Knuths Lost & Found August 44

 

Auszeit: Knuth war in seinem Urlaub wieder in den Bergen wandern. Hin und hergerissen zwischen Reden und Schweigen, versucht er das Überangebot an Natur zu kompensieren. Weitere Entdeckungen in seinem Monatsrückblick "Lost & Found": die Autorin Rachel Cusk, für Wham-Fans eine Doku mit vielen Details und eine spannende Psycho-Serie.

 

#runnigupthehill

 

August 2023 – Stille. Kurzer Blick. Mit dem Augenlid freundlich nicken. Eine Kunst. Kein Innehalten. Für eine Sekunde waren wir Brüder. Ich ging rauf zum Gipfel. Er stieg runter ins Tal. Wir hatten beide keine Worte für den anderen übrig. Die Welt war gerade dabei, uns zu überwältigen. In diesem Moment bevorzugten wir beide das Schweigen. Für das Entgegenkommen war ich dankbar.

Wenn ich mit meiner Frau in den Bergen unterwegs bin, dann fällt mir auf, dass wir zwei Stimmungsphasen haben, während wir gehen, entweder schweigen wir oder wir sind sehr mitteilsam. Wir quatschen über Kühe, den Job, die blühende Alpenrose, den nächsten Urlaub, Almbauern, die Familie oder das Wetter. Ein paar Augenblicke später gehen wir schweigend nebeneinanderher. Jeder für sich in sich gekehrt. Es können Minuten vergehen, bis wir wieder miteinander sprechen.

Wenn ich dann schweige, geht es mir nicht um Wahrhaftigkeit. Ich bin kein Sinngänger. Ich mag auch nichts in mir nachspüren, und vor etwas flüchten muss ich auch nicht. Es ist eher ein Verlieren in sich selbst. In solchen Schweigemarschmomenten träume ich so vor mich hin, als sei ich ein Kind, das auf dem Weg zur Schule trödelt, dabei die Zeit vergisst und fern in einer anderen Welt Abenteuer zu bestehen hat. Ein freundliches „Grüß Gott“ von Wanderern kommt mir dann wie eine nächtliche Ruhestörung vor. In dieser Situation bin ich tatsächlich ein Grumpy-Old-Man. Wenn ich dann schweigend mit meiner Frau auf einer Hütte verweile und im Kaiserschmarrn-Trubel still in meiner Frittatensuppe herumrühre, kann ich mir gut vorstellen, dass die anderen Gäste meine Frau bedauern, dass sie so einen muffigen Typen als Mann hat. Dabei bin ich von allem entzückt und sprachlos.

Ich kann mich noch an eine Winterwanderung erinnern, wo uns die Wirtin neben einem wortlosen Ehepaar platzierte. Meiner Frau und mir war das Paar egal. Wir waren damals froh, dass wir einen Platz bekommen hatten, weil wir hungrig und durchgefroren waren. Mein Eindruck war, dass sie sich mit den Jahren auseinandergelebt hatten. Aber aus irgendeinem Grund kamen wir ins Gespräch. Es war nicht das Ehepaar, dass sich mit den Jahren auseinandergelebt hatte. Ich hatte mich geirrt. Sie hatten einfach keine Kraft mehr zu reden, weil sie über die Jahre ihre zwei behinderten Töchter aufopferungsvoll pflegten. Es war ihr erster Urlaub ohne ihre Kinder. Sie waren müde vom vielen Kümmern und sie genossen die Normalität. Still sein bedeutet manchmal nur, dass alles schon gesagt worden ist und es keine weiteren Worte bedarf.

