Knuths Lost & Found Mai 41

 

Am Vatertag kreuzten testosteronhaltige Alpha-Dads Knuths Wege. Bei so viel zur Schau getragener Männlichkeit stellte Knuth fest, dass er als Kerl lauter unmännliche Dinge macht, wie Putzen, kein Alkohol trinken oder regelmäßig zum Arzt gehen. Er fragt sich, ob er als Mann etwas falsch macht. Dazu in Knuths Monatsrückblick Lost & Found mit vielen Tipps: eine Michael J. Fox Doku, ein Roman über eine Nonne und Musik von Peter Fox jetzt im SoSUE Magazin.

 

#Itsamansworld

 

Mai 2023 – Von der Nordsee kriecht ein kühler Wind die Elbe hoch. Wer die frische Luft im Rücken hat, kann diesen sonnigen Tag genießen. Wer dagegen aus der Gegenrichtung kommt hat weniger Glück, der ist trotz des blauen Himmels noch herbstlich warm verpackt. Woher der Wind weht, scheint eine Spezies von Ausflüglern wenig zu interessieren: junge Männer mit Bollerwagen. Es ist Vatertag. Angetrunken, laut, teilweise bauchfrei und begleitet von Schlagertechno mischen sie sich unter die Spaziergänger.

Es sind die saisonalen Mannbarkeitsriten, die je nach Hirnreife jedes Jahr anders gefeiert werden. Ein paar Alpha-Dads, die mit ihren Familien unterwegs sind, schmunzeln. Erinnern sie sich an die eigenen Sauftouren? Oder ist es eine Mischung aus Überheblichkeit und Mitleid, weil ihnen zur Darstellung ihrer Männlichkeit andere Mittel zur Verfügung stehen, beispielsweise ein Audi Q5 oder eine Rolex Submariner?

Konfrontiert mit so viel Testosteron auf wenigen Metern halte ich Kurs auf eine Parkbank unter einer Kastanie. Mein verweichlichter Mischlingskörper, der nicht mal eine Mon Chéri verträgt, ist dankbar für die Pause. Während ich das Lichtspiel der Blätter betrachte, entsteht eine Liste über meine unmännlichen Dinge in meinem Kopf, die ich in den letzten Wochen gemacht habe.

Eine schöne Handschrift haben: Vielleicht ist es ein Tick von meinem Vater, den ich geerbt habe. Er schrieb seine Briefe auf Chinesisch. Er tat es mit Hingabe und Würde, als wäre er ein Mandarin am kaiserlichen Hof. Jeder Brief sah fast wie gemalt aus. Ich achte auch darauf, dass meine Handschrift schön und leserlich aussieht. Ich liebe weiche Bleistifte und Tinte in Preußen-Blau. Manchmal schreibe ich meine Texte mit einem Füllfederhalter, bevor ich sie stumpf in meinem Rechner eintippe. Männer kritzeln gerne etwas auf Papier, das nur Grafologen entziffern können. Deswegen haben Männer auch beschlossen, dass Frauen für Schönschreiben verantwortlich sind und überlassen ihnen die gesamte schriftliche Korrespondenz.

Keinen Alkohol trinken: Oben habe ich es schon kurz erwähnt: Ich vertrage keinen Alkohol. Mir ist danach tagelang schlecht. Seit Jahren habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Diese Gewohnheit tut mir sehr gut, aber besonders deutsche Männer empfinden das als schlimm. Immer wieder muss ich mich erklären. Sie halten mich für einen Spielverderber und werde von ihnen mit Klimaklebern auf eine Stufe gestellt - als ob Abstinenz von Auto und Alkohol eine Gefahr für die allgemeine Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wäre.

Putzen: Zu den Kernaufgaben eines Mannes im Haushalt gehört es, etwas an die Wand zu nageln oder etwas zusammenzuschrauben. Handwerklich bin ich eine Niete. Aber ich mag gerne putzen. Selbst Toiletten erschrecken mich nicht. Würden Männer in die Pflege ihrer Wohnung genauso viel Liebe stecken wie in die Pflege ihrer Autos, Weber-Grills und Hi-Fi-Anlagen, wäre das ein besseres Land.

Ted Lasso gucken: Auf Apple TV läuft gerade die neue Staffel von Ted Lasso – unfassbar großartig. Eine Fußballserie, aber irgendwie ohne Fußball. Ted Lasso ist ein Amerikaner, der eine Fußballmannschaft in der englischen Premier League trainiert, obwohl er keine Ahnung von dem Spiel hat, ist er erfolgreich. Lasso selbst vermisst seinen Sohn (heult deswegen oft), ist unglücklich geschieden (leidet wie Sau, heult deswegen viel öfter), faltet nie seine Spieler zusammen (hört ihnen zu, spricht mit ihnen, findet Lösungen), respektiert seine Klub-Chefin (jawohl, eine Frau) und ist zu allen Menschen freundlich. Das FC Bayern Management würde innerhalb der ersten Minuten einer Episode einen Brechdurchfall bekommen, weil zu wenig Schweiß und Blut fließen.

