Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung

Seit zehn Jahren beherbergt Stefanie Wilke regelmäßig Untermieterinnen und Untermieter. Nicht etwa aus Barmherzigkeit: „Pas du tout!“. Als unfreiwillig Alleinerziehende braucht sie das Geld. Denn leider haben die Eltern ihr kein Friesenhaus auf Sylt vermacht – der Papa hat die Kohle beim Black Jack verballert. Als Vermieterin teilt sie mit Höflingen, blinden Passagieren, Gespenstern und Pionieren die Küche und das Bad. Das Erlebte hat sie kurz und bündig für SoSUE als Serie aufgeschrieben.

 

Elbe 15 - Eine Art Heimaterzählung 

Von Stefanie Wilke

 

Kapitel 1

 

Prolog

Vor nicht allzu langer Zeit lebte mit meinen beiden Töchtern und einem Hund in einer Fünf-Zimmer-Wohnung in einem Mehrparteienhaus an der Elbchaussee. Mit von der Partie waren zehn Untermieterinnen und Untermietern. Sie mieteten entweder das rosa Zimmer mit zwei Fenstern zum Hof oder aber das Grüne mit dem Fenster zur Elbchaussee. Es war ursprünglich durch eine Schiebetür mit dem Wohnzimmer verbunden und diente einst als Esszimmer. Von diesem gesellschaftlichen Entwurf hatte ich mich zu dieser Zeit weit entfernt.

Damals wurde ich aus einer Notlage heraus zur Vermieterin. Mein Mann war nach zehn Jahren zu dem Schluss gekommen, dass wir doch nicht so gut zusammenpassen würden. Teil des Problems war, dass ich das vollkommen anders sah. Ich musste erleben, dass die Abwesenheit eines geliebten Menschen mehr Präsenz als seine Anwesenheit entwickeln konnte.

Ich möchte von den Menschen erzählen, die mit uns wohnten; mit eigentlich Fremden mit denen wir das Badezimmer und unsere Küche teilten. Wer an demselben Herd kocht, lernt sich unweigerlich kennen.

Rosenkranz und Güldenstern

Nur ein einziges Mal hatte sich unser erster Untermieter Marvin in meinem Beisein länger als eine halbe Stunde in der Wohnküche aufgehalten. Ich hatte Penne all‘arrabbiata gekocht, eines der wenigen Gerichte, die mir immer gelangen und die selbst in großen Mengen das Budget nicht sprengten. Marvin, sein Kumpel Andy und ich waren fast fertig mit dem Möbelrücken. Die Wohnung hatte ihren ersten offiziellen WG-Untermieter im grünen Zimmer. Beim Möbelrücken war ein PAX-Schrank von Ikea über den beiden zusammengebrochen was sie mit Gelächter kommentiert hatten. Ich sollte bald lernen, dass die beiden nahezu unzertrennlich waren. Sie teilten fast alles, natürlich auch das Zimmer, obwohl ich nur an Marvin vermietet hatte. Zweimal in der Woche zog Andy sich in unserem 12 Meter langen Flur zum Fußballtraining um. Er wechselte seine Shirts in Zeitlupe, es fehlten nur noch die Dehnübungen und es hätte auch für einen Werbespot gereicht;  als Fans schienen wir ihm zu genügen.

An diesem ersten und einzigen Abend aßen zu dritt, drei Fremde, ich ließ mich auf die Position der Älteren zurückfallen, teilte Nudeln aus und stellte mütterliche Fragen. In meinem Innenleben hatte sich die Trauer um meine Beziehung und um meine wenige Monate zuvor verstorbene Mutter häuslich eingerichtet. Sie bewohnte alle Herzkammern. Die Gegenwart der beiden erinnerte mich an Lebensabschnitte, in denen ich junge Kerle wie sie erobert hatte. Ich verstand ihre Sprache und mochte ihre lässig aus dem Hut hervorgezauberte Höflichkeit gegenüber Müttern. Eine gute Kinderstube war ihnen nicht fremd. Und trotzdem hatten sie es faustdick hinter den Ohren.

Sie absolvierten an der Schauspielschule in der Oelkersallee einen Kurs, dort hatten sich die beiden Halbstarken gegenseitig entdeckt. Für den Andy war es ein Heimspiel, während Marvin nach einer Hospitanz in der Schutzstation Wattenmeer auf Sylt in Hamburg gelandet war. Sollten doch Rosenkranz und Güldenstern mein persönliches kleines Dänemark ein wenig aufheitern.

