Knuths Lost & Found Februar

 

Es sollte ein normaler Februar werden. Am Ende hatte es der Monat in sich: Putin machte seine Drohung wahr und überfiel die Ukraine. Die Bestie Krieg tobt jetzt in Europa. Knuth ist immer noch geschockt und versucht die letzten Tage in Worte zu fassen. Trotz der vielen traurigen Nachrichten hat er in seinem Monatsrückblick wieder ein paar Kulturtipps für euch parat. Vielleicht hellen sie die trübe Stimmung ein wenig auf.

#BitterSymphony

Februar 2022 – Der dritte Pandemiefrühling. Draußen scheint die Sonne. Seit ein paar Tagen ist Krieg in Europa. Ich versuche mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, aber seit Putin die Ukraine überfallen hat, unterbreche ich meine Arbeit immer wieder, weil mich die Nachrichten überschwemmen. Ich bin besorgt. Krieg ist keine Lösung. Mit jeder Meldung wird meine Fassungslosigkeit und Wut größer. Obwohl ich spende und auf einer Demo war, fühlt sich alles falsch an. Selbst das Schreiben fällt mir schwer. Bei so vielen hässlichen Bildern fällt mir nichts Schönes ein.

Mich beschäftigt das Schicksal der vielen Flüchtlinge. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht und es ist davon auszugehen, dass es täglich mehr werden. Mit ihren Rollkoffern an der Grenze sehen viele Flüchtlinge eher aus wie Fahrgäste, deren ICE unterwegs liegen geblieben ist, weshalb sie weiter zu Fuß gehen müssen. Menschen, wie du und ich, die vor ein paar Wochen ein ganz normales Leben führten, müssen plötzlich vor Zerstörung und Gewalt weglaufen. Ein wenig Hoffnung habe ich noch, dass die weltweite Solidarität und der mutige Widerstand der Ukrainer den Kreml zum Umdenken zwingen. Manche von ihnen stellen sich unbewaffnet den russischen Panzern entgegen. Das macht mich sprachlos. Ob ich so eine Courage und Entschlossenheit aufbringen würde, bezweifele ich sehr.

Um zu verstehen, was in Putin vorgeht, schaue ich mir auf YouTube noch einmal seine Kriegserklärung an. Verschanzt hinter einem mächtigen, polierten und nackten Schreibtisch, flankiert von Tastentelefonen lässt der Präsident eines der mächtigsten Länder dieser Erde, eingerahmt von zwei russischen Flaggen, seine ganze Wut raus. Das sieht nicht nach imperialer Atommacht aus. Das sieht nach Hotelrezeption aus, wie ein Twitter-User später richtig bemerkte. Putin wirkt auf mich wie ein alter frustrierter Mann an einem Biertresen, der ein paar Schnäpse intus hat und rumblubbert, was er alles scheiße findet. Selbstbewusstsein sieht meiner Meinung anders aus. Für viele Experten ist er ein kühl berechnender Stratege. Auf mich wirkt er wie ein Amokläufer, der mit seinem Leben abgeschlossen hat und dem am Ende alles egal ist. Dieses Bild und seine Drohungen machen mir Angst. Ich will keinen Krieg wegen verletzter männlicher Eitelkeiten, Wahnvorstellungen und Gefühlsdummheiten.

Ich schäme mich. 2014 hatte Russland völkerrechtswidrig die Krim annektiert, die zum Hoheitsgebiet der Ukraine gehört. Seit acht Jahren herrscht dort Krieg, der Tausende zivile Opfer forderte. Alles nur zwei Flugstunden von Hamburg entfernt. Was ich 2014 gemacht habe? Nichts. Ich habe mich wie alle Deutschen auf die Fußball-WM gefreut und den WM Sieg gefeiert. Und danach? Habe ich auch nichts gemacht. Ich habe es hingenommen. Ich hätte mich wenigsten für den Beitritt der Ukraine in die EU einsetzen können. In den letzten Jahrzehnten habe ich es mir in meiner Selbstliebe-Lounge sehr bequem gemacht. War alles cool und krass chillig. War es das wirklich? Kriege kamen und gingen. Seit meiner Geburt gab es über hundert Kriege. Ich habe mich von der PR-Sprache der Politiker weichspülen lassen, die Kriege nur noch als regionale Konflikte oder bewaffnete Auseinandersetzung bezeichneten. Klang weniger gefährlich und lag weit weg, irgendwo in Syrien oder Afghanistan. Bei Espresso und Bananenbrot beklagten wir uns über Alltäglichkeiten und führten Anne-Will-Diskurse. Aber Krieg? Wer das Problem beim Namen nannte, war der Spielverderber.

