Knuths Lost and Found - Oktober

Oktober  –  Yuan Shikeis Traum, Kaiser von China zu werden, endete 1916. Im Volk und beim Militär hatte er kein Rückhalt mehr. Nach nur 83 Tagen war seine Regentschaft vorbei. Es folgten Jahrzehnte von Chaos und Gewalt.

Im Jahr 1916 wurde mein Vater geboren.

Es ist Herbst. Blätter tanzen durch die Luft und scheinen sich über ihre Freiheit zu freuen. Ich hocke vor dem Grab meines Vaters und denke über sein Leben nach. Er kämpfte erst gegen die Japaner und später gegen die Kommunisten.

Ein Bajonettangriff verletzte ihn, aber die Ärzte flickten ihn wieder zusammen und die Verwundung heilte. Die Narbe, die blieb, an die hatte er sich gewöhnt. Woran er sich nicht mehr gewöhnen konnte, waren die vielen Verschiebungen in seiner Seele.

Der Krieg machte ihn zu einem Vagabunden.

Er wurde Schiffskoch und befuhr die Ozeane. Ab und zu versuchte er noch sein Glück an Land, aber es zog ihn immer wieder aufs Meer, bis er eines Tages in Hamburg strandete. Hier lernte er mit Anfang fünfzig meine Mutter kennen. Kaum war ich auf der Welt, da trennten sie sich. Diesmal machte sich meine Mutter - auch sie eine Rumtreiberin - mit mir auf eine Reise. Er blieb zurück.

Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich eine Nachricht von meinem Vater. Sein Brief begann mit den Worten: „Lieber Sohn“. Endlich war ich auch ein Sohn, und wenn mich jetzt jemand als ein Schlitzauge beschimpfte, entsprach es der Wahrheit.

Ich zünde die Hell-Money-Scheine an. Der Rauch schlängelt sich über den Friedhof. Hell Money macht viel Qualm und es stinkt, aber den Himmel störte es nicht.

Durch das Verbrennen von Totengeld will ich meine Ahnen im Jenseits zu Reichtum verhelfen. Es war meinem Vater wichtig, dass ich das Ritual nach seinem Tod weiterführe. Wir leben alle auf Kredit der Höllenbank, sagte mein Vater einmal. Etwa fünf Wochen nach seiner Beerdigung holten mich seine Freunde ab und wir fuhren an sein Grab. Ihre Plastiktüten aus dem Asia-Shop waren gefüllt mit Hell-Money-Bündel. An diesem Nachmittag ging ein Vermögen in Flammen auf. Wir zahlten der Höllenbank mit Zinsen alles zurück. Nach Ansicht meiner Begleiter konnte mein Vater nur so aus dem Labyrinth im Unterweltgefängnis entkommen.

Erst mit den Jahren verstand ich die Bedeutung für meinen Vater: Ob Kaiser oder Koch, es gibt keinen Unterschied. Wir sind alle über unsere Ahnen im Jenseits miteinander verbunden. Danach wird eines Tages auch für mich Hell-Money verbrannt - es kann ja nicht schaden.

Als Herbstkind mag ich den Oktober, auch wenn er in diesem Jahr etwas anders ist. Aber in diesem Jahr war jeder Monat anders. Fast fange ich an, mich an die Situation zu gewöhnen. Was ich im Oktober entdeckt habe und mich begeistert hat, mag ich wieder mit Euch teilen. Es würde mich freuen, wenn es Euch ein wenig inspiriert. Viel Spaß mit meinen Tipps.

