Im Interview mit Sabine Enders von One Day Baby

„Es sind die kleinen Dinge, die uns berühren“ –  davon ist Sabine Enders überzeugt. Und so verwirklicht sie als 51- jährige ihren Traum vom eigenen Label „One-Day-Baby“ mit liebevoll designten Produkten. Sie entwirft und entwickelt Dinge, die man gerne mit einem Augenzwinkern verschenkt – oder am liebsten selbst behalten möchte. „... heutzutage, wo jeder alles und von allem zu viel hat, ist es eine Herausforderung, etwas zu finden, das uns zum Lächeln bringt“, so die dreifache Mutter.

Nach einem Textildesign Studium in Reutlingen und am Central St. Martins College in London folgten mehr als fünfundzwanzig Jahre, in denen Sabine Enders Produkte entwickelt und vermarktet hat: Heimtextilien und Möbel, Dekoratives und Nützliches, Kosmetik und Mode. Als Führungskraft bei Branchengrößen Tchibo und als Geschäftsführerin des Impressionen Versands war stets „Think Big“ angesagt, doch die Liebe zum Detail ist ihr geblieben.

Was Sabine außerdem Freude bereitet? Ein frischbezogenes Bett, der Samstagseinkauf auf dem Wochenmarkt, die Königsberger Klopse ihrer Mutter, das Glas Wein in der Badewanne... die kleinen Dinge eben. Ich treffe Sabine am liebsten im Cafe Aendré auf einen Espresso- Porridge mit Toppings. Wir tauschen uns gern aus und motivieren uns, wenn wir mal einen „Hänger“ haben. Ich bewundere Sabines Mut und Energie, sich mit ihrer Idee selbstständig zu machen. Darüber hinaus liebe ich ihren Style und ihren Geschmack und ihre Einstellung zum Leben. Aber lest selbst:


Sue: Du blickst auf eine lange und erfolgreiche Karriere in großen Unternehmen zurück – wie hast Du Deine Trennung von einem Angestellten Dasein erlebt, verarbeitet und wie kam es überhaupt dazu? 

Sabine: Ich habe mich 2x getrennt – das erste Mal nach fast 17 Jahren von dem Arbeitgeber, für den ich überhaupt nach Hamburg gezogen bin und für den ich all die Jahre auch die überwiegende Zeit sehr gerne gearbeitet habe. Von dort bin ich in meine erste Geschäftsführungsposition zu einem anderen Unternehmen gewechselt und wir haben uns nach 2,5 Jahren wieder getrennt. Die erste Trennung war ein bisschen, wie das Ende einer langen Beziehung – da ich aber keine Zeit zum Trauern hatte, weil ich die neue Position direkt angetreten habe, ist mir das erst viel später bewusst geworden. Die zweite Trennung fühlte sich für mich eher wie eine Erlösung an, weil ich so unglaublich hart gearbeitet habe und wirklich extrem unter Druck stand. Ich war sehr froh über das Ende und die anschließende ‚Auszeit’ war ein großartiges Geschenk. Das erste Mal in meinem Leben habe ich 6 Monate lang nicht gearbeitet. Das war Anfangs schwierig für mich, aber im Rückblick das Beste seit langem.

Sue: Wie und wann ist Dir die Idee zu „One-Day-Baby“ gekommen“?

Sabine: Während meiner Auszeit, in unserem kleinen Haus in Südfrankreich. Ich war zum allerersten Mal in über 20 Jahren für ein paar Wochen ganz alleine dort. 

Sue: Heißt das, Du bist eines Morgens aufgewacht und hast wie „Vicky und die Wikinger“ eine zündende Idee gehabt?

Sabine: Nein, das war eher ein Herantasten. Ich hatte in der Vergangenheit einige Beratungsmandate im Sortimentsentwicklungs- und Marketingbereich und dieses Arbeiten hat mir auch immer gut getan. Ich liebe es, mich in neue Themen einzudenken und projektbezogen zu arbeiten. Also habe ich auch darüber nachgedacht, ob das mein Geschäftsmodell der Zukunft sein könnte. Aber es wurde mit der Zeit immer klarer, dass ich ein eigenes Label gründen würde. Es schließt sich ja auch nicht aus, zusätzlich auch mal wieder ein Beratungsprojekt umzusetzen.

Sue: Wer hat Dich dabei sofort unterstützt?

Sabine: An erster Stelle meine Schwester. Sie hat immer schon gesagt, dass ich gründen sollte und mir das Female Founders Buch schon vor Jahren geschenkt – lange bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe, etwas Eigenes zu machen. Dann auf jeden Fall mein Mann und einige langjährige und wirklich gute Freunde.

Sue: Für mich war der Schritt in die Selbstständigkeit wie neu Gehen lernen. Wie hast Du das empfunden?

Sabine: Neu gehen lernen ist ein tolles Bild, das es wirklich gut trifft! Ich habe sehr viel aufgeschrieben – Ideen, Gedanken, alles Mögliche. Mit der Zeit bekamen die Ideen Struktur. Rückblickend würde ich sagen, dass eigentlich von Anfang an klar war, in welche Richtung es für mich weitergehen würde.

