Gegen den Winterblues mit Licht und Kristall in Innsbruck

Es wird grau und grauer, die Wolkendecke dichter, die Natur ist im Winterschlaf – der Mensch freut sich mehr und mehr über Glimmer, Glitter, Glitzer und Licht. Wer dieses Gefühl kennt, dem empfehle ich einen Wochenendtrip nach Innsbruck für Kultur und kristalline Kunst. Zudem entspannt shoppen, beste österreichische Küche und das prächtige Bergpanorama mitsamt Goldenem Dachl davor genießen. Und im nahen Wattens kann jeder in den schimmernden Wunderkammern der Swarovski Kristallwelten seine Fantasie mit hochkarätiger Kunst erweitern.

Hier glänzen sogar Dächer golden.
Einfach nur schön ist die Herzog-Friedrich-Straße mit Blick in Richtung Goldenes Dachl. Hinter dem glänzenden Vordach, dass Touristen aus aller Welt fasziniert, erhebt sich die Bergkette des Hafelekars. Gesäumt wird die Fußgängerzone von pastellfarbenen Zuckerbäckerhäusern und üppig barocken Fassaden, wie die des Hölbinghauses, sie erzählen von einer anderen Zeit. Etwa von 1494, als Kaiser Maximilian I. das Goldene Dachl mit 2657 feuervergoldeten Kupferschindeln schmücken ließ. Der spätgotische Prunkerker sollte künftig an seine Hochzeit mit Bianca Maria Sforza von Mailand erinnern.

Von Sternenstaub und Sommerfeeling
Im Gasthaus Goldene Rose gingen 600 Jahre lang Gäste ein und aus – ließen sich bewirten. Seit 20 Jahren beherbergt es den Swarovski Kristallwelten Store. Und der steckt seit seiner Renovierung vor acht Jahren voller Kunst: Schon am Eingang leuchten Sterne aus Papier, wie sie gerne im Winter an Dachgiebeln und in Fenstern hängen. Diese hier sind von Rhea Thierstein, diefür Firmen wie Hermès oder Fabergé arbeitet, und wurden mit feinstem Kristall bestäubt. Die zarten Gebilde sind in den Schaukästen des gewölbeartigen Eingangs edel inszeniert. Drinnen überrascht ein Farben- und Lichtrausch und das Gefühl von Sommer stellt sich ein.

Seerosen aus Licht und Kristall
Eine zwei Meter hohe Wand entlang schwingen sich Seerosen aus Licht, Acryl und Kristallen - schillernd schön. Die Berliner Lichtkünstlerin Susanne Rottenbacher hat fünf überdimensionale Rosen, unzählige kleine Blätter und kristalline Ranken für diesen schluchtartigen Raum geschaffen. Lily Pond ist sehr sehenswerte Bildhauerei mit Licht. Und im Gegensatz zu den Sternen vor dem Store, die im Februar wieder weichen müssen, ist diese Installation auch die nächsten Jahre zu sehen. Rottenbacher hat die Fensternischen im Erdgeschoß mit Spiegeln verdeckt, so hebt sie ihre bunt transparente Seerosen-Landschaft geschickt in eine weitere Dimension. Die Blüten sind übrigens eine Referenz an das Gasthaus zur Goldenen Rose, damit verbindet die Künstlerin die Geschichte des Hauses mit der Gegenwart.

Kunterbunt funkelnder Supermarkt
In einer sogenannten Wunderkammer im ersten Stock des Hauses poppt ein modernes Stillleben auf. Ein sehr aufgeräumtes, fast übersichtlich bestücktes Regal, daneben ein eher überladener Einkaufswagen. Andy Warhol hätte seine helle Freude gehabt, denn alles sind Alltagsprodukte, wie aus dem Supermarkt nebenan. Designerin Shourouk Rhaiem hat für Ordinary Life verschiedene Verpackungen von wohlbekannten Marken mit 150 Kilogramm Kristallen versehen lassen. Es funkelt und glitzert, und spiegelt sich. Eine Kunstinstallation, die gleichzeitig Konsumkritik übt, denn es ertönt Madonnas Lied Material Girl. Die Französin, die schon für Roberto Cavalli designed hat, kreiert seit über 10 Jahren glamourösen Schmuck für ihr eigenes Label.

Herrliche Zeitachsen
Noch einmal ein Zeitsprung  zurück zu Kaiser Maximilian I. ins beginnende 16. Jahrhundert. Während seiner Herrschaft entstand nämlich nicht nur das berühmte Goldene Dachl, sondern auch die Kaiserliche Hofburg. Prunkräume, Festsaal, Silberkammer, die kaiserlichen Appartements, Kapelle und Hofkirche sind immer eine Reise in kaiserliche Zeiten wert. Das Gefühl von Zurück-in-die-Zukunft überkommt mich beim Anblick von Zaha Hadids Skisprungschanze am Berg Isel. Die iranische Stararchitektin hat mit ihrem Neubau der Schanze 2001 eine begehbare, futuristische Skulptur geschaffen und gleichzeitig ein weiteres Wahrzeichen für Innsbruck. Das Bergisel Sky ist der perfekte Platz für eine Kaffeepause oder  ein Dinner mit bezaubernder Aussicht über die Stadt.

