Knuths Lost & Found Januar

In Lost and Found schreibt Knuth über Dinge, die bei ihm im letzten Monat hängen geblieben sind. Am Anfang des Jahres überkam ihm eine tiefe Sehnsucht an Orte zu reisen, die er liebt und fragte sich, warum das so ist. Außerdem erfahrt ihr, was Knuth im Januar getröstet hat.

#MilesAndMore

Januar 2021 - Vor Jahren bin ich für eine Reportage nach Kambodscha gereist. Das Land und die Menschen haben mich sehr beeindruckt. Bevor ich wieder abreiste, fuhr ich nach Angkor Wat um die Tempelanlagen zu besichtigen. Einen Tag lang irrte ich im größten sakralen Bauwerk der Welt umher. Von der Hitze und den vielen Eindrücken erschöpft, ruhte ich ein wenig im Schatten aus. Ein Begleiter reichte mir eine frische Mango, es war ein Genuss. Den Duft und Geschmack werde ich nie vergessen.

Wenn ich heute eine Mango aufschneide, dann stehe ich nicht mehr in meiner Küche, dann stehe ich wieder zwischen den alten Mauern im Dschungel. Der Duft und der Geschmack einer Mango wecken in mir immer wieder diese angenehmen Erinnerungen. Damals fühlte ich mich dort wie zu Hause. Meine Zuneigung an diesem wunderbaren Ort lässt sich vielleicht noch mit meinen chinesischen Wurzeln erklären, das für alles Asiatische empfänglich ist, aber ich spüre ähnliche tiefe Empfindungen, wenn ich meine Bergstiefel schnüre. Sie sind schon sehr alt und waren schon ein paarmal beim Schuster, aber ich kann mich schwer von ihnen trennen. Mit ihnen bin ich über Almen gewandert und sie gaben mir halt in der Höhe. Wenn ich mir Schuhe für die Ewigkeit aussuchen müsste, dann wären es diese Bergstiefel. Sie sind mein Link zu den Bergen. Auch hier fühle ich mich, wie in Angkor Wat, sehr wohl. Aber nicht nur Gegenstände lösen bei mir diese warmen Gefühle aus. Es können auch Geräusche sein. Bei Möwengeschrei bin ich dann wieder das kleine Kind am Strand, dann tauchen bei mir im Kopf wieder die endlosen Sommertage am Meer auf. Sofort will ich wieder warmen Sand unter meinen Füßen spüren. Am liebsten würde ich dann alles stehen und liegen lassen.

Mit vielen Dingen und Situationen verbinde ich Orte, in denen mein Herz wohnt. Sie lösen in mir eine unerklärliche und tiefe Zufriedenheit aus. Sie sind mehr eine Massage als eine Erinnerung. Manche Orte sind ganz banal. Buchhandlungen beispielsweise üben eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich aus. Ihren Reiz entkomme ich schwer, egal wo ich auf der Welt gerade bin. Sie wärmen mich wie eine schöne heiße Tasse Kakao.

Die Liebe zu Orten nennt die Wissenschaft Topophilie. Auf meiner inneren Landkarte habe ich viele solcher Orte verzeichnet, zu der ich eine persönliche emotionale Beziehung aufgebaut habe. Jeder Mensch besitzt so eine Landkarte und seit unserer Geburt pflegen wir sie. Leider können wir unsere Liebe aktuell nicht praktizieren, weil es wegen der Pandemie zur Zeit nicht möglich ist, dorthin zu reisen, wo wir uns besonders wohlfühlen. Wir müssen uns mit Handybildern begnügen, wenn wir unsere Sehnsucht stillen wollen, aber das ist kein wirklicher Ersatz. Einen Sonnenuntergang an einem geliebten Ort mitzuerleben ist etwas anderes, als wenn wir ihn auf Instagram betrachten. Auch mein Bedürfnis wird von Tag zu Tag größer, aber ich muss jetzt nicht unbedingt reisen. Zu groß ist mein Respekt vor dem Virus und ich möchte keine anderen Menschen gefährden. Ich muss mich jetzt keinem Berg- oder Fischerdorf aufdrängen. Die Gipfel und Strände, die ich liebe, werden bleiben. Es bleib mir noch genügend Zeit.

Gott sei Dank gibt es auf meiner Landkarte der Lieblingsorte noch einen Flecken in meiner Nähe, den ich auch sehr liebe. Hier finde ich in der aktuellen Situation viel Zeit und Raum für Eskapismus. Es ist mein Bett. Von hier aus beobachte ich den Himmel, lausche den Vögeln im Hinterhof oder lese. Manchmal unterbricht ein Flugzeug meine Ruhe und dann rätsele ich, wohin die Menschen reisen, wo sie wohl abends sind und ob sie am Flughafen abgeholt werden. Bei solchen Gedanken schließe ich meine Augen, fang an zu träumen und dann bin ich ganz weit weg.

***

Das neue Jahr begann leise. Plötzlich wurde es sehr laut. Aufruhr in Washington. Demonstranten stürmten das Kapitol, als wäre es ein Einkaufszentrum am Black Friday. Glücklicherweise bestand der Mob überwiegend aus Idioten, die nur Selfies machten. Happy Hour im Herzen der ältesten Demokratie der Welt. Für mich war das ein popkultureller Aufstand: gegen alles für nichts oder „all you can eat“. Hauptsache Likes und viel MeTime auf allen Kanälen. Aber es gibt Hoffnung. Hier ein paar Dinge, die mich im letzten Monat getröstet haben.

