Knuths Lost & Found Januar 49

 

Erschrocken über die Remigrationspläne der AfD nahm Knuth an Demos teil. Er selbst hat Migrationshintergrund und wäre betroffen, wenn die Pläne umgesetzt würden. Es ist Zeit, sich für Demokratie und Vielfalt einzusetzen, findet er. Außerdem hat er in seinem Monatsrückblick wieder ein paar Tipps für dich parat: Anke Engelke in einer tollen Serie, ein überraschender Opern-Fund auf TikTok und ein Buch, das einem durch den Alltag hilft.

 #peoplepower

Januar 2022 – Freitagabend in der Hamburger Innenstadt. Es ist sehr ungemütlich. Das eisige Wetter lädt auch nicht zum Verweilen ein. Die wenigen Passanten wollen schnell nach Hause und ihren Feierabend genießen. Es weht von allen Seiten. Der Januarwind kann sich nicht entscheiden. Er ist aus jeder Richtung fies. Ich ziehe mich tief in meinem Mantel zurück. Es bringt nichts. Die Kälte kriecht durch alle Schichten Stoff.

Klar könnte ich mir auch etwas Besseres zum Wochenende vorstellen, als hier an einer Anti-AfD-Demo teilzunehmen. Aber es musste sein. Jetzt auf dem Sofa zu chillen und gemütlich eine Serie zu suchten, ist keine Option mehr für mich. Mit ein paar tausend Menschen teile ich meinen Zorn: Eine rechtsextreme Partei darf offen ihr Gift versprühen. Dafür schäme ich mich. Die Demonstranten werden laut, aber es bleibt friedlich, keiner schwenkt einen Galgen. Dass an den nächsten Wochenenden hunderttausende Menschen sich dem Protest gegen die AfD anschließen, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. 

Die Empörung ist groß in Deutschland, seit die Details über ein Geheimtreffen von AfD-Politikern und Rechtsradikalen in einem Hotel bei Potsdam bekannt geworden sind. Hier wurde ein Masterplan zur Remigration, also der Rückführung von Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsbiografie, vorgestellt. Es würde mich und meine Geschwister, viele Freunde, Kollegen und Kolleginnen treffen. Nach den Vorstellungen der AfD müsste ich meine deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben. Ich wäre dann wieder staatenlos.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende kam ich 1965 unehelich in Hamburg auf die Welt. Nach einer langen Odyssee blieb mein Vater, ein chinesischer Schiffskoch, in Hamburg hängen, weil er sich in meine Mutter verliebte. Die Liebe hielt nicht lange. Nach meiner Geburt trennten sich die beiden. Mein Vater verschwand aus meinem Leben und tauchte erst Jahre später wieder auf. Keine ungewöhnliche Paargeschichte. Jeder von uns kennt ähnliche Geschichten. Meine Mutter lernte einen neuen Mann kennen, der aus der Türkei kam und den sie auch heiratete.

