Knuths Lost & Found Juni 42

 

Der Urlaub steht vor der Tür. Ein simpler Stein unterbricht Knuths Vorbereitungen. Er weckt viele Erinnerungen an eine schöne Wandertour. Komischerweise lösen Urlaubsfotos bei ihm nicht die gleichen Gefühle aus. Macht das viele fotografieren in der schönsten Zeit des Jahres überhaupt Sinn, fragt sich Knuth. Wie jeden Monat in seinem Rückblick viele Tipps: Ein Politthriller mit starker Frau, Amüsantes über einen Gentleman und einen Mann, der seinen besten Kumpel verliert und cooler Clubsound aus New York.

#Souvenir

Juni 2023 – In meiner Hand hielt ich einen Miniberg. Es war ein grauer Stein, der aus meinem Wanderrucksack direkt vor meine Füße plumpste. Näher betrachtet war es ein schöner Gipfel mit einem schönen Bergrücken und vielen Hängen. Warum ich mir zusätzlichen Ballast in den Rucksack gepackt hatte, wusste ich nicht mehr. Als Miniberg schön, aber als Dekoteil hässlich. Und weil ich gerade im Loslassen-Modus bin, habe ich dem Stein die Freiheit geschenkt.

Wochen später faulenzte ich vorm Fernseher. Ich zappte mir eine Ladung Stumpfsinn in mich hinein und blieb im Männerkanal DMAX hängen. Dort schaute ich Goldsuchern bei der Arbeit zu. Harte bärtige Typen in Alaska, fernab der Menschheit, die in wilden Flüssen nach Gold schürfen. Sie erklärten, dass sie am Geröll am Ufer erkennen können, ob sich in der Nähe eine Goldader befindet. Es folgten viele Grafiken und noch mehr Informationen. Jungs-Basiswissen für Tresen und Meetings, wenn die Bundesliga Pause hat. Synchron googelte ich nach Goldwaschpfannen. In Hamburgs Bächen nach Gold zu suchen wäre vielleicht ein neues Hobby für mich. Es könnte sogar für ein wenig Fame in meiner Bubble sorgen: Knuth ist jetzt in seiner Freizeit Goldsucher. Gerade als ich mir ausmalte, wie ich aus der Alster Nuggets herausfischte, fiel es mir wieder ein, woher der Stein aus meinem Rucksack stammte.

Meine Gedanken kamen ins Rollen.

Es muss etwa 12 Jahre her sein - so lange schleppte ich den Stein mit mir rum, da war ich mit meinem Neffen Paul und seinen Eltern in Südtirol. Damals ging er gerade zur Vorschule und als guter Onkel wollte ich ihn die Wandertouren ein wenig spannender machen. Vor dem gemeinsamen Urlaub ging ich in ein Mineraliengeschäft und kaufte eine Tüte „Bruchmineralien“. Ein buntes Gemisch aus Glitzersteinen. In den Bergen spielten wir Schatzsucher. Während er suchte, verteilte ich die mitgebrachten „Edelsteine“. Als er sie fand war er und seine Eltern ganz überrascht, sie konnten gar nicht glauben, dass es so einfach war, Mineralien zu finden. Ich hatte meine diebische Freude über die geologischen Spekulationen der Erwachsenen, denn keinen hatte ich vorher in mein Vorhaben eingeweiht. Paul war sehr stolz auf seine Funde. Zum Dank schenkte er mir diesen Miniberg, der jetzt fernab der Dolomiten ein Leben in einem Hamburger Park fristet. Fast tat es mir leid, dass der Stein weg war. Obwohl es ein schöner Tag in den Bergen war, hatte ich den Stein über Jahre vergessen. Mit seinem Auftauchen kamen viele Erinnerungen zurück, die mein Hirn irgendwo abgelegt hatte.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an einige Urlaube nicht mehr erinnern. Beispielsweise schlug ich meiner Frau mal vor, als wir im Herbst auf Föhr waren, diese wunderbare Insel doch im nächsten Sommer zu besuchen. Ihr verblüffter Blick sagte alles: Trottel, wie konntest du bitte zwei Wochen Sommerurlaub auf Föhr mit mir bloß vergessen? Ich konnte mich auch nicht mehr daran erinnern, dass ich mal auf Mallorca gewandert bin. Meine Frau behauptete, es sei sehr schön gewesen. Bei mir ist da nur eine Lücke. Oder dass ich in Exter in der Kathedrale St. Peter war. Mir fiel es erst wieder ein, als ich mal eine Postkarte mit der Kathedrale als Motiv wiederfand. Ich glaube, ich war damals hingerissen, aber sicher bin ich mir nicht.