 


 

Die Stille

 

„Das Leben kann so interessant werden, dass wir ganz vergessen, Angst zu kriegen.“ Dieser Satz aus dem neuen Roman von Don DeLillo beschreibt am besten seinen Inhalt. Fünf Menschen sitzen 2022 in Manhattan in einer Wohnung und wollen gemeinsam das Finale der American Football-League im Fernsehen anschauen. Aber nichts funktioniert mehr: Das TV ist schwarz, die Telefone sind still und das Web ist weg. Irgendwas ist passiert. Die Angst kriecht langsam in die Wohnung und in die Seele. Es geht um die Existenz. Intensiv, wie ein Kammerspiel.

Die Stille – Don DeLillo, Kiepenheuer & Witsch, 112 Seiten

 


 

Dirigentinnen – Frauen, die den Takt angeben

 

Der Sonntagvormittag hat bei mir meistens immer den gleichen Rhythmus. Nach einem langen Frühstück bereite ich das Mittagessen vor und höre Radio. Hängengeblieben bin ich bei einer Reportage über Dirigentinnen. Es gibt wirklich wenig von ihnen. Die Dirigentin Romely Pfund über ihren Job: „Sie müssen nicht nur die Geschicke bestimmen, sie müssen auch die künstlerische Qualität bestimmen, sie müssen den Musiker x zur Ordnung rufen, der ist ihnen dann spinnefeind –und dem anderen Musiker, dem müssen Sie eben sagen, dass er schlecht gespielt hat, das ist halt nicht so einfach. Möglicherweise fehlt da vielen Frauen ein bisschen die Power, der Mut –  wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass auch das den Männern genauso geht. Aber ich glaube, dass es die Musiker glauben, dass das ein Mann besser kann.“

Dirigentinnen – Frauen, die den Takt angeben, Radio Feature Deutschlandfunk Kultur

 


 

The Undoing

 

Die Psychologin Grace Fraser (Nicole Kidman) und ihr Ehemann, der Chirurg Jonathan (Hugh Grant), sind beide erfolgreich, beliebt und einfach reich. Ihr Leben in der New Yorker Upper Class ist wie ein endloser Stau: Stop and Go. Da passiert ein Mord und bringt das Leben der beiden durcheinander. Lauter falsche Fährten. Es war schön anzusehen, wie sich zwei Leben langsam zerlegen, als würde man bei der Vogue September Issue langsam alle Seiten einzeln rausreißen und in den Müll werfen. In den USA war die HBO Serie ein Straßenfeger und auch ich blieb dran.

The Undoing – Miniserie auf Sky und iTunes (Kauf)

 


 

102 Grüne Karten zur Rettung der Welt

 

Der Erde geht es schlecht: Erderwärmung, Verschmutzung der Meere, Zerstörung von natürlichem Lebensraum und vieles mehr. Wissenschaftler, Organisationen und NGOs haben dazu viele Daten gesammelt. Aber nun sind langweilige Excel-Listen oder Tortendiagramme nicht wirklich das Mittel, um den Ernst der Lage anschaulich darzustellen. Ganz anders die Infografiken vom Katapult Magazin. Sie sind nicht nur schön, sondern auch klug, decken Widersprüche auf und tun weh. Es soll später keiner sagen, er hätte nichts gewusst.

102 Grüne Karten zur Rettung der Welt, Katapult, Suhrkamp, 203 Seiten

 


 

Beethoven Sinfonien fürs Piano

 

Beim Schreiben höre ich gerne Klaviermusik. Sie beruhigt mich und ich komme schneller in den Flow. Aber manchmal unterbreche ich mein Tippen, dann schweigt die Tastatur und ich bin ganz Ohr. In diesen Fall war es Beethovens 6. Sinfonie, die Pastorale in einer Klavierbearbeitung von Franz Liszt. Sie ist eine meiner Lieblingssinfonien. Meine Ode an die Freude. Tatsächlich funktioniert sie auch ohne Orchester. Danach wollte ich die Welt und Hinrich Alpers umarmen.

Hinrich Alpers: Beethoven: Symphonien Nr. 1-9, Transkriptionen für Piano Solo von Franz Liszt, Sony Classical

 


 

The Hill We Climb

 

Wenn ich oben schrieb, dass es Hoffnung gibt, dann sind es die Worte von Amanda Gorman:

„That even as we grieved, we grew.

That even as we hurt, we hoped.

That even as we tired, we tried.

That we'll forever be tied together, victorious.

Not because we will never again know defeat,

but because we will never again sow division.“

Das Gedicht trug sie auf der Vereidigungsfeier von US-Präsidenten Joe Biden vor. Worte trösten und Poesie heilt. Sehr sogar.

The Hill We Climb – Amanda Gorman: das vollständige Gedicht als Video und als Text zum Nachlesen

 

Vielen Dank für deine Zeit. Bis bald. Mach es gut.

 


 

Knuth ist Gründungsmitglied von SoSUE und unterstützt noch weitere Marken. Er selbst beschreibt seine Arbeit als „irgendwas mit Medien“. Der Hamburger würde am liebsten auf einen Berg mit Strand ziehen. Mehr über Knuth erfahrt ihr auf seiner Website.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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