsste er sie beschützen. Eine sehr unbequeme Situation, dachte ich und bot an, dass ich die Tasche oben ins Gepäckfach stellen könnte. Höflich lehnte er ab und begann mir seine Geschichte zu erzählen.

Er wollte zu seinem Campingplatz. Zwei Jahre war er dort nicht mehr gewesen. Der Grund für die Unterbrechung war ein Schlaganfall. Die körperlichen Folgen und Einschränkungen waren schlimm, erläuterte er mir, aber viel schlimmer war es, dass er für eine Weile sein Gedächtnis verloren hatte. Er wusste nicht mehr, wer er war. Erst langsam kamen seine Erinnerungen zurück. Ihm fiel ein, dass er noch einen Campingwagen an der Ostsee stehen hatte. Er liebte dieses Fleckchen Erde, wo er viel Zeit verbracht hatte. Neben der Sorge um seine Gesundheit bekam er große Angst, dass er den Stellplatz verlieren könnte. Wie sich dann herausstellte, waren die Befürchtungen unbegründet. Denn während seiner Abwesenheit kümmerten sich die Nachbarn auf dem Campingplatz um seinen Caravan. Sie hatten über Monate seine Parzelle gepflegt. Nur noch wenige Kilometer, dann wäre er wieder an der See. Er konnte es kaum abwarten.  

Mein Kopfalbum tickt eben komplett anders. Apple versteht sich ganz gut auf das Geschäft mit Emotionen und gibt sich viel Mühe, dass ich mir selbst gut gefalle, aber als Nachlassverwalter meiner Eindrücke hat die Firma komplett versagt. Keine Gänsehaut. Keinen Flashback-Anfall auf Instagram. Ich stelle wieder mal fest, dass mein Gedächtnis Wahrnehmungen ganz anders abspeichert und sie selten identisch mit meinen Fotos sind. Eindrücke, besonders die im Urlaub gehen seltsame Wege in meinem Bewusstsein, aber sie bleiben lebendige Andenken.

***

„Bist du schon geimpft worden?“ Eine Frage, die ich wohl am häufigsten im Monat Juni gehört habe. Würde ich bei dieser Frage jedes Mal einen Schnaps trinken, wäre ich jeden Tag besoffen. Aber bald kann ich mit einem „Ja“ antworten. Nach langen Minuten in den Warteschleifen von Ärzten und Impfzentren haben ich und meine Frau endlich einen Termin bekommen. Darüber sind wir beide froh und hoffen, dass der Rest des Jahres damit ein wenig unkomplizierter wird. Was bei mir im Juni noch so alles lief, könnt ihr jetzt in meinen Tipps nachlesen.

 


 

Schwarze Musiker und weiße Musik

 

Über Nina Simone habe ich mal gelesen, dass sie nur aus Notwehr Sängerin geworden ist, weil sie ihre Ausbildung zur Konzertpianistin aus rassistischen Gründen nicht weiterführen konnte. Tatsächlich gibt es wenig schwarze Musiker und Musikerinnen in der Klassik. Die 3sat Dokumentation geht der Frage nach, wie weit die Diskriminierung in der Bastion der weißen Hochkultur geht. Tatsächlich gibt es Vorurteile.

Schwarze Musiker und weiße Musik: Wie rassistische ist die Klassik –3SAT Mediathek

 


 

Willkommen auf Skios

 

Auf einer griechischen Insel in einem schicken Anwesen mit vielen lauter schicken Menschen soll Dr. Wilfried, ein langweiliger Wissenschaftler, einen Vortrag halten, aber der geht bei der Anreise verloren und landet irgendwo im Nirgendwo. Ein gut aussehender Blender nimmt die Identität von Dr. Wilfried an und bringt alles durcheinander. Eine echte Slapstick-Komödie.

Willkommen auf Skios , Michael Frayn, DTV, 288 Seiten

(Mein Bild zeigt noch die gebundene Ausgabe, den Roman gibt aber noch bei DTV als Taschenbuch)

Zu verschenken: Ich würde gerne meine Ausgabe weitergeben. Wer das Buch haben möchte, schreibt mir bitte eine Mail an: Knuth@so-sue.com . Die erste Mail, die mich erreicht, bekommt das Buch zugeschickt. Also bis bald.

 


 

Mare of Easttown

 

Es muss mal bessere Zeiten in Easttown gegeben haben. Die US-Kleinstadt rostet so vor sich hin. Der American Dream ist hier schon lange ausgeträumt. Auch das Leben der Polizistin Mare Sheehan (Kate Winslet) ist nicht einfach. Sie hat eine Menge Probleme: Scheidung, Selbstmord ihres Sohnes, eine schräge Mutter, Stress mit der Tochter und sie muss einen Mordfall aufklären. Der Druck auf sie ist gewaltig. Viele starke weibliche Charaktere, die Männer dagegen wirken alle hilflos und orientierungslos. Nur Detective Sheehan scheint trotz aller Widrigkeiten noch genug Power zu haben. Eine Crime-Serie vom feinsten.

Mare of Easttown – Miniserie, bei Sky, Apple TV (kostenpflichtig)

 


 

Wink

 

Ehrlich gesagt habe ich in den 90er-Jahren das letzte Mal mir eine japanische Band angehört. Ich war ein großer Pizzicato Five Fan. Und dann tauchen Mana, Kana, Yuuki and Yuna mit ihrer Gruppe Chai in meiner iTunes-Welt auf. Die vier Frauen machen sehr auf Kawai, das ist japanisch, es bedeutet kindlich und süß. Sie kennen keine Genregrenzen, aber das neue Album „Wink“ ist cooler und ein wenig schriller Elektropop. Beim Hören ging bei mir die Sonne auf. Endlich mal etwas Schräges auf die Ohren.

Wink – Chai, das Album ist auf iTunes und Spotify verfügbar

 


 

Das Patriarchat der Dinge

 

Wir Männer gestalten die Welt, wie sie uns gefällt. Männer sind das Maß aller Dinge. An Frauen wird dabei kaum gedacht. Rebecca Endler erklärt, warum Städte so autofixiert sind, Gesundheits-Apps den weiblichen Zyklus vergessen, es zu wenig Frauentoiletten gibt oder der Fahrradsattel nur für Männer konstruiert ist, damit seine Nudel keinen Schaden nimmt. Männer planen und designen, dabei vergessen sie, dass Frauen andere Bedürfnisse haben. Das ist nicht lustig. Das ist in vielen Bereichen für Frauen demütigend und sogar lebensgefährlich. Das Ausmaß war mir nicht klar. Es muss sich dringend etwas ändern.

Das Patriarchat der Dinge – Warum die Welt den Frauen nicht passt, Rebecca Endler, Dumont, 336 Seiten

 

*** 

Danke für deine Zeit. Ich hoffe dir gefällt mein Monatsrückblick genommen hast. Ich wünsche dir eine schöne Urlaubszeit. Bleib gesund. Wir sehen uns hier im August wieder. Bis bald.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 

https://www.collideorandscope.com/

 


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