Als uneheliches Kind eines Chinesen, dessen deutsche Mutter mit einem Türken verheiratet war, hatte ich keinen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Warum verstehe ich bis heute nicht. Trotzdem wurde meine Mutter regelmäßig bei den Behörden vorstellig. Immer wieder wurde unser Anliegen abgelehnt. Mein ungewöhnliches Schicksal überforderte jeden deutschen Beamten. So blieb ich ein Kind ohne Land und Rechte. Sobald sich eine Gelegenheit ergab, versuchte es meine Mutter wieder. Gemeinsam gingen wir zu den Ämtern in der Hoffnung, dass irgendein Beamter Erbarmen zeigte. Aber die meisten hatten kein Einsehen oder keine Lust uns zu helfen. Blut und Boden waren ihnen heilig. Was die Männer in den Amtsstuben über meine Mutter dachten, war ihr egal. Die Feindseligkeit und Arroganz, mit der sie behandelt wurde, perlten an ihr ab, wie Regentropfen auf einer Regenjacke. Ihre Unerschrockenheit hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Die Jahre vergingen. Langsam verflog der feldgraue Muff. Mit etwa 14 Jahren unternahmen wir einen weiteren Anlauf. Zusammen fuhren wir eines Tages zu unserem Ortsamt, weil ich für eine Klassenreise einen Kinderausweis brauchte. Ohne den Pass hätte ich nicht mitfahren können. Ein Beamter prüfte meine Akte. Er schüttelte den Kopf. „So ein Blödsinn. Der Junge braucht einen Pass. Du bist doch Deutscher und sollst doch mit auf die Reise. Was sollen deine Klassenkameraden von dir denken.“ Meine Mutter fiel ein Stein vom Herzen, weil sie wusste, wie wichtig eine Staatsangehörigkeit für mich war. Er nahm meine Passbilder und stellte mir einen Pass aus. Innerhalb weniger Minuten wurde ich Deutscher, ohne feierliche Zeremonie mit Bürgermeister, Urkunde, Sekt und schwarz-rot-goldenen Reden. Als ich meinen deutschen Pass endlich in den Händen hielt, konnte ich mein Glück kaum fassen. Zur Sicherheit fotokopierten wir den Pass paarmal, falls ich den Pass mal verlieren sollte. Wir blieben misstrauisch.

Deutschland ist mein Zuhause. Es ist kein perfektes Land. Aber gibt es überhaupt das perfekte Land? Es macht viele Fehler, ist voller Widersprüche und hat eine Menge Probleme. Als Bürger sehe ich meine Republik kritisch. Ein ganzes Wikipedia könnte ich vollschreiben, was mir nicht gefällt. Aber ich könnte auch ein ganzes Wikipedia vollschreiben, was mich alles an diesem Land begeistert. Ich bin dankbar, dass ich hier leben kann, weil es eine Demokratie hat, für die es sich lohnt, auf die Straße zu gehen.

Weg mit Ausländern. Weg mit Frauenrechten. Weg mit Juden. Weg mit Naturschutz. Weg mit der EU. Weg mit E-Mobilität. Weg mit dem Euro. Weg mit dem öffentlichen-rechtlichen Rundfunk. Weg mit Wissenschaft. Weg mit Journalisten. Weg mit Veganern. Weg mit Impfstoffen. Weg mit Klimaschutz. Weg mit Schwulen und Lesben. Weg mit Sozialschwachen. Weg mit Freiheit. Weg mit Gleichheit. Weg mit Vielfalt und Fortschritt. Die AfD kennt nur eine Lösung: Weg damit!

Wollen wir das? Ich nicht. Ich bleibe. Ich geh nicht weg.

Es steht für uns viel auf dem Spiel. Wir können jetzt beweisen, dass wir es besser machen als unsere Urgroßeltern. Keiner soll später sagen, er hätte nichts gewusst. Keiner.

Die AfD ist wie ein eisiger Winterwind, der durch alle Schichten geht. Er lässt Herz und Verstand gefrieren. Wir dürfen jetzt nicht erstarren. Kein Frühling wird uns später helfen können. Lasst es nicht so weit kommen. Wehrt euch.

 


 

Eingeschlossene Gesellschaft

 

 

Anke Engelke 1 – „Ich hasse die Jugend nicht. Ich kann sie nur nicht ausstehen“, sagt die Lehrerin Heidi Lohmann (Anke Engelke - großartig), die zusammen mit ein paar Kollegen und Kolleginnen in einem Lehrerzimmer als Geisel genommen wurde, weil der Geiselnehmer, ein verzweifelter Vater, das Kollegium dazu zwingen will, dass sein Sohn zum Abi zugelassen wird. Wunderbares Kammerstück über unsere Leistungsgesellschaft und ihre Schulen. Es kam mir fast so vor, als würde ich einige der Lehrer selbst kennen. Ich hatte ein paar Déjà-vus, weil die Heidi-Lohmanns dieser Welt haben mich seit der ersten Klasse begleitet. Gut, dass ich jetzt über sie lachen kann, obwohl meine Schulzeit mit wenigen Ausnahmen die schlimmsten Jahre meiner Kindheit und Jugend waren.