Häufig kommt die Erinnerung erst zurück, wenn ich mich durch meine Clouds voller Fotos wühle. Anders als mit dem Stein bin ich dann von den visuellen Erinnerungen nicht so überwältigt. Rückblickend waren meine Reisen alle schön. Wenn ich aber auf meinem iPhone durch die Alben flippe, sind meine Erinnerungen eher gedämpft. Noch gedämpfter sind sie, wenn mir Apple ungefragt eine Diashow mit einem Rückblick erstellt. Der Tech-Gigant gibt sich viel Mühe. Meine Urlaubsbilder werden mit Klavier- und Harfenmusik untermalt und zu einem Ich-Werbespot verdichtet. Es fühlt sich immer so an, als wäre ich der Held in einer Joghurtwerbung. Mein Dopamin-Ausstoß liegt dann ungefähr bei null, wenn ich Urlaubsbilder von mir betrachte. Eher registriere ich, dass ich auf den Bildern immer dick aussehe oder das ich nach 10 Jahren mal einen neuen Wanderhut gebrauchen könnte. Ich bin von den vielen Einzigartigkeitskampagnen von mir selbst und der gesamten Menschheit, die auf allen Kanälen auf mich hereinprasseln, komplett überfordert. Würde Apple mir ein Limit vorschlagen, dass ich nur noch 20 Bilder täglich in die Cloud laden dürfte, würde ich das glatt unterschreiben. Ich fotografiere und filme sowieso immer nur das Gleiche.

Die Rekonsolidierung meines Feriengedächtnis findet meisten eher zufällig statt und funktioniert in Episoden. Es sind die wenigen Goldadern zwischen meinem Gedächtnisgeröll. Sie glänzen aus der Ferne. Einmal abgerufen sind sie Goldwert.

 


 

 

Diplomatische Beziehungen

 

 

Die erfolgreiche Diplomatin Kate Wyler (Kerri Russell) wird auf Wunsch des US-Präsidenten und gegen ihren Willen nach London als Botschafterin versetzt. Mit im Gepäck dabei ihr Ehemann, der Starpolitiker Hal (Rufus Sewell), von dem sie sich trennen will. Glamour London ist nicht so ihr Ding, lieber würde sie in Kabul arbeiten und Frauen helfen, statt auf Sektempfängen zu lächeln. Wäre da nicht ein mysteriöser Anschlag auf einen britischen Flugzeugträger. Sie wittert Gefahr und will die Welt vor einer Katastrophe bewahren. Wenn das so einfach wäre. Ein Netz aus Lügen und Intrigen muss die Botschafterin entwirren. Und das ist nicht ganz ungefährlich. Guter Politthriller. Jede Folge ein Stück mehr Labyrinth. Irre.

Diplomatische Beziehungen – Verfügbar auf Netflix

 


 

Gentlemen über Bord

 

 

In Hamburg gibt es Familien, die den einen oder anderen Angehörigen beklagen, der über Bord ging, weil er sich zu übermütig über die Reling beugte oder vom Leben genug hatte. Beim wohlsituierten New Yorker Geschäftsmann Henry Preston Standish war das nicht der Fall, als er von S.S. Arabella kopfüber ins Meer fiel. Es war ein Missgeschick. Allein in den Weiten des Ozeans treibt er dem Sonnenuntergang entgegen, beobachtet Delfine und macht sich so Gedanken über sein Leben. „...Standish schloss seine Augen und hielt seinen Atem an. Nach allem, was er gelesen und gehört hatte, sah ein Ertrinkender sein ganzes Leben in der Rückschau vorüberziehen. Standish wartete geduldig darauf, dass etwas passierte, war aber nicht dazu in der Lage, ein einziges Ereignis aus seinem vergangenen Leben heraufzubeschwören. Es ärgerte ihn ein wenig, dass er im Rückblick nichts sah. Im Grunde war er ein normaler Mensch, und wenn andere normale Menschen Dinge im Rückblick sahen, dann wollte er das auch...“ Das ist mit Abstand der amüsanteste Roman über ein Unglück, den ich je gelesen habe. Ein literarischer Rettungsring, falls Langweile aufkommt.

