Töchter des Zornes

Darf eine Frau jemanden anbrüllen, wenn sie wütend ist? Autorin Karina Lübke findet, jede Frau sollte ihren Zorn zeigen, weil es manchmal sogar sehr hilfreich ist. Ein Plädoyer für mehr weibliche Wut unserem Leben.

Von Karina Lübke

Wer kennt noch Poesiealben? Als ich sieben Jahre alt und gerade in der zweiten Klasse war, schrieb meine Mutter mir Folgendes in das meine und damit quasi hinter die Ohren:

„Wer lächelt statt zu toben ist immer der Stärkere (Laotse)

 Möge dir, liebe Karina, diese Weisheit immer rechtzeitig im Leben einfallen“.

Ich sag mal so: Ein schlichtes „In allen vier Ecken soll Liebe drinstecken“ hätte mir als Lebensweisheit völlig ausgereicht. Denn mit „toben“ meinte sie natürlich nicht auf dem Spielplatz herumzutoben, wie ich zuerst verwirrt gedacht hatte, sondern Tobsuchtsanfälle zu bekommen. Nach diesem Eintrag vermied ich, das Büchlein weiter herumgehen zu lassen. Ich schämte mich dafür, nicht so zen wie ein chinesischer Weiser zu sein, der vor etwa 2400 Jahren in einer extrem untervölkerten und auch sonst reizarmen Welt gelebt haben musste. Ein Ideal, das ich nie erreichen konnte – und das noch nicht mal mein eigenes war.

Und natürlich scheiterte ich immer weiter daran, ein nettes Mädchen zu sein, das seinen auflodernden Zorn auf die Gemeinheiten der Welt sofort unter einem Löschschaumteppich aus falschem Lächeln erstickt. Herrje, was sollte nur aus mir werden? Nun, was immerhin

NICHT aus mir wurde, war eine raffinierte, passiv-agressive Frau, die ihre Bedürfnisse und Meinungen nicht klar kommuniziert, sondern lieber lächelnd intrigiert. Ein Mann versuchte es mal mit folgendem vergifteten Kompliment: „Ich weiß gar nicht, warum du dich immer so aufregst, du siehst doch gut aus und könntest mit deinem Leben zufrieden sein“. Als ich mich total dabei aufregte, ihm zu erklären, warum diese Aussage in jeder Hinsicht noch ein Grund mehr war wütend zu werden, legte er rasch nach: „Außerdem steht dir diese Wut gar nicht, die macht hässlich!“

Zum Glück war er nicht Laotse und ich mittlerweile schon eine ganze Weile erwachsen. Mit sowas kann mich keiner mehr kriegen: Ich finde, Wut steht mir gut. Und vor allem steht sie mir zu, so wie jedem Menschen. Wurde je einem Jungen geraten, sich eines der menschlichen Basisausstattungsgefühle abzugewöhnen? Auch der "Hulk" ist nicht schön, wenn er ausrastet und grün, grunzend und tobend aus seinen Klamotten herausplatzt; aber seine Superkräfte, die ihm aus der Wut gegen die Bösen zuwachsen, sind gigantisch und retten allen immer hübsch Netten den Arsch.

Dazu fällt mir folgende Geschichte ein. Als ich Anfang zwanzig war, fuhr ich mit meinem damaligen, fast zwei Meter großen Freund spät sonntagabends Zug. Wir saßen lesend in einem Abteil und in allen Gängen verkeilten sich reichlich besoffene, frustriert-aggressive Bundeswehrsoldaten auf dem Rückweg von einem netten Wochenende in die Kasernen. Es war eine sehr lange, langweilige Fahrt und das Handy war noch nicht erfunden. Irgendwann brauchten sie wohl mehr Unterhaltung und begannen deshalb, permanent unsere Abteiltür aufzureißen und unter Beifall und Gelächter ihrer Kameraden obszöne Sprüche hineinzujohlen. „Willst du nicht mal was dagegen tun?“ fragte ich meinen Freund empört, der einfach dasaß, Zeitung las und so tat, als ginge ihn das gar nicht an. Es war doch klar, dass diese Strategie nicht funktionieren würde! Die Gruppendynamik schaukelte sich hoch, die Situation eskalierte zunehmend, und wir hatten keine Möglichkeit, Hilfe zu rufen oder zu holen. Mittlerweile wurde zu den Obszönitäten auch brennende Zigarettenkippen in unser Abteil geschnipst. Ich hatte Angst.