Letztes Jahr traf ich in Südtirol ein Ehepaar, das genau das Gegenteil davon war. Es war ein sehr heißer Tag. Meine Frau und ich vermissten die Sommerfrische. Nach einer anstrengenden Passage rasteten wir an einer kleinen Bergkapelle, die unter schattigen Bäumen lag. Seit unserem Aufbruch am Morgen hatten wir keine Menschenseele getroffen. Obwohl es Hauptsaison war, waren wir die ganze Zeit alleine. Wir genossen unsere Vesper und die Aussicht auf die Berge, als plötzlich ein älteres Ehepaar auftauchte. Die beiden waren sichtlich froh, jemanden zu treffen. Neugierig, wie sie waren, begannen sie sofort mit dem Verhör. Dabei bedienten sie sich eines raffinierten Tricks, der selbst bei gewieften wortscheuen Menschen aus dem Norden verfängt: Sie erzählten uns alles aus ihrem Leben.

Das führte unweigerlich dazu, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam, weil ich ihnen jetzt eine Geschichte schuldete. Also erzählte ich meiner Zufallsbegegnung auch alles. Sie haben für dich die Hosen heruntergelassen, jetzt musst du ebenfalls deine Hosen herunterlassen, dachte ich. Daraus entwickelte sich eine ausgelassene Unterhaltung, die länger dauerte als eine Berg- und Talfahrt auf die Zugspitze. Als alles gegenseitig erzählt war, gingen wir auseinander. Hinterher fühlte ich mich nackter als bei einem Strandurlaub. Und immer, wenn ich von dieser Wanderung berichte, kann es schon vorkommen, dass ich mich nicht an den Namen des Ortes erinnern kann und dann meine Frau frage: „Wie hieß noch mal das Tal, wo wir dieses Ehepaar aus Österreich getroffen haben, wo der Mann jetzt Rentner ist, der mal Tischler war, Hamburg kennt, aber jetzt kein Holzgeruch mehr mag und seine Frau, die bei einem Arzt arbeitet, wo der Supermarkt so teuer ist, deren Straße überlastet ist und eine Nichte in Hamburg hat, die hier Medizin studiert?“

Euphorie und Entrücktheit lösen sich beim Wandern bei mir immer wieder ab. Es gibt keine genaue Grenze oder Regeln - es passiert einfach. Ich weiß nicht, woher das kommt. Ob es die Höhenluft, die Berge oder das viele Cholesterin auf den Almen ist, das ich zu mir nehme, aber es folgt einer geheimen Komposition. Entschlüsseln konnte ich sie noch nicht, aber im Gegensatz zu meiner Hamburger Kakofonie ist sie eine Wohltat.

 


 

 

The Crowded Room

 

 

"Du kannst Menschen immer nur bis vor den Kopf gucken", ist eine Weisheit meiner Mutter. Was in einem Menschen vorgeht, können wir nicht nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Top-Psychologin Rya Goodwin (Amanda Seyfried) geht es ähnlich. Sie kommt langsam hinter das Geheimnis des introvertierten Danny Sullivan. Der nach einer Schießerei am Rockefeller Center verhaftet wird. Nach drei Folgen glaubte ich, dass alles klar ist, aber dann begann ein raffiniertes Psychospiel. Danny wurde mir immer unheimlicher. Die Serie ist keine Fiktion, der Fall basiert auf dem Fall des Serienmörders William Milligan, und der hatte einen richtigen Sprung in der Schüssel. Meine Mutter hat recht, man kann Menschen nur bis vor den Kopf gucken. Was da drin passiert, kann einem schon Angst machen, egal, ob sie immer nett grüßen oder regelmäßig die Hecke schneiden.

The Crowded Room – verfügbar auf Apple TV

 


 

 

Coventry

 

 

„Der älteste Kniff aus der Trickkiste des Sexismus ist das weibliche Bedürfnis, Kontrolle über die Kinder auszuüben. Im sentimentalen Narzissmus der Mutterschaft erkannte ich eine Bedrohung jener Unvoreingenommenheit, die ich als Autorin so wertschätzte. Doch es war nicht Kontrolle über die Kinder, nach der ich mich sehnte. Es war etwas Subtileres - Prestige. Jenes Prestige, mit dem die Mutter dafür belohnt wird, dass sie ihren Nachwuchs erträgt. Bei uns ging dieses Prestige an meinen Mann.“ Rachel Cusks Selbstreflexionen kommen mir so vor, als würde sie sich selbst in kurzen Hosen durch ein Brennnesselfeld jagen. Ob Autofahren oder Einrichten, in ihren Essays kommt sie sich selbst auf die Schliche und macht vor nichts Halt. Ich habe das Buch während meines Urlaubs verschlungen.

