Knuths Lost & Found Februar

 

Immer am Ende eines Monats schreibt Knuth einen Rückblick über Dinge, die bei ihm hängen geblieben sind. Erfahrt, warum sich sein Leben aktuell wie ein sehr langsam tropfender Wasserhahn anfühlt und über welche Bücher, Filme und Musik er sich im Februar gefreut hat.

#boreout

Februar 2021 - In der Pandemie ist mein Zeitgefühl abhandengekommen, weil sich meine Tage alle ähneln. Mein Tagesrhythmus klingt wie ein sehr langsam tropfender Wasserhahn. Es gibt kaum noch Höhepunkte. Alles ist gleichförmig. Selbst Videokonferenzen bringen keine Abwechslung.

Ich bin die ganze Zeit in einem Stream, aber das Leben läuft nicht wirklich flüssig.

Vor der Pandemie beschwerte ich mich bei jedem, der es hören wollte oder auch nicht, dass es in Hamburg zu viele Megaevents gibt. Die vollgestopften U-Bahnen und die Verkehrsabsperrungen nervten mich. Als wirkliche Niederlage der Menschheit empfand ich die vielen Junggesellenabschiede, die am Wochenende über Hamburg herfielen. Horden von heiratswilligen Männern und Frauen, die sich als Stewardessen oder Sträflinge verkleidet hatten, wollten mir Schnäpse wie „Schlüpferstürmer-Schnäpse“ aufdrängen. Ich war am Verzweifeln.

Was habe ich mich bei meiner Frau bitterlich beschwert, als sie mit mir das Jahr durchplanen wollte, weil Geburtstage, Ferien, Feiertage, Brückentage, Familienfeiern, Konzerte, Events, Grillabende, Wochenenden, verlängerte Wochenenden, Betriebsfeiern, Kaffeeklatsch, Jubiläen, Kinobesuche, Partys, Verwandte und Freunde besuchen, genau aufeinander abgestimmt werden mussten. Es war teilweise eine logistische Herausforderung. Erlebnismüde wie ich war, kämpfte ich wie ein kleiner Junge um jede freie Minute. Vergebens.

Ständig war etwas los. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre ein Misanthrop geworden. Ich wollte immer, dass mich alle in Ruhe lassen. Jetzt habe ich meine Ruhe, aber es ist langweilig. Sehr langweilig.

Im Grunde ist alles, was ich an einer Stadt gut finde, gerade nicht mehr im Angebot. Wenn ich so durch die Straße gehe, fühlt es sich wie ein schlechter verkaufsoffener Sonntag an. Natürlich brauche ich keine überlaufende Stadt, wo alles nur dem Event geopfert wird. Aber ich brauche wohl eine lebendige und vielfältige Stadt, die mich mit fordert.

Und was würde ich dafür geben, mal wieder ein komplett durchgetaktetes Wochenende zu haben. Wo ich an Nachmittagen an Kuchentafeln sitze, dicke Babys bewundere, dem neusten Familientratsch lausche und ich so viel Kaffee intus habe, dass ich zappelig werde und hektisch aufbreche, weil ich noch eine Verabredung mit Freunden habe, die mir ihre neue Küche zeigen und mich bekochen wollen.

Mir wird jetzt klar, dass mir minimaler sozialer Stress guttun würde. Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal schreiben würde. Ich mag nicht mehr, dass mein Leben so vor sich hintropft. Es soll bitte wieder fließen. Wenigsten ein bisschen.

 

***

 

Diesen Zweijahreszeiten-Monat werde ich nicht so schnell vergessen. Erst tiefster Winter und dann plötzlich fast Sommer. Ich habe mich gefreut über den Schnee und über die vielen Kinder, die jeden Hügel kaperten, um Schlitten zu fahren. Dann die plötzliche Wärme. Alle schalteten auf Mallorca-Modus um. Schlangen vor den Eisdielen und die Krokusse blühten. Hier meine Lese-, Guck- und Hörtipps.

 


 

Erste Person Singular

 

“Nichts, was leicht zu haben ist, besitzt einen Wert“, sagt ein alter Mann in Haruki Murakamis Kurzgeschichte „Creme de La Creme“. Da ist was dran, denke ich mir. Geschichten von Murakami bringen mich immer zum Grübeln. Gedanken, die ich noch nachts ins Kissen drücke und die dann wieder in meinen Träumen auftauchen. Seit ich seine ersten Erzählungen gelesen habe, bin ich ein Fan des japanischen Schriftstellers. Er ist ein Meister des Moments. Sein neues Buch ist verwirrend schön. Ich möchte mich auch mal mit einem Affen unterhalten, der Frauen ihre Namen stiehlt.