Sue: Was waren die größten Schwierigkeiten für Dich und gab es so etwas wie den Zauber des Neuanfangs?

Sabine: Die Idee zu entwickeln, die Marke zu positionieren – Bildwelten und Sortimente zu kreieren, das sind natürlich die besonders reizvollen Aufgaben. Ich musste mich zum Zahlenpart im Business Plan eher überwinden – „Butter bei die Fische“ sozusagen. Wenn man allerdings ein gutes Netzwerk hat und sehr hilfsbreite Freunde, dann kann auch durchaus das Spaß machen, was man nicht so gerne tut. Ich hatte tatsächlich das große Glück, ganz tollen Support durch Freunde in fast allen Disziplinen gehabt zu haben. Dadurch war am Anfang schon wirklich viel Zauber.

Sehr stolz war ich, als ich die Finanzierungszusage erhalten habe. Ein großartiges Gefühl war es, das erste fertige Produkt in der Hand zu halten, die Produktion zu sehen, der funktionierende Onlineshop, ach so vieles...

Sue: Ja, das kenne ich auch. Das ist wie eine Geburt und ein unbeschreibliches Gefühl. Und trotzdem ist es bis dahin ein weiter Weg - wo und wie hast Du den Mut und Motivation gefunden, in der Mitte des Lebens nochmal neu zu starten?

Sabine: Es war eigentlich eher anders herum. Ich hatte sehr kurz nach der Trennung von meinem letzten Arbeitgeber ein Interview für einen wirklich tollen Job, das war natürlich auch ziemlich gut für mein Ego. Ich bin also hin geflogen, habe das Gespräch geführt - das nicht gut war – und bin wieder zurück geflogen. Ich fühlte mich grauenvoll und war mir dann sehr schnell sehr sicher, dass ich diese Aufgabe auf gar keinen Fall annehmen würde. Ich wusste instinktiv, dass ich bis auf Weiteres (nie sollte man nie sagen..) nicht wieder eine leitende Funktion in einem Konzern übernehmen würde. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an.

Durch diese klare Entscheidung gegen etwas, ist viel Energie frei geworden.  Erst durch das Nein zu einer Option, konnte ich mich auf die Alternativen konzentrieren und dann ging es relativ einfach und eigentlich auch ziemlich schnell. Viel Motivation ist in jedem Fall durch dieses Gefühl ‚jetzt oder nie’ entstanden – so viel zum Thema die Mitte das Lebens. Es ist ja so, dass es für bestimmte Entscheidungen im Leben bestimmte Zeitfenster gibt (Kinder gehören da ja auch dazu) und wenn man diese verstreichen lässt, dann ist es irgendwann zu spät.

So ist übrigens auch der Name für mein Label entstanden, ganz im Sinne des Songs „One day baby we’ll be old.

Sue: Wow – tolle Story und sehr authentisch. Was hat Dir bei der Umsetzung Deiner Träume am Meisten geholfen?

Sabine: Die Freude auf das was kommt, gepaart mit dem ungläubigen Erstaunen – oh hey, du machst es jetzt wirklich – und der großartigen Unterstützung durch alte und neue Freunde. Das ist überhaupt das Schönste, dieser freundschaftliche Support aus ganz unterschiedlichen Richtungen – dafür bin ich sehr dankbar und auch immer wieder emotional tief berührt. Unterstützung ist nie selbstverständlich!

Sue: Ja, das habe ich ähnlich erlebt und wenn meine Schwester mich nicht überzeugt hätte, wer weiß, ob ich das jemals alleine gewagt hätte. Wie strategisch oder emotional bist Du an Deine Pläne zur Selbstständigkeit gegangen?

Sabine: Die Entscheidung zu gründen war sehr emotional, die Umsetzung strategisch. Alles andere hätte mich nervös gemacht. Leider ist meine Schwester nicht mit dabei, darum beneide ich Euch beide – ich finde es so großartig, dass ihr zusammen arbeitet. Auch das Engagement  und der Einsatz Deiner Mutter ist etwas sehr besonderes und begeistert mich immer wieder!

Sue: Wer sind Deine Vorbilder oder Mentoren und wie wirst Du Dein eigener Chef?

Sabine: Ach, es gibt einige tolle Gründerinnen und Managerinnen, die gut als Vorbilder dienen. Ich finde Verena Pausder ist eine spannende Unternehmerin, Antje von Dewitz ist eine tolle CEO, Lea-Sophie Kramer, Tina Müller oder Delia Fischer – da gibt es ja inzwischen wirklich einige tolle Frauen.

Ein Mentor, der mich mittlerweile seit über 25 Jahren begleitet, war mein Chef in meiner ersten Position nach dem Studium. Damals war er Inhaber eines Textilunternehmens und heute ist er ein immer noch sehr engagierter feiner Mann, der zahlreiche Ehrenämter ausübt.

Ich bin ehrgeizig, zielstrebig und klar – das war auch schon immer so. Es gibt für mich gar keine Alternative zum täglich weiter machen. Ich habe 3 Kinder – davor kann ich auch nicht weglaufen, selbst wenn es in der Vergangenheit sicher Tage gab, wo ich mir das gewünscht hätte.