Coventry – Rachel Cusk, 160 Seiten, Suhrkamp

 


 

 My Big Day

 

 

Endlich ein neues Album der britischen Indie-Band Bombay Bicycle Club. Als ich vor ein paar Jahren mich entschied, ein Leben als Millennial zu führen, was nicht funktionierte, weil ich als Mitglied der Generation X nicht den protestantischen Ernst der Hipster habe, war der Bombay Bicycle Club meine Leitmusik. Die Musik brachte mich fast dazu, dass ich mir eine kleine Eistüte auf meine Ferse tätowieren lassen wollte. Die ersten drei Songs, die vorab veröffentlicht wurden, sind super. „My Big Day“ hat das Zeug für einen Hit. Das komplette Album kommt am 20. Oktober raus. Ich freue mich. Indie Sound, wie ich ihn liebe.

My Big Day– Bombay Bicycle Club – verfügbar auf Apple Music und Spotify

 


 

Wham!

 

 

Eine Edwin-Jeans besaß ich bereits, deren Hosenbeine ich hochkrempelte und zu der ich rosa Espadrilles trug. Mir fehlte nur noch das Slogan-T-Shirt mit den Worten "Choose Life" darauf. Gab es 1983 in ganz Hamburg nicht. Schuld an meinem T-Shirt-Wunsch war ein gewisser Georgios Kyriacos Panayiotou, heute besser bekannt als George Michael, und sein Kumpel Andrew Ridgeley von Wham. An diese Episode musste ich denken, als ich die wunderbare Dokumentation über Wham angeschaut habe. Wie die beiden im Kinderzimmer ihre ersten Hits wie "Bad Boys" oder "Young Guns" einspielten, fand ich schon sehr interessant. Ein unterhaltsamer Flashback mit vielen Anekdoten, der bei mir Wirkung zeigte, weil ich gleich nach dem Ende ins Web ging und nachschaute, ob es das Shirt von Katherine Hamnett noch gibt. Es ist immer noch zu haben. Mittlerweile ein Klassiker. Leider war es ausverkauft. Manche Dinge wollen mir nicht gelingen. Ich bleibe dran.

Wham! – verfügbar auf Netflix

 


 

Hunger

 

 

Da stand ich nun Munchs „Der Schrei“ gegenüber und zählte die Menschen, die vor dem Bild Selfies machten. Eine Trophäe für jeden Instagram-Account. Da fiel mir ein, dass ich zu Hause auf einem Bücherhaufen noch Knut Hamsuns Hunger liegen hatte. Dieses Buch wurde 1890 veröffentlicht und ist immer noch eine Mutprobe für Leser, weil es kein einfacher Text ist. Aber wie Astrid Lindgren fand ich ihn auch komisch und irre. Der Icherzähler, ein armer Autor, beschreibt sehr detailliert seinen körperlichen und seelischen Verfall in dem norwegischen Christiania, dem heutigen Oslo. Im Hungerwahn erzählt er fremden Menschen die wildesten Geschichten und macht lauter verrückte Sachen, die er, wenn er mal einen klaren Gedanken hat, sich selbst nicht mehr erklären kann. Sehr dynamisch und mitreißend.

Hunger – Knut Hamsun, 256 Seiten, Manesse

 

***

Danke für deine Zeit. Ich hoffe, du hattest oder hast noch einen schönen Urlaub. Ich genieße jetzt die Reste vom Sommer, der hier in Hamburg sehr wechselhaft ist. Morgens Oktober und ab Mittag August. Wir sehen uns im September. Bis bald.

 


 

 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.


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