Knuths Lost & Found Januar 37

 

Knuth ist von Prinz Harrys Buch „Reserve“ so begeistert, dass er ihm gleich einen Brief schrieb. Warum er das Buch für gute Literatur hält und weshalb es jeder lesen sollte, erfahrt ihr in seinem neuen Monatsrückblick Lost & Found. Mit dabei zwei Wutfrauen, fragile Musik und ein tolles Laufbuch für Frauen mit vielen Tipps. Viel Spaß beim Lesen.

 

#Invictus

Januar 2023

Lieber Harry,

vor ein paar Jahren saß ich mit meinem Bruder zusammen. Wir besuchten beide unsere Mutter im Krankenhaus und nutzten die Gelegenheit, um uns auszusprechen. Wir saßen lange in einem Imbiss zusammen und quatschen über unsere Familienverhältnisse. Wie bei dir sind sie kompliziert. Es war ein schönes und herzliches Gespräch, das ich noch lange in Erinnerung behalten werde. Mein Bruder wünschte sich damals eine normale Familie, aber ich musste innerlich schmunzeln, weil ich keine Familie als normal bezeichnen würde. Jede Familie hat ihre eigenen Probleme, Verletzungen, Ungerechtigkeiten und Geheimnisse, die sie ohne jeden Skrupel an die nächste Generation weitergibt. Als Beispiel nannte ich ihm deine Familie, die Windsors. Mein Eindruck ist, dass es bei euch zu Hause wie im Dschungelcamp zu geht, nur mit dem Unterschied, dass ihr Tweed tragt, Fasane schießt und freundlich vom Balkon winkt.

Deine Geschichte hat mich nicht besonders interessiert, weil ich dachte, dass ich schon alles über dich und deine Familie weiß. In den letzten Jahrzehnten konnte ich den Windsors nicht entkommen. Überall auf Meetings, beim Bäcker, am Strand oder beim Frühstück, lauerte mir deine Familie auf. Ich habe mir dein Buch gekauft, weil mich das Handwerk deines Ghostwriters J.R. Moehringer interessierte.

Nichts wusste ich von deinem Leben.

Weißt du Harry, wann Memoiren richtig gut sind? Wenn sie wie ein Roman funktionieren. Kein Schriftsteller hätte sich deine Geschichte ausdenken können. Dein Buch „Reserve“ ist richtig gut. Danke.

Beim Lesen hatte ich fast den Eindruck, dass du in einer Sekte und nicht in einer Familie aufgewachsen bist, einer Sekte mit Regeln, die noch aus Zeiten Heinrichs des Achten stammen könnten, außer dass sie heute auf Fallbeil und Kerker verzichten. Beispielsweise das Blooding-Ritual, das du über dich ergehen lassen hast, als du deinen ersten Hirsch erlegt hast. Der Jagdaufseher schlitze das Tier auf, nahm deinen Kopf und steckte ihn in den Bauch. Du warst sehr erschrocken und hast gekotzt. Oder dass du als erwachsener Mann deine Großmutter erst um Erlaubnis fragen musstest, ob du heiraten darfst.

Und dann ist da noch dein Vater. Warum hat er nie verstanden, dass der tragische Unfall deiner Mutter ein großer Schock für dich und deinen Bruder war? Warum konnte er nicht verhindern, dass ihr beiden nach ihrem Tod Öffentlichkeitsarbeit leisten musstet? Ihr hättet dringend psychologische Hilfe und Ruhe gebraucht. Vor den vielen Tausend feuchten Händen, die du schütteln musstest, graut es dir immer noch. Aber war dein Vater überhaupt in der Lage, seinem „Darlingboy“ zu helfen, einem Mann, der selbst eine harte Erziehung hatte und in einem Eliteinternat aufgewachsen ist, wo er gemobbt wurde.