Eingeschlossene Gesellschaft, verfügbar auf Netflix

 

 


 

Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Liebsten würden es lesen...

 

 

In einer Zeit, wo Menschen mehr auf das Gefühl setzen als auf den Verstand, ist das Buch von Philippa Perry eine wohltuende Lektüre. Die Psychotherapeutin gibt Ratschläge, wie du dauerhafte Beziehungen aufbaust, Privatleben und Beruf bewältigst oder Erfüllung und Lebenssinn findest. Es ist gut verständlich geschrieben. Kein Coaching-Gib-Nicht-Auf-Gefühlstrübsinn-Buch, sondern ein kluger Ratgeber mit Beispielen, der konkrete Tipps gibt. Also, wenn der nächste Liebeskummer oder Krach im Job ansteht, solltest du lieber hier einmal kurz reinschauen. Es könnte dir weiterhelfen.

Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Liebsten würden es lesen, Philippa Perry, Ullstein, 240 Seiten

 


 

Ombra Compagna-Mozart Concert Arias

 

 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Koloratursopranistin Lisette Oropesa jetzt erst entdeckt habe, nicht auf ARTE, sondern auf TikTok. Da tanzt sie unbeschwert fröhlich in einer Händel-Probe. Ich wurde neugierig und bin ganz verzaubert. Über ihre Stimme schrieb die Zürcher Zeitung: „Weich geführt und hat dennoch Kern, klingt delikat und rund zugleich, agil und edel und nicht zuletzt einfach faszinierend schön: reich schillernd und manchmal leicht verhangen, wie von einem melancholischen Schatten umflort.“ Dem kann ich nichts hinzufügen. Für Oropesa-Einsteiger empfehle ich ihr Ombra Compagna-Mozart Concert Arias Album. So schön.

Ombra Compagna-Mozart Concert Aria, verfügbar auf Apple Music und Spotify

 

 


 

Deutsches Haus

 

 

Anke Engelke 2 - Frankfurt 1963: Die junge Polnisch-Dolmetscherin für Wirtschaft, Eva Bruhns (Katharina Stark), übersetzt im Auschwitz-Prozess und muss erleben, wie Deutschland 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einem tiefen Verdrängungs-Tiefschlaf gefallen ist. Keiner kann sich an den Holocaust erinnern oder mag nicht darüber sprechen. Konfrontiert mit den Aussagen der Zeugen und der Arroganz der Täter kommt sie ihrer eigenen Familienvergangenheit auf die Schliche, das wiederum gefällt ihrer Mutter (Anke Engelke) nicht. Sie versucht alles, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Eine starke Serie mit vielen starken Schauspielerinnen und Schauspielern, die aufgrund der aktuellen Situation in Deutschland im Grunde genommen ins Free-TV gehört.

Deutsche Haus, jetzt verfügbar auf Disney+

 


 

Stories

 

 

Die Hölle sind immer die anderen. Wer würde schon gern zugeben, dass es bei einem persönlich nicht so gut läuft oder sein Leben einem Fegefeuer gleicht. Die US-Schriftstellerin Joy Williams entgeht so etwas nicht und schaut den Menschen dabei zu, wie sie versuchen, vom Leben nicht verschüttet zu werden. Die kleinen tragikomischen Kurzgeschichten sind einfach geschrieben und fein arrangiert. Ich mag diese minimalistische Hingabe.

Stories, Joy Williams, DTV, 304 Seiten

 

*** 

An den Januar 2024 werde ich noch lange zurückdenken. Vielleicht sind die Menschen doch nicht so schlecht, wie ich immer vermute habe. Sie gehen auf die Straße. Ich bin nicht alleine. Vielen Dank für deine Geduld und Zeit. Wir sehen uns im Februar wieder.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 


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