Gelegentlich spielte spielt Marvin Banjo bei geöffnetem Fenster, er saß dabei, mit einem Hütchen auf dem Kopf, auf der Fensterbank und sang. Meine jüngere Tochter nahm dann gern zu seinen Füßen Platz und lauschte.

Bei all meinem Wohlwollen verlor ich allerdings die Tatsache aus den Augen, dass ständig wechselnde Damenschuhe vor der Zimmertür standen. Zunächst fand ich es höflich und rücksichtsvoll, da weniger ruhestörend, dass man nachts offenbar barfuß die Wohnung betrat. Meine Philosophie „Jeder nach seiner Fasson“ hielt ich jedoch nur wenige Monate durch. Ich fühlte mich wie eine Witwe. Und insgeheim wünschte ich mir sogar, genau das behaupten zu können. Es kam mir viel einfacher und angenehmer vor, als zugeben zu müssen, verlassen worden zu sein. Dann hätte es nichts mit mir zu tun gehabt.

 

Ein Kühlschrank voller Weisheiten, der Inhalt strikt vegetarisch

Ich wachte bereits nach zwei Stunden Schlaf wieder auf und grübelte, tauchte in einer Endlosschleife hinab in das, was gewesen war. Dabei war ich davon besessen, was mein Exmann jetzt mit seiner Freiheit anfangen würde. In den Morgenstunden hörte ich dann Rosenkranz und Güldenstern kichernd und oftmals in Begleitung nach Hause kommen. Gleich war es für mich Zeit, zwei Schulkindern das Frühstück zu bereiten. Anschließend ging ich mit unserem Hund an den Elbstrand. In der Bewegung konnte ich meinen Kummer lüften.

Es wurde Herbst. Ich hatte eine 200-Stunden-Yogalehrer-Ausbildung begonnen. Was man halt so macht mit Ende vierzig. Ausgerechnet Power-Yoga: Ich wollte Muskeln und ein neues Fundament, mein neuer Stundenplan war ehrgeizig. Drei Yogakurse pro Woche hatten wir zu absolvieren, vegetarische Ernährung und Alkoholverbot. Da ich ohnehin seit meinem achtzehnten Lebensjahr vegetarisch aß, stieg ich auf vegan um – als ob ich aktuell nicht schon ausreichend viele Herausforderungen in meinem Alltag hatte. Das Alkoholverbot missachtete ich mit einer täglichen Flasche Bier. Ich glich die Sünde aus mit einer ausgedehnten Meditationspraxis.

Hätte ich mich in die Hände eines geschulten Psychologen begeben, wäre die Diagnose vermutlich manische Phase einer Depression gewesen. Vielleicht litt ich auch akut an gebrochenem Herzen, an der Tako-Tsubo-Kardiomyopathie, die nach der Form einer japanischen Tintenfischfalle benannt ist. Ich machte Yoga. Mein persönlicher Rekord lag bei zehn Minuten Kopfstand und 100 Sonnengrüßen am Stück. Ein ambitionierter Gastlehrer aus Schweden schickte uns lächelnd durch diese Tortur. Ich lächelte zurück und schwitzte wie ein Gladiator. Die vegane Kost und das Training hatten mich in einen übersinnlichen Seismografen verwandelt. Dabei befand ich mich, ohne es zu realisieren, im Kontinuum des nahenden Nervenzusammenbruchs. Mein Tonus war knackig, und innen drin herrschte die Kernschmelze. Ich roch es, wenn zwei Häuser weiter ein Schnitzel gebraten wurde. In manchen Momenten schien es mir, als könnte ich sogar die Gedanken anderer lesen. Mein Exmann hätte gesagt: „Du nervst.“

Dann kam der Abend, an dem Marvin seine menschliche Größe zeigte. Ich war von einem Yoga-Workshop direkt zu einer Schulaufführung meiner älteren Tochter gerast. Vermutlich hatte ich als Tagesration fünf Feigen und ein Brot mit Olivenaufstrich gekaut. Die Theateraufführung war als Knüller angekündigt: Die Schüler spielten Shakespeare, und im Publikum saßen mein aktueller Ex sowie der Vater meiner ersten Tochter also der Ex-Ex. Er war mit seiner zweiten Ehefrau aus Berlin angereist, das traute Paar, gewohnt perfekt synchron darin, mich zu übersehen. Auf der Bühne spielte eine Verwechslungskomödie und in den Sitzreihen der Aula meine persönliche Tragödie: Zwei Ex-Männer im Publikum, meine zwei Töchter, eine knallvolle Aula und ich allein auf einem noch freien Stuhl zwischen Eltern, die Händchen hielten.

