Knuths Lost & Found März 39

 

Knuth hat sich in seinem neuen Monatsrückblick "Lost and Found" auf Instagram in der Coachingzone verirrt und musste feststellen, dass sein Mindset eine Baustelle ist. Wie er die Optimierungseinbahnstraße empfand, könnt ihr jetzt hier nachlesen. Außerdem gibt es jede Menge Tipps: Warum Christoph Walz als Chef Angst macht, wir unbedingt das neue Buch von Nobelpreisträgerin Annie Ernaux lesen sollten und weshalb die Soul-Sängerin Yaya Bey eine Entdeckung ist.

 

#Coachingzone

März 2023 – „Knuth, du hast einen Anspruch auf die monatliche Massage. Das haben wir für alle verhandelt. Du musst die 45 Minuten nicht länger nacharbeiten.“ Auf den Wunsch der Betriebsrätin nahm ich meine betrieblich vereinbarte Massagezeit in Anspruch. Es waren die 90er-Jahre. Ich arbeitete bei einem angesagten Lifestyle-Verlag.

Der Massageraum war früher einmal ein Büro gewesen. Räucherstäbchen, eine Buddhafigur und ein Blumenstrauß sollten ablenken, es sollte so wenig wie möglich an Arbeit erinnern. Eine freundliche Frau stellte sich mir als Therapeutin und Coach vor. Es war das erste Mal, dass ich den Begriff "Coach" nicht in Zusammenhang mit Sport hörte. Sie platzierte mich auf einem Massagestuhl und mein Gesicht ruhte in einem gepolsterten Loch. Ich schaute nach unten und sollte schweigen. Dann erklang eine Klangschale. Während sie meine Schultern bearbeitete, betrachtete ich den Teppich und entdeckte einen riesigen, vertrockneten Wasserfleck, der wie ein Urzeitkontinent aussah. Als Student hatte ich früher nachts Büros geputzt, damals hätte ich Überstunden machen müssen, um einen solchen Riesenfleck zu entfernen.

Der Lifestyle-Verlag existiert nicht mehr. Knapp 25 Jahre später entspanne ich bei einem Kaffee und scrolle durch Instagram. Manchmal stöbere ich durch den vorgeschlagenen Explore-Feed. Instagram schlägt mir gerne neue Themen vor, in der Hoffnung, dass ich daran Gefallen finde. In allen Beiträgen, die mir jetzt angezeigt werden, geht es um Wachstum, Entwicklung, Erneuerung, Potenzialen, Schönheit, Freude und Veränderung. Das ist kein FDP-Fan-Feed. Ich befinde mich in einer Einbahnstraße der Optimierung, in der verschiedene Coaches den Verkehr nur in eine Richtung regeln. Hier geht es immer nur aufwärts zum nächsten Ziel. Jeder Coach macht mir klar, dass es von mir eine viel bessere Version gibt. Ich habe verstanden: Mein Mindset ist eine Baustelle. Nach ein paar Posts fühlt es sich an, als würde ich vor Gericht stehen, gefühlt gibt es hier mehr Richterinnen als Richter.

Gebraucht zu werden, müsste ich lernen zu akzeptieren, erklärt mir ein Selbstmanagement-Coach auf Infografiken im Barbie-Style. Ein Mann mit einem kantigen und rücksichtslosen Kiefer bietet mir seine Dienste als Karrierecoach an, er schreibt, dass nur Loser Angst vorm Scheitern haben. Ob ich zu viel grüble, fragt mich ein Mental-Coach und schlägt vor, dass ich nicht so viel Grübeln sollte, ihre Empfehlung, Probleme, die mich beschäftigen, dreimal auf einen Zettel schreiben, ein Fenster öffnen und dann würde das Grübeln verschwinden. Überhaupt scheint Grübeln out zu sein. Vielleicht ist die Fenster-Idee etwas für Wirtschaftsminister Robert Habeck, der gerne grübelt und bekanntlich viele Probleme an der Backe hat. Grübeln versaut anscheinend bei uns Menschen die ganze Transformation. Ich wische weiter. Immer wieder ploppen viele Statements-Post mit Mutmacher-Zitaten auf. Hier ein Gandhi-, dort ein Einstein-Spruch. Und wer sich als Coach in seine eigene Hyper-Achtsamkeit empowert hat, der zitiert sich am besten gleich selbst.

