Mein lieber Mann ... Teil 8: Tauschhandel

An dieser Stelle schreibt unsere Autorin Briefe an „ihren Mann“, den es zwar hoffentlich schon gibt, der aber noch nicht bei ihr geklingelt hat. Die Bilder zu der Serie sind von dem Fotografen Peer Kugler. Die beiden waren vor 30 Jahren ein Paar und haben die meiste Zeit ihrer verliebten 24 Monate im Kino verbracht. Beide wundern sich darüber, dass ihre Freundschaft schon so alt ist wie der Fall der Berliner Mauer. Auf einer gemeinsamen Reise nach Bukarest vor 24 Jahren schlug Stefanie Peer vor, eine Leica mitzunehmen, seither legt er die Kamera nur selten vom Körper ab.

Teil 8

Tauschhandel

Mein lieber Mann, es ist Zeit für ein Geständnis. Den ersten Zungenkuss meines Lebens habe ich verkauft. Der Junge hieß Michael, er hatte eine Langspielplatte von Deep Purple, Machine Head um genau zu sein. Michael wollte mit mir gehen. Ich wollte „Smoke on the water“ hören. Zu dieser Zeit gab es auf Sylt das Elektrogeschäft Godbersen mit einer Musikabteilung. Dort konnte man Platten über Kopfhörer anhören und Platten bestellen, die nach etwa vier Wochen Wartezeit eintrafen. Das war undenkbar für mich. Ich musste ein Opfer bringen.

Um die Nachwirkungen meines ersten Zungenkusses zu überschreiben, benötigte ich mehrere Streifen Kaugummi, Juicy Fruit von Wrigleys war meine bevorzugte Sorte. Es war nicht das physische, was mich beschäftigte. Es war der mir entgegenschlagende Enthusiasmus, der mich erschreckte. Michael hatte offenbar seine kompletten Phantasien mit mir in seine sehr nasse Zunge und seine bebenden, fleischigen Lippen gelegt. Er spendierte eine ganze LP. Eine Single-Auskopplung wäre vermutlich verträglicher gewesen. Mit seiner Darbietung bestätigte er meine Befürchtungen. Küssen war also eine Disziplin für sich. Ein weiteres Mysterium, eine Sprache, die entschlüsselt werden wollte. 

Smoke on the water. Ich hatte keine Ahnung. Es war auch nicht nötig, ich tanzte trotzdem. Mein Körper, mein Instinkt, meine Jugend suchte nicht nach Deutung, sondern nach Euphorie. Auf der Tanzfläche in unserem Dorfclub „Rainbow“ probten meine Freundin Annette und ich Ausdruckstanz. In der Nacht stürzten wir uns in die Brandung der Nordsee. Salzige Küsse, ich hatte meine Freundin um Nachhilfestunden gebeten, das schien mir vollkommen naheliegend, schließlich handelte es sich um eine Fremdsprache, die ich beherrschen wollte. 

Mein lieber Mann, der Zungenkuss lügt nie, selbst in seiner Abwesenheit spricht er eine deutliche Sprache. Ich vermisse diese Art der Unterhaltung. 

Ein intensiver Kuss ist Ouvertüre, er ist Versprechen, er ist Verbindung, er ist Hingabe. Er ist manchmal ein Abschied. Alle Paare, die nicht mehr knutschen, sollten sich fragen, ob ihre Beziehung noch intakt ist. Verweigerte Küsse in eingespielten Partnerschaften sind passiv-aggressive Botschaften. In etwa: Schatz, ich mach’ ja schon alles was du willst, aber ich begehre dich nicht mehr. 

Du merkst, die Unbekümmertheit meiner Jugend hat sich in die Deutung verschoben – das wilde Leben bleibt ein Tauschhandel. 

Ich kenne mittlerweile die Entstehungsgeschichte von Smoke on the Water, das Album Machine Head zählt zu den wichtigsten der Rock-Geschichte. Das konnten wir fühlen, auch ohne einen Satz verstanden zu haben. Die Bandmitglieder von Deep Purple hatten 1972 in Montreux am Genfer See von den Rolling Stones ein Aufnahmestudio gemietet und Quartier in einem Nebengebäude des Casinos bezogen. Im Dezember brannte das Casino während eines Konzerts von Frank Zappa und The Mothers of Invention ab. Die Deep-Purple-Musiker entdeckten die Rauchsäule des Brands beim Blick über den Genfer See. 

Was ich noch gestehen muss –­ meine Nervosität vor dem ersten richtigen Kuss bisher nicht in Rauch aufgelöst. 

Küssen bleibt tatsächlich unberechenbar. 


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