Knuths Lost & Found November 47

 

Dieses Jahr war für Knuth mit viel Knochenarbeit verbunden. Er musste ständig etwas machen, damit sein Körper funktionierte. Immer wieder hatte er mit Blockaden, Verspannungen oder Bänderdehnungen zu tun. War ein Wehwehchen verschwunden, tauchte ein neues auf. Außerdem hat er in seinem Monatsrückblick wieder ein paar Tipps für euch parat: Ein Joni Mitchell Album, Johanna Gastdorf gegen Bagger, Barbie und eine Empfehlung für alle Suppenfans.

#breakeven

November 2023 – Die Spannung baute sich langsam auf. Sie kam aus den tieferen Schichten und entlud sich mit einem Knarzen. Zurück blieb ein Zwirbeln, das ab und zu auftauchte und von seiner Heftigkeit immer mehr verlor. Es war eine von vielen Erschütterungen, die mich in diesem Jahr erreichten. Immer dann, wenn ich sie am wenigsten erwartete. Eine davon erreichte mich heute mitten im Schlaf. Es war ein Knacken, das von meiner rechten Hüfte stammte. In der Region des Musculus quadriceps femoris und Musculus iliopsoas musste ein Beben stattgefunden haben, dessen Wellen mein Hirn wachrüttelte. Laut Wikipedia beträgt die Fortpflanzungsgeschwindigkeit eines Bebens im Normalfall etwa 3,5 km/s. Ich kann nicht ausschließen, dass es in meinem Körper viel schneller ging. Am Anfang hatte ich Mühe, Traum und Wirklichkeit zu trennen. Ich starrte in die Nacht und überlegte, was das wohl war. Könnte ich morgens Sport machen? Muss ich zum Arzt? Soll ich aufstehen und nachschauen? Gegen diese Form nächtlicher Grübelattacken hilft nur Eintönigkeit, also zählte ich das Blinken des Rauchmelders an der Decke. Das Zählen half nichts. Ich war schon zu sehr mit der seismografischen Analyse meiner Knochen und Muskeln beschäftigt. Meine Träume mussten weiter warten.

Keine Frage, meine Tektonik ist in Bewegung geraten. Muskeln, Faszien, Knochen und Bänder haben ihre eigene Dynamik und haben sich zu Kollisionszonen entwickelt, die jetzt, wo ich älter werde, immer heftiger aneinander reiben.

Leider gibt es kein Frühwarnsystem gegen plötzliche Blockaden oder Verrenkungen. Würden mich Warnungen rechtzeitig erreichen, wäre das eine große Hilfe für mich. Und so blieb mir nichts anderes übrig, auf eine Methode zurückzugreifen, die schon unsere Vorväter und Vormütter anwendeten: Ich horche in meinem Körper hinein. Nur um dann festzustellen, dass ich wieder überfordert war, weil es so viele Signale waren, dass ich einen ganzen Tag brauchte, um das Knarzen und Ziehen auf Google einordnen zu können. Als ich mich durch die Links von Experten, Pharmaunternehmen und Gurus durchgekämpft habe, weiß ich, dass mein Körper langsam zu einem Wrack wird. Im Grunde war er das schon immer.

Als Kind war ich zu dick und unbeweglich. Selbst einfachste Übungen taten mir weh, egal wie viele Turnmatten bei einem Hüftunterschwung unter dem Reck lagen. Jede Landung tat mir weh. Nicht selten verließ ich die Turnhalle mit blauen Flecken. Noch heute löst das Wort Stufenbarren bei mir Wadenkrämpfe aus. Damals ahnte ich schon, dass meine Knochen und Muskeln keine große Hilfe im Leben sein werden. Um so erstaunter war ich, dass ich bei der Musterung als wehrtauglich eingestuft wurde. Das ist mir bis heute ein Rätsel. Haben die Ärzte nicht das Elend gesehen, dass mit blau gefrorenen Füßen vor ihnen stand. Mir wurde anschließend bescheinigt, dass ich mit Einschränkung verwendungsfähig war. „Kampfpilot können sie damit nicht werden!“, ließ mich der Musterungsauschuss wissen.

Später, als ich das Laufen für mich entdeckt hatte, wurde ich schlanker, aber die Defizite bei Muskeln und Knochen blieben. Durch das viele Training wurden Stellen freigelegt, die vorher von Fett kaschiert wurden. Die rechte Schulter wirkte noch schiefer, mein krummer Rücken kam jetzt besser zu Geltung und eine Rippe wirkte jetzt größer. Ein ehrliches Urteil über meine Figur erhielt ich später beim Herrenschneider: „Irgendwas stimmt mit ihrer Orthopädie nicht, Herr Stein. Sie haben eine komische Figur.“ Er musste viel an meinem Anzug herumschnippeln. Mithilfe seiner Kunst machte ich wenigstens auf dem Parkett eine gerade Figur.

