Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 6

Seit zehn Jahren beherbergt Stefanie Wilke regelmäßig Untermieterinnen und Untermieter. Nicht etwa aus Barmherzigkeit: „Pas du tout!“. Als unfreiwillig Alleinerziehende braucht sie das Geld. Denn leider haben die Eltern ihr kein Friesenhaus auf Sylt vermacht – der Papa hat die Kohle beim Black Jack verballert. Als Vermieterin teilt sie mit Höflingen, blinden Passagieren, Gespenstern und Pionieren die Küche und das Bad. Das Erlebte hat sie kurz und bündig für SoSUE als Serie aufgeschrieben.

 


 

 

Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung

 

Kapitel 6

Von Stefanie Wilke

 

 

Blinder Passagier an Bord

Als ich das erste Mal von Torsten hörte, lebte er noch in Mexico City. Mein Inserat für das rosa Zimmer hatte diesmal weniger streng geklungen, und ich konnte mir vorstellen, auch an einen Studenten zu vermieten. Ein weit gereister junger Mann saß nun also in Mexico City und wollte zurück nach Deutschland, um in Hamburg sein Ingenieurstudium zu beenden. Wir tauschten nur zwei, drei Mails aus, um zu klären, ob wir es miteinander versuchen wollten. Ich fand den Aspekt sympathisch, dass Torsten sich ganz gezielt dafür interessierte, mit zwei Hunden und familiärem Anschluss zusammenzuleben, und er erkundigte sich detailliert, ob es möglich wäre, mit den Tieren spazieren zu gehen, und ob die beiden auch in sein Zimmer dürften. Seine Art, auf Menschen und Haustiere zuzugehen, war ungewöhnlich in der Hinsicht, dass er immer genau fragte und – was ich im Laufe unseres Zusammenlebens entdeckte – ebenso gründlich darin war, jegliche Interaktionen zu beobachten und auf Nachfrage auch zu analysieren. Einige Wochen später begrüßten wir also einen neuen Mitbewohner mit einem bemerkenswerten Wahrnehmungsspektrum, der in einem anderen Zeitkontinuum lebte. Dafür verließ er kaum sein Zimmer.

Wenn ich Torsten in der Küche oder im Flur begegnete schien sich mein Tempo automatisch zu verlangsamen. Einfache Verrichtungen, wie Möhren zu schälen oder die Spülmaschine auszuräumen, führte ich plötzlich eine Spur bedächtiger aus. Torsten wiederum brauchte auch mal eine volle Stunde, um eine Aubergine in exakt gleich große Würfel zu schneiden. Stundenlang simmerten Ingwerstückchen in Wasser auf dem Herd: Der Trunk half ihm bei Atemwegsinfekten. Torsten lebte hauptsächlich von Körnern, die er in großen Eimern importierte und in seinem Zimmer aufbewahrte. Irgendwann gesellte sich auch noch ein Kombucha-Pilz dazu. Nach Spraydosen und übertrieben zahlreichen Küchenschwämmen war der Kombucha-Pilz eine weitere Errungenschaft, an die ich mich gewöhnen musste. Irgendwie ekelte ich mich davor.

 

 Ein namenloser Mitbewohner und die Mitgliedschaft in einem internationalen Netzwerk

 

Wenige Wochen nachdem Torsten bei uns eingezogen war, kündigte er einen Gast fürs Wochenende an. Bis heute weiß ich nicht seinen Namen, obwohl er gleich mehrere Wochen blieb. Der blinde Passagier hatte ebenfalls die Gabe, sich unsichtbar zu machen: Ich sah ihn weder im Bad noch in der Küche. Wohl aber wartete ich darauf, dass Torsten sich zu dem Dauergast äußern würde. Was nicht geschah. Nun lebten sie also zu dritt im rosa Zimmer. Torsten, der Kombucha-Pilz und der blinde Passagier. Auf höfliches Nachfragen erfuhr ich, dass er aus Mexiko kam und in der Hamburger WG von Torstens Freundin keinen Platz gefunden hatte, weil dort nur Frauen wohnten. Irgendwie logisch, dass er dann in die Elbchaussee gehörte.

Torsten hatte seine Freundin Paula in Mexico City kennengelernt, als er beim Couchsurfing bei ihrer Großfamilie übernachtet hatte. Ich nahm an, dass es sich bei dieser Aktion um einen Aufenthalt von mehreren Wochen gehandelt haben musste – so schnell war Torstens Eroberung sicher nicht vonstattengegangen. Ohne jegliche Anstrengung war ich nun also ein Mitglied der internationalen Couchsurfing-Community geworden. Ich beschloss, mich nicht mit den AGBs aufzuhalten. Es handelte sich schließlich nur um ein paar Wochen. Als weltoffene Gastgeberin will man da ja nicht so sein.

Torsten war ein Meister der Entspannung, selbst auf kleinstem Raum. Die noch in der Zimmerdecke verbliebenen Dübel von der Schaukel aus Kindertagen boten ihm eine willkommene Einladung, seinen lockeren Lifestyle zu perfektionieren: Eine moderne Kombination aus Hängematte und Yogaschaukel drängte sich da doch geradezu auf. Im Hambacher Forst wäre dieses vielseitige Utensil sicher ebenso einsetzbar gewesen. Oder in einer Aufzuchtstation für verwaiste Faultiere. Jedenfalls verließ Torsten das rosa Zimmer nun noch seltener als gewöhnlich und hing am liebsten unter Decke in seiner Höhle ab. Ob er dabei Körner knabberte, weiß ich nicht. Die Tatsache, dass er gemeinsam mit Paula regelmäßig Lindy-Hop-Tanzsessions besuchte, zerstreute meine Bedenken, er könnte einfach für immer dort hängen bleiben. Mich überraschte, dass ausgerechnet Torsten sich für diesen dynamischen Tanz begeisterte. Er bot mir sogar an, doch mal mitzukommen.

Kapitel 7 demnächst hier auf dem Blog. Nicht verpassen.

 


 

 

Stefanie Wilke wächst auf Sylt am Strand unter Piraten und FKK-Fans auf. Schon als Kind sah sie an der Buhne 16 Prominente „wie Gott sie schuf“. Diese Impressionen trugen möglicherweise dazu bei, dass sie mit Mitte zwanzig als Redakteurin bei der GALA anheuerte, und dort auch Knuth kennenlernte. Seit etwa zehn Jahren schreibt sie Kolumnen über Liebeskummer und Lebenskummer. Immer wieder auch für Sue, die sie bereits kannte, als Sue noch als TV-Reporterin Hollywood-Stars in Cannes interviewte.


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