Knuths Lost & Found April 40

 

Seit Jahren macht SoSUE Mann Knuth ständig Frühjahrsputz, dabei geht es nicht nur um das Saubermachen. Er hat Höheres im Sinn. Er will sich von Ballast und unnützem Kram befreien, den er schon seit Jahren mit sich herumschleppt. Als Rentner will er kaum noch etwas besitzen. Zusätzlich in seinem Monatsrückblick: Eine zärtliche Serie über die Liebe, ein Buch über den stummen Frühling und warum das neue Album von "Everything but the Girl" ein Glück für uns ist.

 

#Carbagedays

April 2023 – Sie trug ein riesiges Brillengestell, als müsste es ihren ganzen zarten Körper aufrecht halten. Hinter den dicken Gläsern waren zwei freche, knapp hundert Jahre alte Augen. Ich brauche nicht zu brüllen, sagte die kleine grauhaarige Dame streng, sie sei zwar fast blind, aber ihre Ohren würden noch funktionieren. Ich war ihr Zivi für diesen Tag und sollte sie zu Arztbesuchen begleiten. Sie führte mich durch ihre leere Wohnung. An den Wänden waren nur noch die Umrisse von Möbeln zu sehen. Sie habe alles verschenkt. "Ich gebe alles an meine Zivis. Möbel, Bilder, Vasen oder Bücher. Meine Kinder sind Idioten. Wenn ich tot bin, werfen die alles auf den Müll. Sie schätzen meine Sachen nicht." Das Wenige, was sie noch besaß, verteilte sich auf ein kleines Zimmer, Küche und Bad. Sie lebte sehr spartanisch, fast wie eine Nonne. Es wurde ein schöner Tag mit viel Kaffee und Kuchen. Zum Abschied gab sie mir ein paar Bücher mit. Sie war froh, dass sie jemanden dafür gefunden hatte.

Mit Anfang fünfzig musste ich immer wieder an die alte Frau in ihrer leeren Wohnung denken, wie sie auf ihrem Bett hockte und mit einer riesigen Lupe zufrieden Bücher las. So wollte ich auch später leben.

Damals begann ich mit meinem Frühjahrsputz, der mit Unterbrechungen jetzt schon ein paar Jahre anhält. Es kam immer etwas dazwischen, zuletzt Corona, die Sperrmüllhöfe waren geschlossen und Sozialkaufhäuser hatten dicht gemacht. Meine Idee ist, bevor ich in Rente gehe, will ich meinen Besitz deutlich verkleinern. Alles Überflüssige muss weg. Ich hatte schon immer einen Hang zum Minimalismus. Vielleicht ist es auch der Grund, warum ich raspelkurze Haare trage, ich muss nicht ständig über meine Frisur nachdenken und habe so mehr Zeit, um meine Gedanken für etwas anderes zu verschwenden.

Alles Überflüssige muss weg ist mein Credo. Sicherlich steckt dahinter meine Angst, dass ich als alter Mann in einem Haufen Zeugs ersaufe. Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn ich bei Freunden ihre vollgestopften Wohnungen, Keller, Böden und Garagen sehe. Sie können nicht loslassen. Sie überschätzen den Wert ihrer Dinge. Sie glauben, dass ihr Kram eine Seele hat. Sie haben den Überblick verloren. Und wenn ich ehrlich bin, Ebay-Kleinanzeigen, Amazon, Ikea und Baumärkte machen deren Dinge-Situation nicht besser. Sie sind verloren.

Als ich anfing, traf es als erstes meine Schallplatten- und CD-Sammlung. Ich hatte sie schon seit Jahren nicht mehr angehört und nur aus sentimentalen Gründen aufbewahrt. Ich verschenkte sie an Nostalgiker und Hipster. Dann folgte meine Zeitschriftensammlung von Vogue bis Tempo. Die Magazine führen jetzt ein zweites Leben als Pappkarton. Viele Klamotten habe ich weggegeben und achte seither darauf, nicht zu viel zu kaufen. Ich trage lieber ein paar Lieblingsstücke als irgendwelche Teile, die gerade trenden. So bin ich um viele Moden herumgekommen, an die nur noch Hashtags auf Instagram erinnern. Tausende von Dias, Fotos und Prints sind in der Hamburger Müllverbrennungsanlage gelandet. Außerdem bewahre ich keine alte Technik mehr auf. Eine Tasche voller Kabel geht demnächst in den Elektroschrott. Vieles digitalisiere ich, musste aber mit Erschrecken feststellen, dass ich auch hier Megabytes an Schrott aufbewahrt habe. Alte Präsentationen, E-Mails, Filme und Fotos werden jetzt regelmäßig gelöscht. So sitze ich jetzt manchmal vor dem Handy und putze meine Clouds. Das ist mein aktuelles Lieblings-Game.

Was mir wirklich schwerfällt ist Bücher wegzugeben. Einmal habe ich es schon versucht. Ich wollte viele meiner Bücher verschenken oder verkaufen. Als sie in Kisten verpackt waren, habe ich sie wieder hervorgeholt. Es fühlte sich für mich so an, als müsste ich einen jungen Hund an der Autobahn aussetzen. Mich plagte ein richtig schlechtes Gewissen. Es ging nicht. Bücher haben mir ermöglicht, diesen Text zu schreiben, sie machen mein Leben besser. Sie besitzen eine Magie, der ich mich nicht entziehen kann. Meine bibliografische Entziehungskur wird noch lange andauern.

Wenn ich alle Bücher verschenkt habe und von kahlen Wänden behütet bin, dann hoffe ich, dass ich auch wie die alte Dame auf meinem Bett sitze, lese und mich auf das Wesentliche konzentriere. Wenn mir das gelingt, dann könnte ich sagen: Mein Leben war in Ordnung.