„Jetzt sag was!“ forderte ich den Mann an meiner Seite auf, „rede mit denen!“.

Er guckte nur ängstlich und sagte „Was soll ich denn sagen? Das bringt doch bei solchen Leuten nichts.“

Und da war er wieder, der Hulk-Moment. Meine Angst schlug in rasende Wut um: Auf den nutzlosen Riesenkerl neben mir. Auf die Arschlöcher draußen auf dem Gang, die uns schadenfroh durch das schmierige Glas anglotzten. Ich sprang vom Sitz hoch, riss die Abteiltür auf und schrie die Typen volle Kanne an: „Ich schwöre, der Nächste, der diese verdammte Scheißschiebetür auch nur ANFASST, dem HAUE ICH DERART AUF DIE FRESSE!“.

Stille. Sie starrten fassungslos zurück. Dann knallte ich die Tür zwischen uns wieder zu, zog sämtliche schmuddelbeigen Gardinen als Sichtschutz davor und machte mich kampfbereit. Eine kleine Stimme in mir jammerte „Bist du total verrückt?! Denk mal an Laotse, wieso hast du nicht gelächelt? Das könnte jetzt gleich wehtun!“. Aber Hulkina, Adrenalin bis in die Haarspitzen,  knurrte sie entschlossen nieder: „Mag sein, aber dabei werde ich ihnen auch so sehr wehtun wie ich nur irgendwie kann“.

Was soll ich sagen: Es funktionierte. Wohl auch, weil sie meine Entschlossenheit gemerkt hatten und ich dabei eben NICHT entschuldigend gelächelt hatte, so dass meine Ansprache als Flirtversuch hätte aufgefasst werden können. Die Scheiß-Schiebetür blieb bis Hamburg zu und von draußen hörte man nur noch vereinzeltes, peinlich berührtes „Höho, hast du die Alte gesehen?“ sowie gedämpftes „Die ist ja total durchgeknallt. Der arme Typ“.

Aus männlicher Solidarität hatten sie jetzt plötzlich sogar Mitleid mit dem nutzlosen Mann an meiner Seite, der es mit so einer Furie aushalten musste.

Es ist schon lustig. Obwohl Frauen tausend Gründe mehr haben, wütend zu werden als Männer, haben sie offenbar keine Lizenz dazu. Hey, jede Woche werden statistisch zwei Frauen von ihren (Ex)Partnern umgebracht, dann wären da noch alltäglich der Pay-Gap, der Orgasm-Gap, Sexismus, Diskriminierung und systematische Abhängigkeit und Verarmung durch Mutterschaft und Ehegattensplitting, um nur die gravierendsten zu nennen. Lass doch mal gut sein? Was für ein Unsinn – man kann logischerweise nur Sachen gut sein lassen, wenn sie es denn sind. Nein, Wut ist keine peinliche, unweibliche Unart, sondern ein mächtiger Indikator dafür, dass irgendetwas gewaltig schiefläuft. Männer hassen diesen Trick!