Trotz meiner Plattfüße, von den mein Orthopädieschuhmacher meinte, dass sie mit mehr Haaren darauf, wie Hobbit-Füße aussehen würden, bin ich ein Läufer geblieben. Ich laufe keine Marathons mehr, aber zwei bis dreimal in der Woche schnüre ich meine Laufschuhe. Gerne lange Strecken im Schneckentempo. Ausdauer kann ich. Früher konnte ich aufstehen und loslaufen. Heute muss ich viel mehr dafür tun, damit es bei mir rund läuft. Damit mein Bewegungsapparat auf Touren kommt, habe ich allerhand Zeugs gekauft, das mir dabei hilft, meine Mobilität zu erhalten. Unser Esszimmer gleicht einer physiotherapeutischen Praxis, weil Faszienrolle, Faszien-Gun, Hanteln, Therabänder, Loopbänder, Trigger Tools, Yogamatten und Gymnastikball immer mehr Raum einnehmen. Da mein Körper die Neigung hat, sich zu verschlimmbessern, gehe ich davon aus, dass noch mehr Fitnessutensilien dazukommen. Vielleicht sollte ich in eine Turnhalle umsiedeln.

Wie gesagt, das Jahr war besonders anstrengend für mich, weil zu den üblichen Wehwehchen sich noch eine beginnende Arthrose im Zeh dazu gesellte. Wahrscheinlich sind es Verschleißerscheinungen, meinte die Ärztin, die meinen knallroten Zeh untersuchte. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich herausgefunden hatte, was er mag und worauf er überhaupt nicht so gerne steht. Lange auf den Zehenspitzen stehen mag er beispielsweise gar nicht. Ich komm damit klar, ich mach jetzt noch zusätzlich Übungen für das Großzehengelenk.

Seit zwei Stunden sitze ich hier schon und schreibe. Tatsächlich bemerke ich in der Nähe des Iliosakralgelenk, dass es dort ein leichtes Nachbeben gegeben haben muss. Selbst am Schreibtisch sind meine Muskeln und Knochen in großer Gefahr. Sitzen ist bekanntlich das neue Rauchen. Es hat sich wieder etwas verkantet. Eine Verspannung. Auf der Knuth-Skala, die von eins bis zehn reicht, würde ich eher auf eine drei tippen. Ich muss sofort was unternehmen. Es tut mir leid, ich sollte an dieser Stelle abbrechen. Eine sehr biegsame Yogatrainerin auf Instagram empfiehlt dagegen Katze-Kuh-Übungen. Das will ich gleich ausprobieren. Namaste.

 


 

Eher fliegen hier Ufos

 

Die Leute packen ihre Sachen. Immer mehr Nachbarn verschwinden. Das fiktive Dorf Niersdorf soll dem Braunkohle-Tagebau geopfert werden. Nur ein paar wenige lassen sich von den Energiekonzernen nicht verdrängen. Marita (Johanna Gastdorf) und ihr Schwager wollen die Familienbäckerei nicht aufgeben. Aber am Ende müssen auch sie gehen. Was den Film so bedrückend macht, dass in echten Dörfern gedreht wurde, die bald weggebaggert werden, nicht einmal vor Kirchen wird haltgemacht. Alles für die Energiesicherheit in Deutschland. Johanna Gastdorf spielt eine Frau, die nicht aufgibt. Es sind die kleinen Gesten und Momente, die zum Nachdenken anregen. Ein leiser, aber kraftvoller Film.

Eher fliegen hier Ufos – Verfügbar in der Mediathek

 


 

Hundert Suppen

 

 

Während ich diese Zeilen schreibe, regnet es draußen und es weht ein kalter Wind durch Hamburg. Trotzdem bin ich rausgegangen. Aber getraut habe ich mich erst, als ich einen Teller Linseneintopf gegessen habe. Es ist das richtige Essen jetzt, wo die Bäume in den Winterschlaf fallen. Die Suppen- und Eintopfzeit sind für mich Energiespender. Und die Rezepte liefert mir dieses wundervolle Buch. Meine Lieblinge: Die Ribollita und Linsen Dal. Mir gefällt, dass mir die Autoren die Freiheit geben, etwas zu ergänzen und dass die Rezepte einfach sind. Wie wäre es mit Tonkotsu-Ramen-Suppe? Geht schnell und wärmt.