Nach dem Schlussapplaus verließ ich eilig das Schulgebäude, vorbei an grüßenden Müttern, die ein Buffet aufgebaut hatten. An Waldorfschulen sind Veranstaltungen ein Anlass für die Eltern, ihr Engagement zu zeigen. Unsere Trennung hatte sich bereits herumgesprochen – da sind Waldorfschulen auch nicht anders als Gymnasien in Eppendorf.

Hast du gehört? Die sind getrennt.

Echt? Das war doch das Traumpaar der Klasse! Hat sie sich getrennt?

Ich glaube nicht, er wohl.

Hat er schon eine Neue? Die armen Kinder!

Ja, die armen Mädchen. Ist ja immer schwer.

Ja. Aber die kriegen es bestimmt gut hin. Hoffen wir es.

Frierend traf ich nun in der Wohnung ein, es war Februar, und ein deftiges Essen wäre sicher hilfreich gewesen. Vom Flur aus hörte ich Marvin mit seiner neuen Flamme im grünen Zimmer herumalbern. Jedenfalls meinte ich, ihre Schuhe zu erkennen. Immerhin der Hund begrüßte mich überschwänglich. Nach einer kurzen Gassi-Runde im Heine-Park kam ich in die Wohnküche die immer so viel Trubel gewohnt gewesen war. Die Wände summten in Moll. Nur unsere vier Meerschweinchen bettelten lautstark quiekend um Petersilie. Ich warf einige Büschel in den Käfig, auch sie schienen die Veränderungen wahrzunehmen.

Und dann erfasste mich die Woge der Angst und riss mich buchstäblich zu Boden auf die Knie. Mein Herz hämmerte in unregelmäßigem Takt gegen meine Brust. Was war das? Starr und wie gelähmt nahm ich wahr wie Marvin die Küche betrat.

„Ich glaube du hast eine Panikattacke. Ich habe eine Ausbildung als Rettungssanitäter“, sagte er mit fester Stimme. Rosenkranz entpuppte sich als äußerst vielseitig. „Lass uns rausgehen. Die eisige Luft wird dir guttun. Es fühlt sich schlimmer an, als es ist.“ Wir schritten schweigend, ein zwei Mal, ich erinnere mich nicht mehr genau wie oft, die Rainvilleterrasse auf und ab. Die Sterne glitzerten, daran erinnere ich mich, an meinen Blick hinauf zum Himmel. Ich hatte mich bei Marvin untergehakt, er blieb gelassen während mich die Panik weiter gefangen hielt. Und dann ging der Spuk so plötzlich, wie er gekommen war. Zurück in der warmen Küche entkorkte ich eine Flasche Rotwein. Ich schenkte mir ein Glas ein und gab meinem Retter die Flasche und zwei Weingläser, „für dich und deine Freundin. Ich werde dir immer dankbar sein.“

Wenige Wochen später, es war ihr zweiter Frühling in der Elbchaussee, wurde es mir dennoch zu bunt mit Rosenkranz und Güldenstern. Sie zogen um ins Schanzenviertel und der Banjo-Spieler wurde Mitglied einer Band.

 


 

 

Stefanie Wilke wächst auf Sylt am Strand unter Piraten und FKK-Fans auf. Schon als Kind sah sie an der Buhne 16 Prominente „wie Gott sie schuf“. Diese Impressionen trugen möglicherweise dazu bei, dass sie mit Mitte zwanzig als Redakteurin bei der GALA anheuerte, und dort auch Knuth kennenlernte. Seit etwa zehn Jahren schreibt sie Kolumnen über Liebeskummer und Lebenskummer. Immer wieder auch für Sue, die sie bereits kannte, als Sue noch als TV-Reporterin Hollywood-Stars in Cannes interviewte.


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