„Denn gute Gründe, mich mehr oder weniger aufzuregen, gibt es immer wieder - ganz im Gegensatz zu Wundern.“

Wer Frauen aus Eigennutz pseudo-besorgt rät, einfach nicht mehr wütend zu werden, weil sie sich damit nur selber schaden würden, könnte auch vorschlagen, rot leuchtende Sicherheitslampen im Atomkraftwerk rauszudrehen, um das Problem zu lösen – oder es wenigstens nicht mehr sehen zu müssen. Wenn dem Mann dann alles um die Ohren fliegt, ist der fassungslos, weil er die Kernschmelze gar nicht hat kommen sehen. Es war doch alles in Ordnung! Mein innerer Grenzschutz hat meinen persönlichen Sicherheitsbereich mit Wut vermint. Wer die vielen freundlichen Warnschilder kilometerweit davor – „Stop“ ... „STOP! Hier nicht weiter!“ und schließlich „BIST DU LEBENSMÜDE? AB HIER KEINEN SCHRITT MEHR!“–ignoriert, ist selber schuld. Dabei bin ich eigentlich supernett, die Welt lässt mich nur so selten.

Neulich war es mal wieder soweit. Ein großes, berufliches Projekt, was so gut wie abgeschlossen war, wurde kurz vor der Umsetzung noch einmal ohne jede Not umgeworfen und das Ergebnis war schrecklich. Nun wurde es mir stolz als die bessere Alternative präsentiert. Nach der ersten Schockstarre rasten in meinem Hirn typisch weibliche Gedanken: Wie konnte ich meine Ablehnung deutlich formulieren, aber ohne dabei herrisch zu wirken, oder zickig oder rechthaberisch oder schwach oder bedürftig, beleidigt oder hysterisch, hormonell herausgefordert oder aggressiv, eiskalt, nicht teamfähig, arrogant, genervt, irrational, oder nervig oder sexuell unbefriedigt oder zu emotional oder zu hart oder zu selbstgerecht oder – um Gottes Willen! – gar wütend zu wirken?

Dann dachte Hulkina nicht länger nach, sondern rief in die Zoomkonferenz: „Spinnt ihr jetzt total? Nur über meine Leiche! NO! FUCKING! WAY!“. Das reichte. Bis zum nächsten Mal. Denn gute Gründe, mich mehr oder weniger aufzuregen, gibt es immer wieder - ganz im Gegensatz zu Wundern.

Meine Tochter ist übrigens fast so alt wie ich damals in dem Zugabteil. Als Kleinkind in ihrer Selbstbestimmungsphase hatte sie spektakuläre Wutanfälle. „Gefühlsstark“ heißt das in der Pädagogik heutzutage. Mittlerweile hat sich das ausgewachsen, sie ist unfassbar sozial, klug, rücksichtsvoll und höflich. Sie glaubt noch, dass Frauen und Männer gleiche Berufschancen haben; dass man sich nur genug anstrengen muss, um Erfolg zu haben und dass man jedes Problem mit jedem in Ruhe ausdiskutieren könnte. Also, von mir hat sie das nicht. Es macht mir manchmal Angst, wie unterwältigend sich das Leben ihr als Frau gegenüber verhalten wird. Und ich möchte ihr mit Herzblut ins geistige Poesiealbum schreiben:

Bitte, Liebling, bleib immer wütend. Für dich. Denn wer tobt, statt zu lächeln, ist, wenn’s darauf ankommt, doch die Stärkere.

Nimm dies, Laotse.

 


 

 

Karina studierte erst Design, machte ein Diplom in Mode und absolvierte dann bei Wolf Schneider die Hamburger Journalistenschule. Sie wurde anschliessend Redakteurin und Kolumnistin bei TEMPO und schrieb dann freiberuflich für einige Magazine. Ihre monatliche Kolumne "Bitte recht feindlich" in der Zeitschrift BARBARA hat eine große Fangemeinde und ist als Buch erschienen. Zwischendurch heiratete sie, zog eine Tochter und einen Sohn groß. Mehr erfahrt ihr hier.

 

Ihr neues Buch „Bitte recht feindlich“ ist jetzt im Buchhandel erhältlich. Es geht um Kerle und Kinder und kindische Kerle, um Politik, Gesellschaft, Geld und gute Worte. Und um Liebe – trotz allem. Dieses Buch fasst ihre besten Kolumnen aus der Zeitschrift BARBARA zusammen und enthält neue, bisher unveröffentlichte Texte.


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