Gentlemen über Bord – Herbert Clyde Lewis, 176 Seiten, Mare

 


 

With a Hammer

 

 

Wut kann manchmal äußerst fruchtbar sein. Während der Pandemie brach der gesamte aufgestaute Zorn der US-Sängerin und DJane Yaeji hervor, den sie seit ihrer Kindheit unterdrückt hatte. Besonders die Ausgrenzung in ihrer Kindheit belastete sie stark. Es war ein Gefühl von Trauer und Ärger. "Ich hatte immer das Gefühl, dass mich niemand wirklich verstanden hat", erklärte sie dem New York Magazin. Zum Glück hat sie einen Weg gefunden, ihre Wut in intensive Beats im Stil von Dub und Drum'n'Bass zu kanalisieren. Durch die Kombination mit ihrer kindlichen Stimme wird ihr Debütalbum zu einem wahren Hammer. Wut muss nicht immer laut und direkt sein - wenn sie als musikalischer Flow daherkommt, kann sie einem sogar einem den Tag retten.

With a Hammer – Yaeji, verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

The Banshees of Inisherin

 

 

Stell dir vor, deine beste Freundin oder bester Freund kündigt dir seine Freundschaft auf. Ohne Grund. Ohne Erklärung. Einfach so. Wahrscheinlich würdest du grübeln, ob du etwas Falsches gesagt oder getan hast. Jeder würde die Schuld erst einmal bei sich selbst suchen. Genau das widerfährt Pádraic Súilleabháin (Colin Farrell) auf der irischen Insel Inisherin, sein bester Kumpel Colm Doherty (Brendan Gleeson) hat kein Bock mehr auf Pádraic. Er ist ratlos und versucht alles, um Colm als Freund zu behalten. Es endet in einem schrägen Fiasko. Bis heute weiß ich nicht, ob der Film eine Tragödie oder Komödie ist. Die Figuren sind wunderbar, als hätte Charles Dickens sich jeden Charakter ausgedacht. Und Colin Farrell als Pádraic ist bemitleidenswert, dass ich ihm am liebsten auf den Schoß genommen hätte, um ihn zu trösten.

The Banshees of Inisherin – Verfügbar auf Apple TV und Disney

 


 

Italien in vollen Zügen

 

 

Meine stoische Art bei Bahnreisen habe ich mir bei Italiener abgeschaut, die immer nur mit Achselzucken reagieren und in das nächste Café verschwinden, wenn sich ein Zug verspätet. Für mich jedes Mal ein Glück, dort habe ich in manchen Bahnhofskaschemmen besser getrunken und gegessen als beim Edelitaliener in Eppendorf. Wer Italien kennenlernen will, sollte mit der Trenitalia fahren. Wer seine Mercedes- oder BMW-Burg zwischen Brenner und Palermo nicht verlassen möchte, den empfehle ich trotzdem Tim Parks lebendiges Buch, der selbst exotische Routen gefahren ist, die in keinem Fahrplan verzeichnet sind. Es sind witzige Anekdoten von Schaffnern, die sich wie Operetten-Generäle aufführen, über verstopfte Rolltreppen, Liebespaaren und amüsanten Passagieren. Ein herrlicher und tiefer Blick in die Seele eines Landes. Grazie mille!

Italien in vollen Zügen – Tim Parks, 336 Seiten, Kunstmann

 

 ***

Weiß du, was ich mir wünsche, dass du diesen Rückblick irgendwo unter einem schattigen Baum liest und du eine wunderbare Zeit hast. Danke für das Lesen. Ich hoffe, es hat dir gefallen. Wir sehen uns im August wieder. Liebe Grüße.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.


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