 


 

Stolz und Vorurteil -  Jane Austen, Illustriert von Becca Stadtlander

 

Verzeihung. Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein, dass ich hier immer wieder Bücher von Jane Austen vorstelle. Ich kann nicht anders. Die Autorin und ihre Zeit mag ich einfach. Diesmal ist es ihr Klassiker „Stolz und Vorurteil“, das als ein wunderschön gestaltetes Leporello erschienen ist. Ein Bilderrausch, der eine 30-Sekunden-Zusammenfassung für ADHS-Romantiker ist, die über eine Buchseite nicht hinauskommen und trotzdem nach Sätzen, wie diesen schmachten: „..So habe ich mich vergeblich gemüht. Ich kann es nicht dabei belassen. Meine Gefühle lassen sich nicht verleugnen. Ihr müsst mir gestatten, Euch zu sagen, wie innig ich Euch verehre und liebe...“

Stolz und Vorurteil – Jane Austen , Illustriert Becca Stadtlander, Bohem Verlag

 


 

Wie wir uns fanden – ARTE

 

Wenn ich so abends in meinem Sessel hänge, fliehe ich vor Blockbustern, Casting Shows, Streamingdiensten, Talk-Shows und Hitler Dokus. Bei meinen Fluchten lande ich häufig bei ARTE. Ich würde der GEZ sogar einen ARTE- Soli extra zahlen, wenn es nötig wäre. Hier entdecke ich immer wieder Filme oder Dokumentationen, die woanders nicht laufen. Eine solche wunderbare Entdeckung ist „Wie wir uns fanden“ : Claire Andrieux, Single und Immobilienmaklerin, lebt in einer Kleinstadt. Ihr bürgerliches Leben gerät durcheinander, als sie sich in den Aufnahmeleiter Bruno verliebt, der Drehorte für einen Film sucht. Mit der Liebe kommt plötzlich ein Trauma zurück, das sie immer noch im Griff hat.

Wie wir uns fanden – In der ARTE Mediathek  bis zum 7. November

 


 

Shore ­ - Fleet Foxes

Random-sei-Dank. Mein iTunes Algorithmus kennt mich sehr gut. Er schlug mir das neue Album „Shore“ von den Fleet Foxes vor. Fast hatte ich vergessen, dass es die Band noch gibt. Eine Zeit lang habe ich sie rauf und runter gehört. Ganz vernarrt war ich damals in ihre Musik, die eine Mischung aus Folk und Indie ist. Die neuen Songs sind der passende Soundtrack für mich, um durch den Herbst zu kommen. Sie wärmen wie eine Kürbissuppe und färben die Tagträume bunt, wie die Blätter an den Bäumen.

Shore – Fleet Foxes, bei allen Streaming Anbietern oder als einstündiges Video auf YouTube

 


 

Enola Holmes - Netflix

 

Enola Holmes Mutter verschwindet plötzlich. Kein Problem für Enola, denn ihre alleinerziehende Mutter hat sie auf alle Unmöglichkeiten gut vorbereitet. Und außerdem ist Enola die kleine Schwester vom großen Sherlock. Sie macht eben das, was eine Holmes ebenso macht, wenn sie vor einem Rätsel steht: Sie will es lösen. Achtung Spoiler-Alarm: In dem Film geht es um das Frauenwahlrecht. Empowerment als gute Unterhaltung. Millie Bobby Brown, der 16-jährige Star aus der Netflix Serie „Strangers Things“, spielt nicht nur die Hauptrolle, sie hat den Film auch noch produziert.

Enola Holmes – Netflix

 


 

Wie wir jetzt leben - Susan Sontag

 

Das Liebste an Unterhaltungen ist mir, wenn alle ein großes Vergnügen dabei haben, dass sie vom Hundertsten ins Tausende kommen. Erst reden alle über Corona, dann über die neusten Moden, einen aufregenden Film, über den Urlaub, das persönliche Wohlsein und natürlich über die Menschen, die nicht anwesend sind. Ein wunderbares sprunghaftes Durcheinander an Gedanken und Meinungen, das manchmal erst endet, wenn die Morgensonne aufgeht. Als ich die Erzählungen von Susan Sontag las, musste ich immer daran denken. Besonderen Spaß hatte ich, dass sie hier viel ausprobiert, denn die wichtigste Regel beim Schreiben ist, dass es keine gibt, es ist gut, dass sie sich daran gehalten hat.

Wie wir jetzt leben  - Susan Sontag, Hanser Literatur Verlage, 124 Seiten

 

 


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