Knuths Lost and Found - September

#hommeoffice

September  –  Es schrillte. Das Dienstmädchen sah auf den Wecker. Sie versuchte sich in ihrem Bett auszustrecken, aber ihre Füße stießen gegen die Kammertür. Im Winter blieb die Tür geschlossen. Langmachen ging nur im Sommer. Wie ein Embryo rollte sie sich in ihre Decke. Diese Schlafposition hatte Nachteile. Ihre Winterknie, wie sie es nannte, spürte sie dann den ganzen Tag. Sie stand auf. Mit nur einem Schritt war sie in der Küche. Hier heizte sie den Herd an und bereitete das Frühstück für die Herrschaften vor. Sie gab keinen Laut von sich. Die Hausherrin hasste Küchengeräusche. Eines ihrer Gesetze lautete, dass alles so geschehen soll, als wäre sie nicht da.

Okay, ich gebe zu, dass ich zu viele Serien geschaut habe. Ob es sich vor über hundert Jahren so zugetragen hat, wie ich es oben beschrieben habe, kann ich nicht sagen. Vielleicht war die Kammer neben meiner Küche auch nur ein Bügelzimmer. Heute ist sie mein „Homme-Office“.

Hier arbeite ich meine Ideen aus, schreibe Texte, nehme an Zoomkonferenzen teil oder besuche Modeschauen. Seit den ersten Tagen meiner Selbstständigkeit arbeite ich so. Das Arbeiten in den eigenen vier Wänden empfinde ich als ein Privileg.

Mein Schreibtisch fesselt mich. Wenn ich zu lange vor meinem Laptop sitze, verlangen meine Beine Bewegung. Dann muss ich aufstehen.

Meistens komme ich nicht weit. Meine Ausflüge enden immer in der Küche. Dann trinke ich Espresso und belausche meinen Hinterhof. Hinter einen der Fenster jammert ein Kind, ein Radio plärrt die Hitparaden runter, dort zwitschert ein Vogel, Handwerker rufen sich was zu und eine Frau mit Handy flirtet auf dem Balkon.

Es ist wahr. Ich bin immer noch mit der Welt verbunden. Einfach so.

Im September stellte ich mir viele Fragen: Warum wird Instagram immer langweiliger? Warum schauen wir beim Elend von Moria weg und bejammern die Maskenpflicht? Warum verdrängen so viele Menschen den Klimawandel? Warum ist meine kleine Nichte (2) schon so schlau? Warum sind überall die gleichen Cliquen in den Medien? Warum bauen Daimler, Porsche, Audi und VW immer noch Oldtimer? Warum behandeln die Kurierunternehmen ihre Mitarbeiter wie Kindersoldaten? Warum sind Jennifer und Brad nicht wieder zusammen? Warum stehe ich immer an der längsten Kassenschlange? Um Antworten zu finden, muss ich wohl weiter meine Augen und Ohren offen halten. Was ich so gesehen, gehört und gelesen habe, findet Ihr hier auf meiner Liste.

 


 

Karl Lagerfeld -  Ein Deutscher in Paris

 

Karl Lagerfeld war ein Genie und wunderbar bekloppt. Wir Sterblichen können da nur staunen. Menschen wie er sind das Salz der Erde. Selbst ich habe mal seine Energie zu spüren bekommen. Es waren mit die witzigsten Momente in meinem Berufsleben. Das Buch hat mich wieder daran erinnert. Es ist gut recherchiert, voller Anekdoten und Zitaten. Ich habe viel Neues erfahren. Für alle, die wissen wollen, wie Mode-Marketing funktioniert. Für alle, die Kaiser Karl vermissen. Nur der Titel stört mich, es müsste heißen: Karl Lagerfeld – Ein Hamburger in Paris.

Karl Lagerfeld – Ein Deutscher in Paris, Alfons Kaiser, C.H.Beck 383 Seiten

 


 

Lang Lang - Goldberg Variationen

 

Diesen Monat war ich auf der Konfirmation meines Neffen. Normalerweise finden sie im Frühjahr statt, aber in diesem Jahr hatte es sich alles nach hinten verschoben. Es war ein kleiner und intensiver Gottesdienst. Eine Geigerin spielte Bachs „Air“. Seit langer Zeit hörte ich mal wieder ein Instrument live. Herrlich. Es war der Beginn meines Bach-Monats. Später sah ich durch Zufall auf 3sat eine Doku über „Lang Langs Goldberg Variationen“. Es war beeindruckend, wie viele Jahre sich der chinesische Pianist darauf vorbereitet hat. Ich kannte bisher nur die Aufnahmen von Glenn Gould. Lang Lang kann da mithalten.

 Johann Sebastian Bach Goldberg Variationen – Lang Lang, Deutsche Grammophon

 


 

Das letzte Wort

 

Diese Serie mit Anke Engelke ist totkomisch und machte mich gleichzeitig nachdenklich. Der Ehemann stirbt plötzlich und die Ehefrau steht mit allen Sorgen alleine da: Familie versorgen, kein Geld und der verstorbene Mann führte ein Doppelleben. Aus der der Witwe Karla wird eine Trauerrednerin, die nebenbei ein verstaubtes Bestattungsunternehmen reanimiert. Eine Frau erfindet sich aus Notwehr neu und muss gleichzeitig ihre Trauer bewältigen. Tolle Leistung. Danke Anke!

 Das letzte Wort – auf  Netflix

 


 

 

Sei kein Mann – Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist

 

Als Mann fand ich Männer schon immer seltsam. Zum Beispiel diese merkwürdigen „Schwanzvergleichsrituale“ unter Jungs: Mein Auto. Mein Haus. Meine Jacht. Meine Frau. Egal, aus welcher Schicht Männer stammen,  es geht ihnen um Macht, sie wollen Frauen beherrschen. Das musste kürzlich auch Linda Teuteberg von der FDP bitter erfahren als der Wachstums-Macker Christian Lindner die Generalsekretärin fallen ließ und zum Dank auch noch dumme Witze über sie machte. JJ  Bola beschreibt in seinem Buch, wie vielfältig Männlichkeit sein kann und warum sie für Männer eine Last ist. Interessant fand ich, dass in vielen vorkolonialen Gesellschaften Sexualität und Geschlecht fluid und frei waren. Und dann kam der weiße Mann. Ein Buch für Väter, Mütter, Töchter und Söhne.

 Sei kein Mann – Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist, JJ Bola, 157 Seiten, hanserblau

 


 

Freddy oder: Der Sänger auf dem Drahtseil

 

Wer konnte ahnen, dass Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl aus Wien einmal der Junge von St. Pauli wird. Freddy Quinn hat es in seinem Leben weit gebracht. In einem Radiofeature aus dem Jahr 1974 versucht der Autor Helmut Kopetzky seine Freddy-Liebe zu erklären, das sorgte schon 1974 für Stirnrunzeln. Ich freue mich immer wieder, wenn ich solche Radioperlen finde. Das Feature ist ein wunderbarer Flashback in die alte BRD. Es war so spannend, dass ich sogar darüber nachdachte, ob das eine Netflix-Serie sein könnte.

Freddy oder: Der Sänger auf dem Drahtseil – Bekenntnisse eines Fans, Radiofeature von Helmut Kopetzky, 54 Minuten, Deutschlandfunk Kultur

 


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