Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 5

Seit zehn Jahren beherbergt Stefanie Wilke regelmäßig Untermieterinnen und Untermieter. Nicht etwa aus Barmherzigkeit: „Pas du tout!“. Als unfreiwillig Alleinerziehende braucht sie das Geld. Denn leider haben die Eltern ihr kein Friesenhaus auf Sylt vermacht – der Papa hat die Kohle beim Black Jack verballert. Als Vermieterin teilt sie mit Höflingen, blinden Passagieren, Gespenstern und Pionieren die Küche und das Bad. Das Erlebte hat sie kurz und bündig für SoSUE als Serie aufgeschrieben.

 


 

 

Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 

Von Stefanie Wilke

 

Kapitel 5

 

 

Neun Welpen ziehen ein

Im August wurde meine Hündin läufig und ich träumte tatsächlich von einem Wurf Welpen. Ich hatte unsere Juli mit einem Border Collie im Heine-Park zum Stelldichein verabredet. Mit seinen Besitzern, einem sympathischen Paar aus der Nachbarschaft, hatte ich vereinbart, dass ich für alles die Verantwortung übernehmen und ihnen auf Wunsch als Gegenleistung einen Welpen ihrer Wahl überlassen würde. Die beiden waren vollkommen unkompliziert und teilten sich eine Zigarette, während sich unsere Hunde vergnügten. Im Gegensatz zu allen anderen Haltern von Rüden, die ich für mein Vorhaben angesprochen hatte. Die Besitzerin eines Labradors hatte auf meine höfliche Nachfrage entrüstet erwidert: „Mein Hund soll keinen Sex haben!“

Die Trächtigkeit dauert bei Hunden zwei Monate. Bald stellte unser Tierarzt per Ultraschall die Trächtigkeit fest. Zwei Wochen vor dem geschätzten Geburtstermin ließ ich ein Röntgenbild machen, um die Welpen zu zählen. Niemals werde ich den Anblick dieses Bilds vergessen. Der Tierarzt und sein gesamtes Team standen am Monitor und zählten zehn Wirbelsäulen.

Der Zeitpunkt der Geburt rückte näher. Wir waren in gespannter Erwartung. Meine Erstgeborene blieb gelassen, die logistische Vorbereitung war bestens gelaufen. Sie war die Pragmatikerin in der Familie und hatte bereits vor ihrer Einschulung ganz allein Billy-Regale aufgebaut. Sie führte gern Regie, und da sie in den meisten Situationen einen kühlen Kopf behielt und souverän war, überließen wir ihr gern diese Rolle. Gegen 18 Uhr ging ich noch mal Gassi und dabei setzten die Wehen ein. Bei uns entstand eine Art Schwarmintelligenz. Mein Tierarzt war im Stand-by-Modus für Fragen am Telefon bereit. In den kommenden Stunden wurden insgesamt fünf männliche und vier weibliche Welpen geboren, allesamt lebend. Das Schlusslicht erblickte um 2:30 Uhr das Licht der Welt: Das weiße Weibchen mit den unzähligen schwarzen Flecken ließ ein so lautes Gemecker erklingen, als wollte es sich über die lange Wartezeit beschweren. In dieser Nacht wusch ich drei Maschinen Kochwäsche. In den kommenden acht Wochen würde ich keine einzige Nacht durchschlafen. Ich hatte mir eine Herausforderung gewünscht und ich hatte sie bekommen. Noch in derselben Nacht beschloss ich, die Hündin mit dem braunen Fell zu behalten. Obwohl ich es niemandem verriet, war es allen Anwesenden klar.

Fortan verbrachte ich die Tage und Nächte überwiegend auf den Knien. Eine gewisse Demut kann ja nie schaden, und ich hatte schließlich eine Transformation heraufbeschworen. Wischen und Wachen lautete die Devise. Die ersten drei Wochen sind in solchen Situationen ein Kinderspiel im Vergleich zu dem was kommt wenn die Welpen mobil werden. Proportional zur Mühsal wurden meine neuen Untermieter immer niedlicher. Wir sahen ihnen stundenlang beim Trinken oder Spielen oder Schlafen zu. Am liebsten mochte ich den Moment, wenn sie nach ausgiebigem Toben alle gleichzeitig in den Schlaf fielen, übereinander, wie zu einer Felltorte gestapelt, und dabei leise zufriedene Schmatzer von sich gaben.