Hast du schon einmal vom Internatssyndrom gehört? Darunter leiden viele Männer auf deiner Insel, die ein Eliteinternat besucht haben. Dort ist die Brutalisierung die Erziehungsmethode, um ein richtiger Brite zu werden und Elite-Denken zu fördern. Englische Psychologen berichten, dass „Internatsüberlebende“, die als Patienten bei ihnen landen, an sozialen Unzulänglichkeiten, emotionale Unreife, Selbstüberschätzung und fragwürdigen Wertvorstellungen leiden. Möglicherweise könnte das ein Grund sein, warum die Männer in deiner Familie ein Problem mit dir haben. Sie kennen es nicht anders. Dagegen hast du dich als Mr. Wales im Internat nicht verbiegen lassen. Du hast Joints geraucht, Blödsinn gemacht, den Unterricht doof gefunden und wolltest lieber das Leben bei den Hörnern packen. Deinem Geschichtslehrer hast du auch wissen lassen, dass du dich einen Scheiß für deine Vorfahren interessierst.

Eine kaputte Familie ist das eine, aber das andere ist, dass du seit deiner Geburt unter Beobachtung stehst. Ein Leben wie im Kinofilm „Die Truman Show". Die Boulevardpresse stellt dir Meghan und deinen Kindern täglich nach, am liebsten würden sie euch Apple AirTags einpflanzen, damit sie immer wissen, wo ihr seid. Es muss schrecklich müde machen, wenn du in jedem iPhone eine Gefahr siehst. Ganz ehrlich Harry, ich hätte das alles nicht geschafft. Ich wäre vor die Hunde gegangen, dass du nicht bekloppt oder drogenabhängig geworden bist, wundert mich.

Weiß du, was mich am meisten beeindruckt hat? Das ist deine Offenheit, wie du über dein Trauma sprichst: den Tod deiner Mutter. Erst mithilfe einer Therapeutin konntest du deine Trauer verarbeiten. Anders als auf ihrer Beerdigung hast du hier geweint. Mit Tränen erwachte wieder dein Gedächtnis und gab dir deine Kindheit mit ihr wieder zurück. Das war spannend zu lesen. Das war bestimmt kein einfacher Schritt. Respekt. Damit machst du vielen Menschen Mut, sich ebenfalls professionelle psychologische Hilfe zu suchen oder sie anzunehmen.

Ein Abschnitt im Buch trägt eine Zeile aus dem Gedicht Invictus (Unbezwungen) von William Ernest Henley, dort heißt es in der letzten Strophe:

Egal, wie schmal das Tor, wie groß,

wieviel Bestrafung ich auch zähl.

Ich bin der Meister meines Los’.

Ich bin der Käpt’n meiner Seel.

Du bist jetzt der Käpt’n deiner Seel. Kein Sturm kann dich mehr schrecken. Der royale Mahlstrom hat dich nicht verschlungen. Du bist jetzt Harry. Ein Mann, der nach der Rolle in seinem Leben sucht. Vielleicht solltest du jetzt als Prinz und ehemaliger Kampfpilot einen Resilienz-Ratgeber schreiben, der den Titel trägt: Wie du ein Königreich und eine Familie überlebst.

Viel Glück Harry. Bleib weiter auf Kurs.

Liebe Grüße

Knuth

 

 


 

 

Wednesday

 

 

Wütende Frau Teil 1 - Gott stellt mir die Frage: „Knuth möchtest du mit Wednesday Adams oder mit Emily aus Paris auf einer einsamen Insel leben wollen?“ Ich würde mich sofort für Wednesday Adams entscheiden. Warum? Weil die Frau Bücher liest, Cello spielt, Gedichte schreibt, wortkarg ist, muffig guckt, intelligent ist, Insekten sammelt und eine große Portion Sarkasmus besitzt. Außerdem hat sie einen Style, der den Begriff Mode auch wirklich verdient. Empowerment, was willst du mehr. So eine neo-liberale iPhone-Göre wie Emily würde mich auf die Palme bringen. Es liegt daran, dass ich Griesgrame in Filmen mag. Wer dafür auch ein Herz hat, darf die Serie nicht verpassen.