Bücher lesen: Laut einer Umfrage der deutschen Online-Plattform für Statistik "Statista" liegt das Informationsinteresse an Büchern bei Frauen bei 70,4 Prozent, während Männer auf 54,9 Prozent kommen. Das Statistische Bundesamt hat bereits 2017 herausgefunden, dass Frauen häufiger Bücher lesen als Männer. Etwa 42 Prozent der Frauen gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten ein Buch gelesen haben, während es bei den Männern 36 Prozent waren. Diese Zahlen bestätigen auch meine Erfahrung in Buchläden, wo ich mehr Frauen als Männer antreffe. Jungs hängen lieber im Netz herum und lesen Schlagzeilen auf Focus.de und Welt.de. Mehr brauchen sie nicht, um die Welt zu erklären.

Zu Vorsorgeuntersuchungen gehen: Wer sich die Mühe macht und Gesundheitsstatistiken liest, erfährt immer wieder, dass Männer sich gerne vor Arztterminen drücken. Hier regieren Scham und Verdrängung. Ich musste das auch erst lernen, aber seit ich mir mehr Mühe gebe, bin ich beruhigter und muss nicht immer alles mit mir selbst ausmachen. Und falls das hier ein Mann lesen sollte: Der Besuch beim Urologen ist nicht so schlimm, da kannst du ruhig die Hosen runterlassen.

Gemüse essen: Ich bin kein Vegetarier, aber mein Leben lang esse ich gerne Gemüse. Vielleicht, weil ich damit aufgewachsen bin. Männer müssen immer wieder rauslassen, wie viel Wiederkäuer, Geflügel und Paarhufer sie in der Woche verputzt haben. Ein Leben ohne wöchentliche Wurst ist für sie unvorstellbar. Übrigens haben sich die heimischen Mannsbilder immer wieder über italienische Männer lustig gemacht, weil sie viel Gemüse essen. Sie sind in ihren Augen Weicheier. Ich fand das immer seltsam, weil aus diesem Land die Mafia kommt und im italienischen Fußball ein beinharter Catenaccio gepflegt wird.

Öffis nutzen: Wenn Männer an Verkehr denken, dann zuerst an Sex und zweitens an Nummern, wie zum Beispiel an B555, A7, B1, B54, A40, B220, A60 oder B12. Die Bezeichnungen für Autobahnen und Bundesstraßen gehören zum männlichen Wortschatz. Von dem ganzen Kram habe ich keine Ahnung. Ich fahre gerne mit Bussen und Bahnen. Ich stehe auf feministische Verkehrspolitik. Kopenhagen, Barcelona, Paris, Amsterdam oder Oslo werden von Bürgermeisterinnen regiert. In diesen Städten findet eine Verkehrswende statt: Weniger Blech, mehr Mensch und Natur...... Und ich weiß, dass du das Gleiche fühlst, wie ich Sie beweisen.... Öffentlicher Nahverkehr kann genauso sexy..... Weil der Augenblick jetzt alles für uns ist.....Jeder Pulsschlag, null auf 100..... sein wie ein V8 Motor..... Und auf einmal steht die Welt kurz still....

..... Und der Himmel bricht auf...Komm, wir dreh'n richtig auf. In meinen Gedanken mischen sich fremde Worte, die von einem mächtigen Wummern begleitet werden. Eine Männerhorde mit Boomboxen, so groß wie Kühlschränke zieht an mir johlend vorbei. Ist das Helene Fischer? Eine echte Testosteronwelle bahnt sich ihren Weg durch den Park. Helene macht Männer munter.

Helene und ihre Männer verstummen. Laute Musik ist auch so ein Männerding, das ich als Mann auch nicht wirklich draufhabe. Mir wird kalt, und ich bin froh, dass ich meinen Pullover und mein Tuch dabeihabe. Ich blicke weiter nach oben. Das frische Grün macht mich froh. Dem Kastanienbaum ist mein unmännliches Leben egal. Mir auch.

 


 

Still: A Michael J. Fox Movie

 

 

Es gibt Schauspieler und Schauspielerinnen, die haben bei mir einen festen Platz in meinem Herzen, sie müssen nicht einmal gute Filme gemacht haben. Michael J. Fox hat gute Filme gemacht. Ich weiß nicht, wie oft ich "Zurück in die Zukunft" gesehen habe. Dieser hippelige Marty McFly, der von einem Chaos in das nächste Chaos schlittert. Jahrzehnte später sitzt Fox vor der Kamera. Er muss sich sehr konzentrieren, um Sprache und Körper zu kontrollieren. Manchmal zittert er wie ein Wackelpudding, der über eine deutsche Landstraße rast. In der Apple-Doku "Still" erzählt er von seiner unheilbaren Parkinsonkrankheit. Immer behält er seinen Humor und zeigt keine Schmerzen. Davis Guggenheims Doku ist wunderbar, nicht kitschig oder anbiedernd, einfach gut erzählt. Ich lerne viel über Hybris, Humor, Mut, Liebe und über Parkinson. Hoffentlich gibt es bald eine Art Fluxkompensator gegen alle fiesen Krankheiten.