Ein Welpe oder Nilpferdbaby? Egal, beide auf dem Foto sind müde, satt und glücklich

 

Der Hundemutter wurde mit neun Welpen beim Säugen enorm viel abverlangt. Nach drei Wochen trat sie in den Streik und knurrte ihre Welpen an. Also fing ich damit an, den Welpen Ziegenmilch zu füttern. Das Pulver war ein Import aus Neuseeland von einer Bio-Farm, natürlich kamen bei uns nur die besten Produkte in die Näpfe. Ich verfütterte insgesamt etwa 80 Liter Ziegenmilch der Marke Golden Goat. Für diese Menge hätte ich theoretisch zwei Ziegen halten müssen. Zudem stapelten sich Dutzende Dosen Welpen-Futter in der Küche. Der regelmäßig klingelnde DHL-Bote überlegte sogar, ob er eines der kleinen Wunder nehmen sollte. Ungezählt sind die Inkontinenzauflagen, Wickelunterlagen und Küchenpapierrollen, die ich für die Hygiene verbrauchte. Mein Punktekonto beim Drogeriemarkt schnellte raketenartig in die Höhe und die Kassiererin fragte regelmäßig wie sich die Rasselbande entwickeln würde. Die gesamte Nachbarschaft war im Bilde. Ich war die Verrückte mit den neun Welpen. Vermutlich roch ich bereits nach Hund. Ich war permanent müde, verlegte meinen Autoschlüssel im Regal im „Futterhaus“ und vergaß die Einkaufstüten an der Kasse.

Seit langer Zeit war ich mal wieder richtig glücklich und vollkommen in meinem Element mit meinem Rudel, von dem ich bald Abschied nehmen würde. Jedes einzelne Tier liebte ich von Herzen. Ich kannte ihre Eigenheiten und war sehr wählerisch in der Auswahl ihrer zukünftigen Menschen. Am liebsten hätte ich sie alle behalten. Meine Töchter hatten ihnen gleich nach der Geburt die Namen der Helden unserer Lieblingsserie „Game of Thrones“ gegeben – wir mussten sie ja auseinanderhalten, und natürlich hatten wir auch unseren Spaß damit. Die Letztgeborene war Khaleesi, weil sie sehr machtbesessen und gleichzeitig empfindsam war, sie verkloppte ihre Brüder und wollte nachts in den Schlaf gewiegt werden. Khaleesi brauchte sehr viel Zuwendung, etwas Strenge hätte bestimmt auch nicht geschadet. Khal Drogo war passgenau das klassische Alphatier, Robb Stark ein anhängliches Mamasöhnchen und Jon Schnee der Liebling aller Mädchen. Er war tatsächlich schneeweiß, nur ein einige graue Tüpfel zierten seine Ohren. Der Schlafentzug ließ uns alle etwas meschugge werden. Besonders meine ältere Tochter wurde kurz vor den ersten Abi-Klausuren auf die Probe gestellt, denn sie schlief im Nachbarzimmer, und schon nach wenigen Wochen hatten die Welpen es raus, gemeinschaftlich die Schiebetür zu öffnen, um hungrig nach Milch schreiend ihr Zimmer zu stürmen. Es ging manchmal zu wie im Irrenhaus. Ich taumelte dann schlaftrunken in die Küche, um wohltemperierte Ziegenmilch anzurühren, der Lärm war erbarmungslos. Noch heute höre ich die neun durch den Flur stürmen, eine Woge Fell, Krawall und Entzücken. Ich war dazu übergegangen, die Ziegenmilch mit Bio-Reisflocken aufzukochen, so wurden die Racker schön satt für den nächsten Schlaf. Mit Honig gesüßt war das auch gleich mein erstes Frühstück um vier Uhr morgens; meist schlief ich mit den Welpen noch mal eine Runde auf dem Sofa ein. Ich war der lebende empirische Beweis, dass Hunde eine therapeutische Wirkung auf den Menschen haben – und ich benötigte offenbar eine Überdosis.

Mein Leben als Hund bescherte mir das schönste Weihnachtsfest, das ich je gefeiert hatte. Vier Welpen waren abgeholt worden. Ich weinte jedes Mal, wenn die Tür hinter den neuen Eltern ins Schloss fiel denn den Trennungsschmerz hatte ich vollkommen unterschätzt. Und deshalb schwor ich einer Karriere als Hobby-Züchterin ab. Die Wohnung schien leer als alle Welpen bis auf die Braune ausgezogen waren. Das Projekt war kostspielig gewesen, zumal ich die Zimmer renovieren musste. Es wurde also Zeit für eine neues Inserat.

Kapitel 6 demnächst hier auf dem Blog. Nicht verpassen.

 


 

 

Stefanie Wilke wächst auf Sylt am Strand unter Piraten und FKK-Fans auf. Schon als Kind sah sie an der Buhne 16 Prominente „wie Gott sie schuf“. Diese Impressionen trugen möglicherweise dazu bei, dass sie mit Mitte zwanzig als Redakteurin bei der GALA anheuerte, und dort auch Knuth kennenlernte. Seit etwa zehn Jahren schreibt sie Kolumnen über Liebeskummer und Lebenskummer. Immer wieder auch für Sue, die sie bereits kannte, als Sue noch als TV-Reporterin Hollywood-Stars in Cannes interviewte.


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