Durch den Klimawandel, die Flüchtlingskrise und die Pandemie hat meine rosarote Welt schon ein paar Kratzer bekommen, aber jetzt mit dem Ukraine-Krieg, ist der Lack ab. Ich und viele andere sollten endlich erkennen, dass unser Dasein kein endloser Lionel-Richie-Song ist: Billige Energiepreise, Flugreisen, kostenfreies WLAN und grenzenloser Konsum sind kein Menschenrecht. Frieden, Freiheit und Menschenwürde sind es dagegen schon. Für diese Werte lohnt es sich einzusetzen. Jederzeit und überall.

 

***

 

Es ist gerade eine traurige Zeit. Leider habe ich auch keine guten Nachrichten. Aber vielleicht hilft dir ein wenig Ablenkung. Wenn mir das gelingen sollte, würde es mich freuen.

 


 

tick, tick… BOOM!

 

Als Kind gab es zu meiner Zeit nur drei TV-Programme. Die reichten aber aus, um mich mit Hollywood Klassikern zu versorgen. Dazu gehörten auch viele Musicals wie Oklahoma, My Fair Lady oder Sound of Music. Das war eine gute Schule und ich stehe dem Genre relativ offen gegenüber. Das ist der Grund, warum ich mich spontan in tick, tick… BOOM! verliebt habe. Der hoffnungsvolle Musicalkomponist Jonathan Larson (Andrew Garfield) braucht dringend einen Erfolg. Seit acht Jahren werkelt er an seinem Stück rum, mit dem er endlich den Durchbruch schaffen will. Es ist eine wunderbare autobiografische Geschichte über einen netten und talentierten Träumer, denn Larson gab es wirklich. Er wurde am Ende ein erfolgreicher Komponist. Ein Film, der gute Laune macht. Ich gebe den Spiegel recht, der schrieb, dass es ein Musical auch für Musical-Hasser sei.

tick, tick… BOOM! , verfügbar auf Netflix

 


 

Diener des Volkes

 

Normalerweise stelle ich hier nur Serien und Filme vor, die ich mir angeschaut habe. Bei Diener des Volkes habe ich jetzt erst damit angefangen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, ein ehemaliger Schauspieler und Komiker, spielt einen Lehrer, der plötzlich Präsident der Ukraine wird. Ich muss sagen, die erste Folge ist vielversprechend, sie ist gut gemacht. Die Ironie wollte es, dass Selenskyj jetzt tatsächlich Präsident der Ukraine ist und über sich hinauswächst. Er macht seinem Volk Mut, steht ihm bei und läuft nicht weg. Als die USA anboten, ihn auszufliegen, antwortete er: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“

Diener des Volkes  – verfügbar auf der ARTE Mediathek

 


 

 Meine weisse Stadt und ich

 

 

„ALLE, Männer, Frauen, Kinder, Hunde, Katzen und andere Tiere, Wild- oder Haustiere, starren mich an – die GANZE Zeit!“ Als Vincent O‘ Carter das erste Mal in Europa war, wurde er als US-Soldat als Befreier gefeiert. 1953 jedoch fremdeln die Weißen in Europa mit den Afroamerikaner, der nach seinem Studium in die Alte Welt zurückgekehrt ist, um Schriftsteller zu werden. Er verirrt sich nach Bern und bleibt dort. Leute greifen ihn in die Haare und Kinder laufen ihm nach. Die Schweizer können sich nicht vorstellen, dass ein Schwarzer Schriftsteller werden möchte und bieten ihm u. a. einen Job als Bananenverkäufer an. Er ist der einzige Schwarze in der Hauptstadt. Sein Roman liest sich, wie ein ethnologischer und soziologischer Reisebericht über die Schweiz. Ein genialer Trick von O‘Carter, so kann er sich mit seiner eigenen Situation auseinandersetzen. Großartiges Buch. Danke, dass es neu aufgelegt wurde.