Sue: Auch wenn Instagram uns oft etwas Anderes suggeriert: Alleine eine Firma aus dem Boden zu stampfen ist kein Spaziergang und auch meine Schwester und ich haben schlaflose Nächte und machen uns manchmal große Sorgen. Wie gehst Du persönlich mit Ängsten es nicht zu schaffen oder Misserfolgen um?

Sabine: Nicht besonders gut, aber das begleitet mich schon länger und ist nicht erst seit der Gründung ein Thema für mich. Ich schlafe eher schlecht – am Schlimmsten ist immer die Nacht von Sonntag auf Montag. Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich mit Misserfolgen besser klar komme, als mit Ängsten. Was mir hilft? An schöne Dinge zu denken, versuchen mich auf etwas zu freuen. Außerdem Sport, Yoga und Meditation – wobei ich das alles nicht gut hin bekomme, wenn es mir schon schlecht geht. Auch wenn ich weiß, dass es hilft – ein blöder Kreislauf.

Sue: Genauso ist es. Allerdings sind wir ein Team und wir ziehen uns dann Gegenseitig wieder aus dem Formtief. Hast Du Dir ein Zeitfernster für die erfolgreiche Umsetzung Deiner Idee gesetzt – einen 10 Jahres-Plan oder ähnliches?

Sabine: Ich musste für die Finanzierung 3 Jahre planen und finde, das ist schon ein recht langer Zeitraum. Ein guter Freund, der ein eigenes Unternehmen führt, hat allerdings mal zu mir gesagt – ob  die Idee überleben wird, das zeigt sich frühestens nach 5 Jahren.

Sue: Was sind heute Deine täglichen Herausforderungen und wie gehst Du mental damit um.

Sabine: Der größte Unterschied zu meinem ‚alten Leben’ ist momentan das Einzelkämpferdasein. Ich habe so lange in großen Einheiten gearbeitet und immer Menschen geführt, dass sich das jetzt immer noch seltsam anfühlt. Ich arbeite natürlich mit einigen Freelancern zusammen und schätze das auch sehr. Das Meiste mache ich aber eben doch selbst und muss hier einfach akzeptieren, dass manches nicht so schnell geht, wie ich das gerne hätte. Ich bin sehr ungeduldig und deshalb auch häufiger mal nicht so gut drauf.

Sue: Ja, das kennen  wir auch sehr gut. Wir nennen uns liebevoll „MTH – mach mal, tu mal, hol mal.“ Alles in Personalunion  :)
Wie sieht ein typischer „One –Day-Baby“- Tag für dich aus?

Sabine: Den gibt es eigentlich gar nicht. Produktentwicklung, Vertrieb, Kooperationen besprechen, Fotoshootings vorbereiten und Päckchen packen – alles gehört dazu. Das ist auch wirklich großartig! Und das Allerbeste sind die kurzen Entscheidungswege!

Sue: Was wäre Dein größter Erfolg für die Zukunft? 

Sabine: Da gibt es so ein paar Trigger – neben dem ganz nüchternen ungefähren Erreichen der Planzahlen, wäre es zum Beispiel auch die Platzierung bei einem meiner Wunsch-Handelspartner. Langfristig gedacht, könnte es die Internationalisierung sein.

Sue: Für mich ist Erfolg, sich selbstgesteckte Ziele zu erreichen. Das ist aber nicht nur beruflich gemeint. Und: Die Brüche und Rückschläge im Leben zu meistern, sich wieder aufrappeln und etwas Gutes daraus zu machen „Take your broken Heart and make it into Art“…
Wie gehst Du mit Rückschlägen um? Denkst Du, der Mensch muss lernen zu scheitern, um wirklich wachsen zu können?

Sabine: Davon bin ich fest überzeugt! Jeder Lebenslauf braucht Brüche – ob das unbedingt gleich als Scheitern definiert werden muss, weiß ich nicht. Man lernt doch nur dann, die Dinge anders zu bewerten, oder zu beurteilen, wenn es gelingt die Perspektive zu wechseln. Ich glaube, der Schlüssel ist ehrlich zu sich selbst zu sein, Enttäuschungen zuzulassen und sich selbst Zeit zu geben, dann kann daraus auch wieder etwas Neues entstehen.

Vermutlich ist das meine intensivste Erfahrung der letzten 2 Jahre.

Sue: Was hast Du bislang schon gewonnen und was vermisst Du (vielleicht)?

Sabine: Ich gewöhne mich gerade an die Freiheit und lerne sie zu schätzen, das fällt mir aber immer noch manchmal schwer. Im Alltag vermisse ich manchmal Kollegen und Gleichgesinnte – ehrlicherweise auch die IT Hotline, die Buchhaltung, die Rechtsabteilung - eben all das, was vorher ganz selbstverständlich war.

Liebe Sabine, ich danke Dir für Dieses Gespräch! Und da heute Valentinstag ist, haben wir noch ein tolles Gewinnspiel für euch!!

 

 


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