Hundert Suppen - Rebecca Seal, John Vincent, 240 Seiten, Dumont

 


 

Both Sides Now

 

 

Joni Mitchell ist im November 80 Jahre alt geworden. Ich habe sie sehr lange gemieden. Das lag vielleicht an Nick Hornbys Roman „High Fidelity“, der in einem Plattenladen spielt. Ich glaube, die Verkäufer hatten sich immer über Joni Mitchell lustig gemacht. Hornby war damals cool, also war Joni Mitchell uncool. Das änderte sich später, als Prince Joni Mitchell in höchsten Tönen lobte. Prince war megacool, also musste Joni Michell auch megacool sein. “I love all Joni’s music. Joni’s music should be taught in school", soll Prince über ihre Musik gesagt haben. In den letzten Jahren habe ich immer wieder in ihre Alben reingehört und sie für mich entdeckt. Ich habe mich für ihr Album „Both Sides Now“ entschieden. Eine sehr jazzige Platte mit vielen Standards. Passend zu einem Wintertag vor einem Kamin. PS: Ja, es ist die CD, die Emma Thompson in ihrer Rolle als Karen in dem Film „Tatsächlich ...Liebe“ geschenkt bekommen hat.

Both Sides Now, Joni Mitchell auf Apple Music und Spotify

 


 

Barbie

 

 

Meine Mutter hatte einen schrecklichen Fehler gemacht. Statt der Actionfigur Big Jim brachte sie mir Ken, den Freund von Barbie mit. Dieser metrosexuelle Gummikerl hätte es als Fitness-Influencer locker in einen Nobelclub geschafft, aber zu meinen anderen gestählten Actionfiguren passte er nicht. Das waren alles echte Männer, überwiegend Soldaten und Cowboys. Er war fortan das Opfer. Kinder können grausam sein. In meiner Männerwelt war wieder alles in Ordnung. Im Barbie Film ist Ken (Ryan Gosling) der Walker von Barbie (Margot Robbie). Er kann nur Beach, denn hier in der Barbie-Welt geben die Frauen den Ton an. Empowerment und Botox harmonieren. Alle Barbies sind Richterin, Pilotin oder Nobelpreisträgerin und gleichzeitig sind alle auf ihre Art superschön. Fast wie im wirklichen Leben auf Instagram. Im pinken Mattel-Universum gibt es keine gläsernen Decken, hier gibt es nur gläserne pinke Villen. Das alles ändert sich, als Barbie menschliche Gedanken bekommt und in die echte Welt muss und geschockt ist. Bei uns können die Männer kein Beach. Sie sind Richter, Pilot oder Nobelpreisträger. Frauen können in unserer Welt Beach. Eine schräge Satire, die in eine Feminismus-Debatte endet.

Barbie – Verfügbar auf Apple TV, Amazon Prime und Google Play

 


 

Trotzdem Ja zum Leben sagen

 

 

In meinem letzten Lost and Found habe ich aus Victor E. Frankls Buch zitiert, der als Psychologe die Shoah überlebte. Ich habe es als junger Mann gelesen, nachdem ich eine KZ-Gedenkstätte besucht hatte. Trotz aller geschichtlicher Aufarbeitung, war und ist mir bis heute unerklärlich, wie damals ein modernes Land wie Deutschland in so eine Barbarei verfallen konnte. Außerdem imponierte mich der Überlebenswille der KZ-Häftlinge. Es war für mich eines der ersten Bücher, das mir Erklärungen lieferte. Frankls Beobachtungen und Analysen über sich selbst, den Mithäftlingen und den Wächtern sind nach wie vor lesenswert. Nie gab er die Hoffnung auf. Es ist ein Buch, das Mut macht, egal wie schrecklich die Situation ist. „Glück ist, was einem erspart bleibt!“, heißt es in einem Kapitel. Wie Recht Frankl hat.

Trotzdem Ja zum Leben sagen, ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager – Viktor E. Frankl, 192 Seiten, Penguin Verlag

 

 ***

Vielen Dank. Ich schätze es sehr, dass du dir einen Moment Zeit genommen hast. Jetzt vor der Weihnachtstrubel beginnt. Mein nächster Rückblick kommt zwischen den Jahren. Wir sehen uns 2024 wieder. Ich wünsche euch ein Frohes Fest und einen guten Rutsch.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als kreativer PR-Berater noch weitere Marken und Agenturen. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. In seiner Freizeit widmet er sich seinem privaten Newsletter-Projekt „Ponysülze“ Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 

 

 

 

 


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