Der Sommer ohne Frau

 

 

SoSUE Redakteur Knuth verbrachte den Sommer ein paar Wochen alleine. Seine Frau war weg. Eine ungewöhnliche Zeit für eine Trennung. Viel zu lang findet er.

Die Morgensonne kämpfte sich durch das Schlafzimmer und weckte mich. Meine Hand wanderte rüber auf die andere Seite des Bettes. Dort war es kühl und leer.

Meine Frau war seit vier Wochen weg. Ich fürchtete die Wochenenden, weil sie mir dann überall fehlte. Ich vermisste sie. Nun hatte ich mehr Zeit für mich, aber ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen. In ihrer Abwesenheit wollte ich mit den Kumpels um die Häuser ziehen oder mal in ein Konzert gehen. Ich tat nichts davon. Stattdessen saß ich an einem Sonntag an meinem Schreibtisch und arbeitete. Vor meinem Fenster tanzten die Insekten in der Luft. Wäre sie da gewesen, hätte sie mich davon überzeugt, dass wir lieber an die Ostsee gefahren wären, um den Tag am Strand zu verbringen, als Marketing-Prosa für meine Kunden zu schreiben.

Der Sommer ohne Frau begann bereits im Frühling, als ihre Ärztin bescheinigte, dass sie erschöpft sei. In ihrem Job hatte der Stress und Druck in den letzten Jahren zugenommen. Sie brauchte dringend eine Pause. Die Ärztin verschrieb ihr eine Psychosomatische-Reha. Seit dem Tag an beschäftigten wir uns mit dem Thema. Wir spürten, dass die nächsten Monate anders verlaufen würden als geplant. Fünf bis sechs Wochen sollte unsere Trennung dauern, vielleicht sogar noch länger.  Während meiner Zivildienstzeit waren wir über längere Zeit getrennt gewesen und als Redakteur war ich viel unterwegs. Wir führten sogar mal paar Jahre lang eine Fernbeziehung. Ich arbeitete in München und sie blieb in Hamburg. Wir sahen uns nur an den Wochenenden. Offshore nenne ich diese Episode unserer Ehe immer, weil ich mich wie ein Seemann fühlte, der nur unregelmäßig zu Hause war. Das war kein Problem für uns. Aber diesmal war alles anders. Ich machte mir Sorgen um meine Frau, weil es mir nicht gelungen war, sie von ihrer Erschöpfung zu befreien. Und dann war da noch die Ungewissheit, ob ihr die Reha helfen würde. Was würde sein, wenn es ihr nicht hilft? Mein einziger Wunsch war, dass sie wieder gesund wird.

Ich bewunderte ihre Tapferkeit. Sie stand dazu. Viele Menschen trauen sich den Schritt erst gar nicht zu, weil sie nicht als Schwächling oder Psycho abgestempelt werden wollen. Manchmal gesellt sich auch noch Scham dazu. Eine Seele die Hilfe braucht, hört oft, dass sie sich nicht so anstellen soll. Im Garten der Harten ist eben kein Platz für die Zarten. Der Abreisetag kam näher und in mir wuchs immer mehr der Helikopter-Ehemann heran, der ihr auch in der Klinik helfen wollte. Ich blieb aber am Boden. Es war besser so. Sie sollte ohne mich auf andere Gedanken kommen.

 

 

Eine Whatsapp-Nachricht unterbrach meine Arbeit. Sie schrieb mir, dass sie schwimmen geht. Das freute mich, weil sie Schwimmen liebt. Ich erinnerte mich noch an die Anreise in die Klinik. Auf der Zugfahrt waren wir beide sehr konzentriert gewesen, als würden wir an einem WM-Finale teilnehmen. Angekommen in der Klinik begleitete ich sie noch eine Weile. Die Flure, die Ärzte und die Patienten machten unsere Stimmung auch nicht besser. Dann brachte sie mich zum Ausgang. Wir umarmten uns. Es war ein Abschied mit vielen Blicken und mit wenig Worten. Ich ließ sie zurück.