Wednesday – Verfügbar auf Netflix

 

 


 

 

Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten

 

 

Noch ein Engländer in Lost & Found: William Beckford ein englischer und vermögender Exzentriker, beschließt 1780 eine Bildungsreise nach Italien zu unternehmen. Statt einer gemütlichen Schiffspassage wählt er den anstrengenden Landweg über Holland, Deutschland und Österreich. Seinen Reisebericht verfasste er in Form von fiktiven Briefen. Er bewunderte Orte, die ich über zweihundert Jahre später auch toll fand. Die Eigenarten der Hotels, Wirtshäuser, Landschaften, Kunstwerke und Menschen kommen nicht zu kurz. Tolles Reisebuch. Es löste bei mir Fernweh aus, auch ich würde gerne mal wieder in Florenz in den Boboli-Garten unter Zypressen lustwandeln - ein Buch sagt mehr als 1000 Instagramfeeds.

Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten – William Beckford, 352 Seiten, Aufbau Verlage

 


 

 

12

 Der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto (Der letzte Kaiser) steht für eine moderne und klassische poetische Musik. In seinem neusten Album stellt er 12 Stücke vor, die mehr Klangskizzen sind. Er schrieb sie 2021 nach einer schweren Krebsoperation. Sakamotos Auswahl von Lieblingsskizzen, die jeweils nach dem Datum ihrer Komposition benannt sind, zeichnet die Stadien seiner Genesung nach. Es klingt alles sehr intim. Seine Musik erzählt von Zerbrechlichkeit des Lebens. Das schafft er ganz ohne Worte.

12 – Ryuichi Sakamoto, verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

Totenfrau

 

 

Wütende Frau Teil 2 – Die Bestattungsunternehmerin Brünhilde Blum (Anna Maria Mühe) kennt kein Pardon, wenn sie Menschen hasst. Das müssen die Männer erfahren, die ihren Ehemann, einen Polizisten auf dem Gewissen haben. Er war kurz davor, einen Mädchenhändler-Ring auffliegen zu lassen. Das halbe Alpendorf und ein mächtiges Seilbahnunternehmen sind darin verwickelt. Brünhilde ist zurecht sauer. Die auf dem gleichnamigen Roman von Bernhard Aichner basierende sechsteilige Thrillerserie „Totenfrau“ mag ich. Endlich mal eine Frau im Rachemodus. Aber Achtung, nichts für zarte Nerven. Die Frau geht richtig zur Sache.

Totenfrau – Verfügbar auf Netflix

 


 

Sorry, war noch kurz laufen

 

 

Laufen sollte kein Gender kennen. Ist aber nicht so. In der Laufszene hatten die Jungs lange Zeit das Sagen. Marathon durften Frauen nicht immer laufen. Erst 1984 wurde die Strecke über 42 Kilometer für Frauen olympisch. Das feministische Sachbuch von Nicole Blatt ist schön illustriert und bietet viel Informationen. Es ist jetzt kein Laufbuch, dass zu höher, weiter und länger motivieren will oder schweißfeste Make-up Tipps anbietet. Es möchte Frauen den Spaß am Laufen vermitteln. Wer Lust auf stressfreies Laufen hat, sollte sich das Buch gönnen. Viele gute Tipps für Frauen, von denen Männer auch noch etwas lernen können.

Sorry, war noch kurz laufen – Nicole Blatt, 176 Seiten, Ankerwechsel Verlag

 

*** 

Der Januar hatte es in sich und ich merke gerade, dass ich gerne noch etwas länger Urlaub gehabt hätte. Ich hoffe, du bist gut in das neue Jahr gekommen. Danke, dass du dir ein wenig Zeit genommen hast. Ich freue mich auf weitere Monate Lost & Found. Wir sehen uns im Februar. Bis bald.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 

 

 

 

 

 


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