Mein Feedback nach einer halben Tasse Kaffee ist, was hier auf Instagram teilweise angeboten wird, ist bedenklich. Dabei gibt es Coaches, die gute Arbeit leisten. Falls ich mal einen brauchen sollte, werde ich auf jeden Fall nicht auf Instagram suchen.

Die Instagram-Coaches haben mich jetzt getriggert. Ich stelle mir vor, was für ein Insta-Coach ich wäre. Wegen der Bilder und Filme würde ich etwas an der frischen Luft machen. Natur kommt immer gut an. Ich würde als Walking-Coach arbeiten und mich darauf konzentrieren, meinen Klienten Schritt für Schritt zu einem besseren Ich zu führen. Meine Expertise? Eine anstrengende Kindheit, ein Migrationshintergrund, ein abgebrochenes Studium, viele unterschiedliche Jobs und ich war mal Entscheider. Für Insta müsste das reichen.

Nach einer Weile lege ich mein Handy zur Seite und ziehe mich in meine Komfortzone zurück. Diese Coachingzone auf Instagram war mir zu toxisch geworden. Meine unverbrauchte Restresilienz belohne ich jetzt mit einer zweiten Tasse Kaffee und ein paar Keksen. Während Zucker und Koffein für innere Harmonie sorgen, verspüre ich plötzlich Lust auf eine Massage. Buddha, Räucherstäbchen und Blumen wären vorhanden.

 


 

The Consultant

 

 

Boomer 1 – Regus Patoff (Christoph Waltz) ist ein Consultant, der in maroden Firmen plötzlich auftaucht, wo die Chefs gerade das Zeitliche gesegnet haben. Diesmal trifft es ein Studio, das Handyspiele entwickelt. Das Team, überwiegend Millennials (nach 1980 geboren) und Gen Z (nach 1996 geboren), spürt zum ersten Mal Angst, als der alte weiße Mann den Laden aufräumt. Ganz im Stil eines Boomers (vor 1964 geboren), definiert sich Patoff über seine Arbeit. Er ist autoritär, übergriffig und ein Workaholic: Er macht keine Gefangenen. Wie eine überreife Avocado zermatscht er die Work-Life-Balance. Das Erstaunliche ist, dass die jungen Leute mitmachen und sich um Büros und Posten prügeln. Christoph Waltz mit seinem Hans-Landa-Lächeln lässt jeden Feel-Good-Manager das Blut in den Adern gefrieren.

The Consultant – Verfügbar auf Amazon Prime

 


 

Der junge Mann

 

 

„Manchmal bemerkte ich, wie Frauen in meinem Alter seinen Blick einfangen wollten, die Logik dahinter, so dachte ich, war simpel: Wenn sie ihm gefällt, bevorzugt er ältere Frauen, warum also nicht auch mich? Sie kannten ihren Platz auf dem Partnermarkt, und dass eine Gleichaltrige dessen Regeln brach, machte ihnen Hoffnung und Mut.“ Die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux schreibt über ihre Affäre mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann. Eine Fünfzigjährige mit einem jugendlichen Liebhaber war damals wie heute ein Skandal und wird immer wieder von Männern und Frauen mit bösen Kommentaren bedacht. Warum nicht, denke ich mir, was ist das Problem? Fesselnd sind Ernauxs Beobachtungen. Sie erkennt in dem jungen Mann ihre eigenen prekären Wurzeln wieder. Als soziale Aufsteigerin genießt sie in dieser Beziehung auch ein wenig ihre wirtschaftliche und intellektuelle Macht.