Erste Person Singular – Haruki Murakami, Erzählungen, 224 Seiten, Dumont

 


 

I Care a Lot

 

Das Wandtattoo von Marla Grayson (Rosamund Pike) könnte lauten: Fressen oder gefressen werden. Wobei sie sich für ein Raubtier hält, das gerne frisst. Mit ihrer Geliebten nimmt sie reihenweise Rentner aus. Sie lässt sie für unmündig erklären, damit sie an deren Besitz und Vermögen rankommt. Die Justiz ist ahnungslos und die Angehörigen sind machtlos. Das System ist perfekt. Auch die sehr reiche und einsame Jennifer Peterson (Diane Wiest) wird ihr Opfer. Ein Fehler. Es kommt zu einem Gemetzel. Schräger Film mit vielen Wendungen. Mein Liebling: Game of Thrones Held Peter Dinklage als Pate der Russenmafia.

I Care a Lot – Netflix

 


 

Frauen in den 60ern Jahren

 

Die ARD hat ihre Archive geöffnet und hier schlummern Schätze. Wer gerne wissen möchte, wie unsere Mütter und Großmütter so ticken, den empfehle ich die Rubrik Frauen in den 60er-Jahren. Themen wie „Vermännlicht der Sport die Frauen?“ oder „Mode am Arbeitsplatz“ geben einen Einblick in eine Zeit, die in ihrer Sprache und Bildern ein wenig bizarr rüberkommt. In dem Beitrag „Junges Mädchen oder steiler Zahn“ klagt der Sprecher, dass die Jugend unkonzentriert sei und in einer Banalität ohne Ideale lebt. Das klingt wiederum gar nicht so bizarr, sondern wie eine alte Schallplatte, die sich junge Menschen, Frauen wie Männer heute wieder auf WhatsApp von ihren Eltern gefallen lassen müssen.

Frauen in den 60ern Jahren – Sammlung; ARD Mediathek

 


 

Virgil Abloh. Nike. Icons

 

Ob ich ein Sneaker Head bin? Einer der sein komplettes Vermögen in Turnschuhe investiert, sie sammelt und sie behandelt wie andere Menschen vielleicht einen Modigliani. Ich mag Turnschuhe, besonders Air Jordans, aber ich bin kein Sneaker Head. Am Turnschuh Hype mag ich die Dynamik der Street Culture, die nach dem Motto lebt: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Es wird gehackt, remixt und dekonstruiert. Aus Hermestaschen werden Sandalen gemacht und normale Autokarren werden komplett mit Gucci Logos überzogen. Fashionbrands sind heute nichts anderes als Ready Mades. Das größte Modelabel der Welt, Nike, hat das lange schon verstanden. Zusammen mit Designer Virgil Abloh (Off-White) starteten sie eine sehr erfolgreiche Kollaboration. Das Buch ist ein schöner Drop vom Taschen Verlag. Es ist ein Schulterblick, der zeigt, wie Mode wieder relevant werden könnte. Steezy, wie der Sneaker-Head sagen würde.

Virgil Abloh. Nike. Icons. – Virgil Abloh, 352 Seiten, Taschen

 


 

Jazz Bar in Paris

 

Leider bin ich nicht wirklich zum Musikhören gekommen. Auf YouTube entdeckte ich „Jazzbar in Paris“, weil ich etwas brauchte, das im Hintergrund spielt, wenn ich arbeite. Es klingt so, als säße ein Hotelpianist in meinem Büro. Bei der Aufnahme ist an alles gedacht worden, damit es wie in einer Hotelbar klingt (Tipp: Bei YouTube anmelden, dann stört die Werbung auch nicht).

Jazz Bar in Paris – Hello Mellow

 


 

Die Ausgrabung

 

Der britische Schauspieler Ralph Fiennes spielt  einen eigensinnigen Archäologen, der einer Aristokratin (Carey Mulligan) bei einer Ausgrabung hilft. Es ist nicht der „Englische Patient“, aber Fiennes gräbt sich auch hier wieder mal in das Herz einer Frau. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Es geht um Liebe, Einsamkeit und der Gewissheit, dass alles mal zu Ende geht. Viel feuchte Erde und Tweed, aber schön.

Die Ausgrabung - Netflix

 

 

Vielen Dank für deine Zeit. Ich hoffe, es war etwas für dich dabei. Bis bald mal wieder.

 


Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website.

 

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