Meine weisse Stadt und ich  – Vincent O‘ Carter, 440 Seiten, Limmat Verlag

 


 

Multitude

Wir stellen uns vor, in den Tagesthemen würde die Moderatorin einen Sänger zu seinem neuen Album und seinen Suizid-Gedanken interviewen. Statt zu reden, würde er ihr mit einem Lied antworten. So geschehen vor ein paar Wochen auf dem französischen Sender France 2. Dort sang der belgische Sänger Stromae seinen Chanson "L’enfer" (Hölle). Hier beschreibt er seine dunklen Gedanken. Stromae kann aber auch schwere Kost und Gesellschaftskritik fröhlich verpacken. Gerne erinnere mich an seinen Hit „Alors On Danse“ oder wie jetzt auf seiner aktuellen Platte „Santé“, in der er all die Menschen hochleben lässt, die selbst nicht feiern können. Ein faszinierender Künstler. Seine Musik und ganz besonders die Inszenierung seiner Lieder sind sehens- und hörenswert. Alors On Danse!

Multitude  – Stromae verfügbar auf Apple Music und Spotify

 

 


 

 Angela Merkel – Im Lauf der Zeit

 

„Mama können Männer auch Bundeskanzlerin werden?“ Eine Frage, die kleine Jungs ihre Eltern fragten, weil sie nur Kanzlerin Merkel kannten. 16 Jahre lang hat die kinderlose Naturwissenschaftlerin aus Ostdeutschland dieses Land regiert. Das war eine lange Zeit. Nun ist Merkel weg. Auf ARTE gibt es eine Dokumentation, der ihren politischen Aufstieg von Kohls Mädchen zur Bundeskanzlerin beschreibt. Eine Anekdote aus der Doku: Ivanka Trump fragte die Bundeskanzlerin einmal, was sie am liebsten tue, um zu entspannen. Ihre Antwort: „Mit meinem Mann im Garten sitzen und Musik hören.“ Ivanka Trump war sprachlos. Sagt das nicht viel über diese Frau aus? Ich habe viel Neues erfahren. Wie sie sich in einer Männerwelt durchgesetzt hat, ist immer noch sehr beeindruckend.

Angela Merkel – Im Lauf der Zeit , verfügbar auf der ARTE Mediathek

 


 

Economic Words

 

Mein Neffe fragte mich: „Warum wollen alle Eltern, dass ihre Kinder irgendwas mit Ökonomie studieren?“ Ja warum eigentlich? Für mich war BWL zu langweilig. Selbst mit Wirtschaftsartikeln habe ich meine Mühe, weil sie mir zu viele Worte wie „Synergie“, „ergebnisorientiert“ oder „Quick Win“ enthalten. Nun hat mich die Künstlerin Anke Becker überzeugt, dass es auch anders geht. Sie hat in Financial-Times-Artikeln alle überflüssigen Worte mit schwarzen Filzer gestrichen, bis nur noch Lyrik-Fragmente übrig blieben. „I don‘t long for love I miss random encounters.“ Den Unsinn im Sinn zu finden macht richtig Spaß. Nichts für NTV-Gucker und Excel-Tabellen-Liebhaber, die sich an ihrem Lebens-Portfolio abrackern.

Economic Words – Anke Becker, 480 Seiten, adocs Verlag

 

Danke, dass du dir etwas Zeit genommen und meinen Beitrag gelesen hast. Ich hoffe, dass ich dich auf andere Gedanken bringen konnte. Bleib gesund! Wir sehen uns im März wieder. Vielleicht mit besseren Nachrichten. Bis bald!

 


 

 

Knuth Kung Shing Stein ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken als PR Berater und Content Curator. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.

 

 

 


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