Der junge Mann – Annie Ernaux, 48 Seiten, Suhrkamp

 


 

Exodus the North Star

 

 

"Gott sei Dank muss ich keine Trendvorschau schreiben. Ich habe Zeit, um über Dinge zu schreiben, die mir über den Weg laufen. Als ich meine Musikerkennungs-App Shazam durchwühlte, blieb ich bei einem sanften Reggae-Song hängen: 'On The Pisces Moon'. Yaya Bey und ihr Album habe ich im letzten Sommer komplett verpasst. Guter Mix aus Soul, Hip-Hop und Reggae. 'Schwarze Frauen bekommen generell wenig zurück, aber auf dem Album geht es vor allem um die Liebe, die Schwarze Frauen und Femme nicht bekommen', zitiert sie der WDR. Das macht sie sanft und schlau. Please listen!

Exodus the North Star– Yaya Bey verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

Everything Everywhere All at Once

 

 

Boomer 2 – Bei den letzten Oscars waren zwei weibliche Boomer die Stars: Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis. Von wegen Altersdiskriminierung! Yeoh spielt die überforderte Wäschereibesitzerin Evelyn, die gerade von einer fiesen Finanzbeamtin (Curtis) gequält wird. Ausgerechnet sie, die Ärger mit der Steuer und Schwierigkeiten in der eigenen Familie hat, soll die Welt retten. Es beginnt eine irre schnelle und bildgewaltige Jagd durch das Multiversum, in der tausende Evelyns leben. Für sie ein Schleudergang der Gefühle. Mal ist sie eine Bühnen-Diva, dann ein Stein in der Wüste. Ein Film, der versucht, die Gleichzeitigkeiten einzufangen. Mit viel Kung Fu, guten Dialogen, Witz und zwei tollen Schauspielerinnen gelingt ihm das sehr gut. 'We're All Small And Stupid', sagt Evelyn als Stein. Als ich den Streifen gesehen hatte, konnte ich dem nur zustimmen.

Everything Everywhere All at Once – Verfügbar auf Apple Plus, Amazon Prime und Wow

 


 

 Klar Denken Eine Anleitung

 

 

„Der Staat braucht mal wieder Geld!“, schimpfte der Mann, als in meinem Stadtteil das Anwohnerparken eingeführt wurde. „Irgendeiner muss ja die Inflation und den Krieg bezahlen!“ Der Mann sah sich darin bestätigt, dass er als Autofahrer alles finanzieren müsse. Der Mann unterlag einem Confirmation Bias, einen Bestätigungsfehler. Kognitive Denkverzerrungen machen wir alle, weil es einfacher ist, den eigenen Denkvorstellungen und auch Vorurteilen zu vertrauen, als sich anderen oder neuen Vorstellungen zu öffnen. Das Anwohnerparken wurde eingeführt, weil die Autofahrer, die in meinem Viertel leben, keine Lust mehr auf nervenaufreibende Parkplatzsuche haben. Tatsächlich wissen die Behörden sich nicht mehr anders zu helfen, denn öffentlicher Raum in einer Stadt wie Hamburg ist sehr knapp. Hier tobt ein Verteilungskampf. Hätte dieses Argument geholfen? Wahrscheinlich nicht. Hier setzt die Psychologieprofessorin Woo-kyoung Ahn an. In ihrem Buch erklärt sie anschaulich, wie Denkstrukturen funktionieren und wie sie uns in die Irre führen können.

Klar Denken Eine Anleitung – Woo-kyoung Ahn, 288 Seiten, Rowohlt

 

***

Danke, dass du dir Zeit genommen hast. Ich wünsche dir schöne Ostern. Genieße die freien Tage mit Familie und Freunden. Ich hoffe, du hast schönes Wetter. Wir sehen uns Anfang Mai wieder. Bis bald.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope

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