Hochaktueller Kunstraum
Mitten in der Einkaufsmeile der Maria-Theresien-Straße, etwas versteckt in einem Innenhof, liegt der Kunstraum Innsbruck. Dort werden viermal im Jahr wechselnde, zeitgenössische Positionen gezeigt. Immer auf den Punkt aktuell und einen Besuch wert. Daneben unbedingt in die Galerie Elisabeth und Klaus Thomann gehen. Phantastisch reduzierte Räume mit überraschenden Ausblicken auf die Stadt sind gepaart mit inspirierender Kunst wie von Erwin Wurm oder Günther Förg bis zu Alexandra Bircken, die auf der gerade zu Ende gegangene Kunst-Biennale in Venedig mit ihren Skulptur-Installationen Erfolge feierte.

Ausflug nach Wattens in die Swarovski Kristallwelten
Große Namen wie Andy Warhol, Salvador Dali, Keith Haring oder Niki de Saint Phalle lassen einen schon in der ersten von insgesamt 17 Wunderkammern in Aaaahs und Oooohs verfallen. Der Raum ist zudem in magischem, monochromen Yves Klein-Blau gestrichen. Überall leuchten geheimnisvoll funkelnde Kristalle, die hier in Wattens in unterschiedlichsten Formen und Farben hergestellt werden. In den Kristallwelten Wattens gelingt es Swarovski ebenso wie in Innsbruck die schwierige Balance zwischen Kunst und Kommerz zu halten. André Heller hat sich diese Wunderwelt 1995 zum hundertsten Firmenjubiläum ausgedacht. Seither hat sich einiges verändert, beständig wird verändert, erweitert und so ist in punkto Kunst für jeden etwas dabei.

Kristall-Lüster, Spiegel- und Lichträume
Großartige Wunderkammern glänzen mit unterschiedlichstem Anspruch. Mir gefällt Into Lattice Sun von der koreanischen Künstlerin Lee Bul mit am besten. Es geht um futuristische, urbane Welten und obwohl die Kristall-Licht-Installation in Kitsch abrutschen könnte, bleibt sie jeden Moment ernst zu nehmende Kunst. Ein bisschen wie in Bollywood fühle ich mich in der kunterbunten Wunderkammer mit blinkender Treppe und viel Neonlichtern von Manish Arora  - Ready to Love! Das Highlight für jeden Besucher ist der Infinity-Room der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama. Ein prächtiger Kristalllüster dreht sich in einem komplett verspiegelten Raum um sich selbst. Er inszeniert sich, den Raum drum herum und seine Betrachter, dabei entstehen Reflexionen ins Unendliche. Die Japanerin zählt zu den am teuersten verkauften Künstlerinnen der Welt und wo immer eine ihrer Installationen zu sehen ist, bilden sich lange Schlangen mit neugierigen Besuchern. Der Chandelier of Grief  hier in den Kristallwelten ist eine der wenigen Kusama-Räume, die man dauerhaft besuchen kann. Was für ein gelungenes Nichts-wie-raus-aus-dem-Wintergrau-Abtauchen in eine Welt voller Glitzer.

Funkelndes Lichtermeer im Kristallgarten
Vorbei am dicken, gelben Curry-Bus von Künstler Erwin Wurm, an dem es übrigens Hot-Dogs gibt, geht es in den Kristallgarten. Im Winter wird der ab 16 Uhr traumschön beleuchtet. Mit etwas Glück liegt nicht nur auf den umliegenden Bergen Schnee, sondern auch im Garten und alles schimmert und funkelt im Dunklen noch märchenhafter. Unter der Kristallwolke von Andy Cao und Xavier Perrot, die über schwarz spiegelndem Wasser schwebt, kann ich Klanginstallationen zuhören. Eine Runde auf dem schwarz-weißen Carousel von Jamie Hayon zaubert selbst dem größten Weihnachts-Grinch ein Lächeln ins Gesicht, und ja, lässt Kinderaugen leuchten. Herrlich, gelegentlich in solche Klischees zu verfallen – besonders in dieser grauen Jahreszeit.

Schlafen & Essen in Innsbruck
Mitten in der Stadt übernachten ist in Innsbruck kein Problem, es ist überall ruhig. Das The Penzist ein Designhotel mit Dachterrasse und mit Glück bekommt man ein Zimmer zum Innenhof und hat das riesige Ohr von Künstlerin Isa Genzken samt Bergkulisse im Blick. In der Faktoreiist es minimalistisch und stilvoll chic. Essen in Österreich ist immer köstlich: Im Gasthof Weißes Rössl gibt es einheimische Küche, Burger im Restaurant Ludwig und Vegetarier gehen am besten ins Olive. Auch empfehlenswert ist das Woosabi, wo asiatische Küche mit europäischen Einflüssen fusioniert.

Noch mehr Lichtkunst von Susanne Rottenbacher
Derzeit sind zwei Lichtskulpturen der Künstlerin im Brenners Park Hotel in Baden-Baden in einer Ausstellung zu Karl Lagerfeld zu sehen. Für Karl Cool haben auch Künstler wie Gregor Hildebrandt oder MadC neue Arbeiten geschaffen. Zudem sind bisher unveröffentlichte Fotos von Karl Lagerfeld, die er für Rolls Royce gemacht hat, zu sehen. Noch mehr Lichtzeichen gibt es in Susanne Rottenbachers neuester Ausstellung Winterlicht im Kunsthaus Kloster Gravenhorst zu sehen. Sicherlich auch eine Reise wert, aber das ist ein anderes Thema. 

 


Über den Autor:
Juliane Rohr ist Journalistin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie schreibt mit Leidenschaft über Kunst und Menschen in der Kunst. Monatlich bespricht sie im Blog von kochen, kunst und ketchup Ausstellungen und unter jr.artynotes kann man ihren neuesten Kunst-Tipps auf Instagram folgen.


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