Still: A Michael J. Fox Movie – Verfügbar auf Apple TV

 


 

 

Nie mehr leise

 

 

Ich bin ein halbgelber und heterosexueller Ex-Working-Class-Mann, der es irgendwie in die Mittelschicht geschafft hat und jetzt jammert, wenn der Bio-Spargel vergriffen ist. Es war nicht immer einfach, aber mein Weg war komfortabler als der Weg, den Betiel Berhe in ihrem Buch beschreibt. Medien, Politik und Teile der Gesellschaft gaukeln gerne vor, dass in Deutschland eine diverse und offene Gesellschaft sei, aber das Gegenteil ist leider oft der Fall. Selbst der soziale Aufstieg schützt vor Diskriminierung nicht. Es gibt immer noch verdeckten, offenen und strukturierten Rassismus in Deutschland, den Berhe immer wieder selbst erlebt. Ihre Analyse wird dem Aperol-Spritz-Bürgertum nicht gefallen. Sie ist aber für die Zukunft dringend notwendig, wenn wir eine solidarische Gesellschaft werden wollen. Als Zufallsdeutscher kann ich das Buch nur empfehlen.

Nie mehr leise –Die neue migrantische Mittelschicht, Betiel Berhe, 204 Seiten, Aufbau Verlag

 


 

Love Songs

 

 

Was machen deutsche Hip-Hop-Musiker, wenn sie älter werden? Sie treten als Jurymitglieder in Talentshows auf oder verrennen sich in absurden Querdenkerfantasien. Das alles hat Peter Fox nicht gemacht. Nach seinem "Stadtaffen"-Album hat er sich als Solosänger zurückgezogen, um als Produzent und Frontmann für "Seeed" weiterzuarbeiten. Und jetzt ist er wieder da. Um ehrlich zu sein, ich musste mich richtig reinhören, aber das lag eher daran, dass Musik hören und gleichzeitig Kochen bei mir nicht wirklich funktioniert. Beim Essen war ich dann begeistert. Im Song "Toscana Fanboys" besingt er zusammen mit Adriano Celentano die Toskana. "Chamonix-Mont-Blanc, alright. Aber zu kalt. Malibu-Beach ist heiß. Aber zu weit, hm, Ich bin und bleib' Toskana-Fanboy for life." Weitere Lieblinge von mir sind "Kein Regen in Dubai" und "Zukunft Pink". Der Beat ist da, jetzt muss es nur noch richtig warm werden.

Love Songs – Peter Fox verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

 Transatlantic

 

 

1940 im von Deutschen besetzten Frankreich. In einer alten Villa bei Marseille versuchen die US-Amerikaner Varian Fry (Cory Michael Smith) und Mary Jayne Gold (Gillian Jacobs) vom "Emergency Rescue Committee" Künstler und Intellektuelle vor den Nazis zu retten. Auf dem Anwesen finden viele Persönlichkeiten Hilfe, darunter: Marc Chagall, Heinrich Mann, Franz Werfel, André Breton, Marcel Duchamp, Max Ernst, Hannah Arendt. Die deutsche Serie beruht auf wahren Begebenheiten. Einige Verfolgte konnten mit der Hilfe von Fry und Gold ihren Häschern entkommen. Ein Film, der mal wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, Geflüchteten aus totalitären Systemen zu helfen. Wer auf "Casablanca" oder "Wem die Stunde schlägt" steht, ist hier gut aufgehoben.

Transatlantic – Verfügbar auf Netflix

 


 

 Matrix

 

 

„Niemals würde Marie eine vorteilhafte Heirat eingehen können, ganz ausgeschlossen. Marie und Juwelen, ha ha, allein schon die Vorstellung! Eine herausstaffierte Vogelscheuche.“ Marie, siebzehn Jahre alt, wird verstoßen, weil die Königin glaubt, dass sie nie einen Mann finden wird, selbst für eine geopolitische Heirat taugt sie nichts. Also wird sie in ein heruntergekommenes Kloster nach England verbannt. Und dort fernab von Hof und Prunk zeigt Marie, was sie draufhat. In wenigen Jahren verwandelt sie die Abtei in ein blühendes Wirtschaftsimperium, das selbst die Königin staunt. Ein Roman über weibliche Selbstbestimmung und Kreativität. Falls du glaubst, dass du schon alles über Nonnen gelesen hast, wirst du schnell feststellen, dass du von solchen Nonnen noch nie etwas gelesen hast. Keine Mittelalter-Mittelerde-Folklore. Ein unterhaltsamer Roman, in dem kein einziger Mann vorkommt. Genug gespoilert.

Matrix – Lauren Groff, 320 Seiten, Classen Verlag

 

*** 

 

Danke für deine Aufmerksamkeit und Geduld. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich wünsche dir einen schönen Juni. Wir sehen uns im Juli. Bis bald.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.


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