 

 


 

My Love

 

 

Als ich mich in meine jetzige Frau verliebt habe, wusste ich, dass es für die Ewigkeit ist. Seit der Oberstufe sind wir ein Paar und mittlerweile verheiratet. Ob ich mir ein Leben ohne meine Frau vorstellen könnte? Ehrlich gesagt nein. Wir werden gemeinsam alt werden. Auf Netflix erzählen sechs Paare aus verschiedenen Ländern über ihre Liebe. Alle sind viel älter als ich. Sie haben gute und schlechte Zeiten hinter sich und sind immer noch gemeinsam glücklich. Die stillen und zärtlichen Porträts sind rührend, witzig, ehrlich und leise. Mag auf diesen alten Hütten viel Schnee liegen, in ihrem Inneren wummert immer noch ein heißer Ofen. Wahre Liebe erlischt nicht. Sie glüht immer weiter. Beim Zuschauen wird einem ganz warm.

My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe – Verfügbar auf Netflix

 

 


 

 Der stumme Frühling

 

 

Es gibt Felder, an denen ich im letzten Sommer vorbeigekommen bin und keine Schwalben oder andere Vögel gesehen habe. Der Grund für diese leblosen Äcker ist ihre intensive Nutzung. Der NABU schreibt auf seiner Website: „... das dramatische Vogelsterben der letzten Jahrzehnte hat kaum mit gestiegenen Todeszahlen bei ausgewachsenen Vögeln zu tun. Sondern damit, dass nicht genug Jungvögel großgezogen werden. Und das passiert, wenn Vögel keinen geeigneten Lebensraum und nicht mehr genügend Nahrung finden.“ Und das Phänomen ist nicht neu. 1963 erschien Rachel Carsons Öko-Klassiker. Hier beschreibt sie, wie Pestizide ganze Lebensräume zerstören und damit zu einer Gefahr für Tiere und Menschen werden. Es hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Wir wissen, was passiert, wenn wir so massiv in die Natur eingreifen, warum lassen wir es immer noch zu? Ein empfehlenswertes Buch.

Der stumme Frühling – Rachel Carson, 443 Seiten, C.H. Beck

 

 


 

 Fuse

 

 

Das Elektronik-Pop-Duo hat nach 24 Jahren wieder ein neues Album herausgebracht. Es ist cooler und zurückhaltender Dubstep. Es ist wie damals: gekonnte Melancholie. Musik, mit der ich morgens in die erste U-Bahn gestiegen bin, meine Bomberjacke roch noch nach Zigarettenqualm und ich freute mich schon wieder auf die nächste Clubnacht. Das Tracey Thorn und Ben Watt wieder zusammenarbeiten, hat mit Corona zu tun. Wegen der Autoimmunkrankheit von Watt haben sich die beiden zu Hause isoliert. "Aber als wir am anderen Ende ankamen, haben wir uns angeschaut und gefragt: Was nun? Wie machen wir dort weiter, wo wir aufgehört haben? Oder haben wir uns verändert? Wollen wir etwas anderes machen?", erzählten die beiden der Frankfurter Rundschau. Schön, dass sie weitermachen. Ein Glück für uns.

Fuse – Everything but the Girl, verfügbar auf Appel Music und Spotify

 

 


 

Daisy Jones and the Six

 

Die Sängerin Daisy stellt in dieser fiktiven Doku-Style-Geschichte über eine Rockband aus den 70er-Jahren eine wichtige Frage: „Bin ich nur die Inspiration für deinen nächsten großartigen Song?“. Der Typ, an den sie die Frage richtet, findet das nicht falsch, aber Daisy lässt sich nicht darauf ein und sagt: „Ich bin nicht daran interessiert, die Muse von irgendjemandem zu sein!“ Die Geschichte handelt von einer Band, die über Nacht erfolgreich wird und auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes auseinanderbricht. Die Serie bietet nicht nur eine gute Story, sondern auch gute Musik, Darsteller und Ausstattung - sie ist möglicherweise die stilvollste Serie des Jahres.

Daisy Jones and the Six – Verfügbar auf Amazon Prime

 


 

Das glückliche Geheimnis

 

 

Es ist eine Weile her, da fand ich an einem Altpapiercontainer Kontoauszüge von einer jungen Frau. Sie hatte sie achtlos entsorgt und sie fielen mir praktisch vor die Füße. Aus Neugier recherchierte ich im Netz. Schnell wurde ich fündig. Sportliche junge Frau, die gerne reist, gebildet ist und als Managerin bei einer großen Kosmetikfirma arbeitet. Sie verdiente gut, aber sie lebte ein wenig über ihre Verhältnisse. Seltsamerweise war diese leichtfertige Frau mir plötzlich vertrauter als eine Romanheldin. Dem Schriftsteller Arno Geiger ging es ähnlich. Jahrelang hat er Altpapiercontainer durchforstet. Immer auf der Suche nach Büchern, Zeitschriften und Postkarten, die er dann auf Flohmärkten verkaufte. Manches von dem, was er fand, beispielsweise Tagebücher oder Briefe, machten ihn nachdenklich. Das Altpapier-Flanieren hat ihn glücklich gemacht. Ich kann es verstehen.

Das glückliche Geheimnis – Arno Geiger, 240 Seiten, Hanser Verlag

 

 ***

Ich hoffe, dir hat mein Monatsrückblick gefallen. Vielen Dank für deine Zeit. Im Juni gibt es einen neuen "Lost & Found". Hoffentlich trage ich dann schon Shorts. Hab eine schöne Zeit. Bis bald.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt als PR-Berater noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 

 

 


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