Wenn ich Trost brauche, esse ich Hühnersuppe. Sie ist ein Seelenwärmer für mich. Im Gefrierfach steht immer eine Reserve bereit, falls sich die Melancholie anmeldet. Hühnersuppe mit Reisnudeln im Hong-Kong-Style, das ist auch ihr Lieblingsessen. Es gibt nur einen Grund, warum ich koche, weil ich meine Frau gerne beim Essen betrachte. Es gibt nichts Schöneres für mich. Am Tisch überlegte ich, was sie wohl heute essen würde? Die Suppe dampfte und ich hörte Jazz. Mein Geschlürfe übertönte John Coltranes Saxofone Soli. Ich war noch da und sie auch.

Die Stadt war geflüchtet, um sich abzukühlen. Auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Ich traute mich raus auf den Balkon und trank einen Espresso. Nur noch drei Stunden, dann haben wir beide ein Rendezvous per Videochat. Dann werde ihr die Blumen zeigen. Seit sie fort war, bin ich zum Gärtner geworden. Gegenüber im Haus saß ein Mann auf seinem Balkon. Er war Rentner und er war bei jedem Wetter auf dem Balkon. Durch die Blumen beobachtete ich ihn. Er lebte allein. Seine Frau war gestorben und der Sohn wohnte nicht mehr bei ihm. Er war mal drei und jetzt ist er nur noch einer. Meine Frau und ich sind zwei. Vielleicht wäre es uns besser gegangen, wenn wir drei oder vier gewesen wären. Kinder hätten vielleicht die Sache für uns einfacher gemacht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.

Ich fragte mich, wie viel Alleinsein ein Mensch aushalten kann? Meine 28 Tage Einsamkeit fühlten sich schon, wie eine Ewigkeit an. Wie würden sich dann erst Jahre anfühlen? Ich schaute zum Himmel, eine Wolke löste sich auf, sie hatte an diesem Tag keine Chance.

Der Sommer weigerte sich, den Tag zu beenden. Ich wünschte mir aber genau das Gegenteil. Das Handy klingelte. Sie rief mich an. Ich freute mich auf ihre Stimme und ihr Lächeln. Jeden Tag sprachen wir miteinander. Sie erzählte mir von ihren Therapien und von den Menschen in der Klinik. Ihre Stimmung war gut, sie kam mir entspannter und frischer vor. Sie unterbrach unser Gespräch und schwenkte ihr Handy nach oben. Auf meinem Display erschienen Schwalben, die durch die Luft schwirrten. Trotz der Entfernung konnte ich ihr Zirpen hören. Der Sound des Sommers auf dem Land. Wir beide bewunderten ihren Flug. Als ich ihr von der Suppe erzählte, bekam sie Heimweh. Ich dagegen bekam Ehefrauweh. Wenn wir uns unterhielten, verging die Zeit endlich. Als der Anruf vorbei war, langweilte ich den Sonntagabend zu Ende und ging zu Bett.

Die Hitze ließ mich nicht einschlafen. Die Nacht starrte mich an und ich starrte die Nacht an. Ich musste an die Schwalben denken. Ich hatte mal gelesen, dass sie im Flug schlafen können. Auf ihren Vogelzug überqueren sie die Sahara, das Mittelmeer und die Alpen, bloß um hier zu brüten. Sie haben Herz. Ich dagegen kam mir wie ein Weichei vor. In dem Moment wäre ich gerne eine Schwalbe gewesen. Jeden Abend hätte ich zu ihr fliegen können. Kein Kontinent hätte mich aufhalten können. Aber ich war keine Schwalbe. Ich war nur ein Ehemann, der Sehnsucht nach seiner Frau hatte. Noch ein paar Tage, dann sind wir wieder zwei. Der Sommer mit Frau würde auch für mich beginnen. Endlich.

 

 


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