Knuths Lost & Found Dezember

 

Hier ist wieder Knuths Monatsrückblick Lost and Found. Erfahrt welche Gedanken ihn im Dezember beschäftigt haben und welche Tipps er für euch parat hat. Achtung Spoiler-Alarm: Alles dreht sich diesmal um das alt werden. Vielleicht schaut ihr Mal rein, denn so jung kommen wir nicht mehr zusammen.  

#Oldschool

Dezember 2021 – Die Erde ist 4.6 Milliarden Jahre alt und wurde im Januar wieder ein Jahr älter. Sie hätte kein Problem damit, wenn ich sie als alt bezeichnen würde. Das gilt nicht für seine Bewohner, die vor rund 10.000 Jahren sesshaft wurden und seitdem diesen Planeten zivilisieren. Im Anthropozän, dem vom Menschen geprägten Zeitalter, wird das Wort „alt“ und alle Assoziationen, die wir damit in Verbindung bringen von Männern und Frauen gerne vermieden. In unserer Achtsamkeitswelt setze ich es nur noch mit Bedacht ein, aber nicht weil ich Menschen verletzen möchte, sondern weil ich mir damit viele Missverständnisse erspare. Manufactum und ARTE gehören noch zu den wenigen Orten, wo ich „alt“ sagen kann. Hier wird es nicht als Beleidigung aufgefasst, hier ist es ein Qualitätssiegel.

Damit wir andere und uns selbst nicht alt aussehen lassen, beobachte ich immer mehr sprachliche Verrenkung.

In Familien wollen Omas und Opas nicht mehr Oma und Opa genannt werden, weil sie diesen Begriff als Stigma empfinden und sie sich nur noch älter fühlen. Firmen verweigern ihren alten Haudegen den Rang eines Seniors und greifen lieber zu Titeln wie den „Head of Something“, in ihrer Vorstellung ist der Senior eher ein Trottel, der den Anschluss an die moderne Welt verloren hat und so etwas verkauft sich eben schlecht. Auch der Begriff Erfahrung wird immer mehr durch das Wort Kompetenz ersetzt, denn jeder mit Erfahrung ist für diese Welt schon ein Fossil. Wer auf der Höhe der Zeit ist, den bezeichnen wir gerne als kompetent. In Wahrheit sind diese armen Menschen immer nur auf Speed, um nie den Anschluss zu verpassen. Selbst Farben dürfen nicht mehr betagt rüberkommen. Keiner sagt mehr Beige, weil viele damit immer noch Rollatoren assoziieren. Heute sagen wir Nude, das klingt in meinen Ohren immer ein wenig wie Idiot, aber modisch ist das ein Wow-Ausdruck, der die grauen Zellen zum Glühen bringt.

Und was passiert, wenn meine Generation das dringende Bedürfnis hat und „aus dem Krieg erzählen“ möchte? Würden wir den Satz mit „Damals“ beginnen, fällt jeder, der nach 2000 geboren wurde, sofort in einen Sekundenschlaf. Wir Älteren greifen in die Trickkiste unserer Eltern und sagen lieber: „Das gab es schon zu meiner Zeit in den 80ern - und die sind immer angesagt.“  Dieser Satz entfaltet sein Gift langsam, weil er die Jugend mit ihrer Coolheit demütigt und sie fantasielos erscheinen lässt, weil ihnen selbst anscheinend nichts Neues mehr einfällt. So lösen wir die Distanz zwischen dem damals Angesagten und dem heutigen Angesagten auf. Dieser Satz ist ein Jungbrunnen für Alte, weil er sie glauben macht, dass sie immer noch up to date sind. Aber das reicht uns noch nicht, unser Anti-Age-Zeitgeist bedient sich gerne dem Englischen, das soll die Sprache moderner und jugendlicher machen, das empfinde ich als besonders „weird“.

Ob es nun erstrebenswert ist, geistig wie körperlich immer als jung zu erscheinen, mag ich hier nicht weiter kommentieren, aber eines kann ich mit Gewissheit sagen, dass der Versuch einer faltenfreien Kommunikation eine recht blöde Idee ist.

Mein Leben ist endlich. Ich kann meine Vergänglichkeit nicht mit Worten aufhalten. Ich denke, eine sprachliche Botox-Kur macht für uns alle keinen Sinn. Am Ende sehen wir sowieso alle alt aus.

 

***

 

Vielleicht war es der Jahresend-Blues, dass mich im Dezember so viele Themen streiften, die sich mit dem Älterwerden beschäftigen. Warum nicht einen kompletten Lost and Found darüber machen, dachte ich mir. Hier sind meine Tipps.

