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Gegen den Strom reisen

Es muss nicht immer ein Platz an der Sonne sein. Redakteur Knuth schätzt das antizyklische Reisen. Diesmal reiste er im November nach Südtirol. Ein „Postkartengruß“ aus der Nebensaison.

Die Flucht von der Modemesse war mir gelungen. Jetzt stand ich an einem Januarnachmittag auf dem Ponte Vecchio in Florenz. Ich konnte da stehen, ohne das mich jemand anrempelte. Davor war ich das letzte Mal im Sommer auf dieser Brücke gewesen. Es herrschte ein Gedrängel, als wären alle auf der Flucht. Florenz lief vor lauter Touristen über. Aber jetzt am Anfang des Jahres wirkte Florenz auf mich, wie eine gerade erwachte Katze, die beim Ausstrecken ihrer Beine wieder eingeschlafen war. Der Winter verlieh der Stadt eine Gänsehaut. Für mich blieb sie eine Schönheit. Am Ende des Tages landete ich in einer von Neonröhren erleuchteten Osteria, wo ein Riesenfernseher stand. Es lief eine TV-Show. Ich bestellte mir eine Ribolita. Die Moderatorin, deren Kleid mehr zeigte als bedeckte, quatschte uns Gästen ins Essen. Es schien aber keinen zu stören. Vorbei an Götterstatuen und Müllhaufen schlenderte ich zurück in mein Hotel. Es war einer der Tage, die ich gerne in Marmor gemeißelt hätte. Es war nicht der Olymp, aber wer braucht schon Vollkommenheit? Im Bett kam mir das erste Mal der Gedanke immer dann die Koffer zu packen, wenn andere sie wieder auspacken.

Seit Florenz verfalle ich hin und wieder dem Reiz gegen den Strom zu reisen. Die Orte und die Menschen verstellen sich dann nicht mehr. Sie sind dann wie sie sind, ganz sie selbst.

Meine letzte antizyklische Reise unternahm ich mit meiner Frau im November. Wir fuhren nach Südtirol. Jetzt stand ich auf der Seiser Alm im Nebel. Die Alm kannte ich nur aus meinem Sommerurlaub. Damals herrschte Postkartenwetter. Blauer Himmel, bunte Wiesen, Kuhglocken und stolze Gipfel empfingen mich. Ganz anders die Stimmung im Spätherbst. Ich befand mich in einer Grauzone, die mich von der Wirklichkeit zu trennen schien. Beim Wandern puzzelte ich mir die Landschaft in meinem Gedächtnis zusammen. In der Waschküche tauchten plötzlich Bäume auf und verschwanden wieder. Ab und zu krähte ein Rabe. Die Almen sahen nach Tarnfarbe aus. Wäre eine Horde Hobbits aus dem Nichts erschienen, hätte es mich nicht gewundert. Zum Takt meiner Schritte gesellte sich bald ein Bach, das mit einem Crescendo vor einer Hütte endete. Wie eine Schildkröte die Kopf und Beine eingezogen hat, stand sie vor mir. Sie war geschlossen. Ich konnte es selbst nicht glauben, dass ich es im Sommer auf dieser Terrasse kaum ausgehalten habe. Die Sommerfrische war sogar auf den Bergen noch sehr warm. Jetzt war alles im Novemberschlaf. Die aufgestellten Schneekanonen und abgesteckten Skipisten gaben mir zu verstehen, dass diese Ruhe nur ein Moment ist. Bald werden sich hier die Skifahrer amüsieren. Dann kommen die Hüpfburgen und die Andreas-Gabalier-Folklore zurück. Sie sorgen dann wieder für Stimmung.

 

Als Nebensaisontourist brauche ich Geduld. Vieles hat geschlossen und ist nur eingeschränkt geöffnet. Auch Wirte und Hoteliers wollen mal Urlaub machen. Dazu muss manches wieder instandgesetzt werden. Aber viel wichtiger für einen Nebensaisontourist ist, dass er Wetter mögen muss. Ein November in den Bergen hält alles für einen bereit: Regen, Sonnenschein und sogar Schnee. Wer seinen Urlaub in Sonnenstunden und Vitamin-D-Dosen misst, der sollte lieber in Richtung Äquator reisen.

Sonnenanbeter geben mir gelegentlich zu verstehen, dass antizyklisches Reisen frustrierend sei und einem die Laune verdirbt. Meine Kanton-Gene mögen auch lieber den Sommer. Aber ich denke, dass die Sonne Menschen nicht unbedingt glücklicher macht. Gerne verweise ich dann auf den World Happiness Report der UN hin, der jährlich aufzeigt, wo die glücklichste Bevölkerung auf der Welt lebt. Auf den ersten Plätzen sind regelmäßig Finnland, Norwegen, Island oder Schweden zu finden. Obwohl in diesen Ländern „wettertechnisch“ fast immer Nebensaison herrscht, scheinen die Einwohner glücklicher zu sein, als im Rest der Welt. Vielleicht tragen sie die Sonne einfach im Herzen.

Mein Glück ist es, dass ich nicht dem Schulferiendiktat unterworfen bin und ich ein Nebensaisonreisender sein darf. Und wenn ich wieder durch Nebelfelder irre, mich durchregnen lasse, bei verwaisten Restaurants friere und mich über Winterfahrpläne wundere, dann halte ich es wie Karlsson vom Dach und sage mir: „Das stört doch keinen großen Geist.“

 


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