 

 


 

 

The Father

 

Meine Mutter ist über 80 Jahre alt und sie ist geistig fit. Sie versorgt sich selbst und nimmt rege am Leben teil. Darüber bin ich sehr froh. Das es anders sein kann und viel leidvoller für alle Beteiligten ist, habe ich im Film The Father erfahren. Er erzählt die Geschichte des an Demenz erkrankten Anthony (Anthony Hopkins) und dessen Tochter Anne (Olivia Colman). Es ist die Innenansicht des Erkrankten: Wahrnehmungsstörungen, Verwechselungen, Vergesslichkeit, Verlust an Fertigkeiten. Das Gedächtnis spielt dem armen Kerl lauter Streiche, er erkennt die eigene Umgebung nicht mehr und kann sich nicht erinnern. Als Zuschauer weiß man am Anfang auch nicht, was ist Einbildung und was ist Realität. Anthony ist verzweifelt, für ihn fühlt es sich an, als wäre er ein Baum, der nach und nach seine Blätter verliert.

The Father, verfügbar auf Apple TV, Google play, amazon, maxdome

 


 

 Wer bin ich, wenn ich nichts mehr bin?

 

Die langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift Bunte Patricia Riekel schreibt über ihren Ruhestand. Sie ist quasi über Nacht von 250 km/h auf 15 km/h runtergefahren worden. Das Ausrollen fällt ihr nicht leicht. Ihr fehlen die tägliche Routine, das Zusammensein, aber auch die Macht vermisst sie. „Der Wechsel in den Ruhestand bedeutet den tiefsten Einschnitt im Leben. Weil uns nichts deutlicher macht, dass wir älter werden...Nicht mehr in der öffentlichen Meinung stattzufinden, fühlte sich an, als hätte ich meine Stimme verloren...“ Ein Buch, das vom Übergang in eine neue Lebensphase erzählt und neue Perspektiven zeigt. Denn es gibt ein Leben nach dem Job. Falls Frau Merkel diese Zeilen lesen sollte: Frau Bundeskanzlerin, bitte lesen sie es.

Wer bin ich, wenn ich nichts mehr bin ? – Patricia Riekel, 288 Seiten, Heyne

 


 

Love For Sale

 

Sie haben es wieder getan: Frank Sinatras Lieblingssänger Tony Bennett, 19-facher Grammy-Gewinner und mittlerweile 95 Jahre alt und Lady Gaga, knapp 60 Jahre jünger, haben wieder gemeinsam eine Platte mit Jazz-Klassikern aufgenommen. Wer auf Songs wie „Night and Day“ oder „I get a kick out of you“ steht, der sollte mal reinhören. Ein schönes Beispiel, das Alte und Junge gut voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren können. „Ich weiß, dass er 95 Jahre alt ist, aber jedes Mal, wenn ich mit ihm singe, sehe ich einen jungen Mann“, sagt Lady Gaga. Alter spielt eben keine Rolle, wenn du Lust auf gute Musik hast.

 

Love for Sale – Tony Bennett und Lady Gaga, verfügbar bei Apple Music und Spotify

 


 

Faltenfrei

 

„Wenn es schwierig wird, kaufen Frauen Lippenstifte.“ So simple ist die Strategie von Stella Martin (Adele Neuhauser). Sie schreibt megaerfolgreiche Beautyratgeber und vertreibt dazu die passende Kosmetik. Damit ist sie sehr reich und berühmt geworden. Ihre Familie interessiert sie nicht, eine Tochter hat sich abgewendet, die andere hat sie in eine Optimierungshölle getrieben und der Ehemann ist nur ein Schatten. Sie ist eine selbstverliebte, erfolgsgeile und besserwisserische Zicke, die allen auf die Nerven geht. Erst als der Verlag das neue Buchcover ablehnt, weil ihr altes Gesicht nicht mehr zum Inhalt passt, gerät ihr Leben aus den Fugen. Eine Gesellschaftskomödie, über den Jugendwahn. Adele Neuhauser ist ein echter Hingucker. Danke.

Faltenfrei , ARD Mediathek

 


 

Älter werden 

 A

Eine Sammlung an Gedanken, Beobachtungen und Anekdoten über das Altern. Das Buch hat schon viele Regalsäuberungen bei mir überlebt, weil ich immer wieder mal darin lese. Als Mann nehme ich das Älterwerden sicherlich anders wahr als eine Frau, aber ihre Gedanken zu Runzelsex, Zeit, Familie, Jugend oder Vergesslichkeit gefallen mir. „Ich habe den Eindruck, dass mit dem zunehmenden Alter mein Blick auf andere milder wird, der auf mich selbst aber erbarmungsloser geworden ist.“ Es sind solche Sätze, in denen ich mich wiederfand. Ich werde auch in Zukunft ein wenig davon naschen.

Älter werden – Silvia Bovenschen, 160 Seiten , Fischer Taschenbuch

 

Da bist du ja. Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Ich hoffe, du bist gut in das neue Jahr gekommen. Wir sehen uns in einem Monat wieder. Möge der Januar freundlich zu dir sein. Bis bald.

 


Knuth Kung Shing Stein ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken als PR Berater und Content Curator. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website Collideor and Scope.


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